Interview

Pete Cabrinha - Auf allen Brettern daheim

11/05/2015

"Ich bin das Produkt, das Image, das Gefühl. Und ich bin jeden Tag zehn Stunden im Büro"

Diese Jungen Herren kannte vor 30 Jahren jeder Surfer in Deutschland. In Amerika drehte sich kein Mensch nach ihnen um: Robby Naish (links) und Pete Cabrinha waren Freunde und Rivalen. Heute belauern sie sich in konkurrierenden Firmen. Der Ex-Kollege von Pete, Steve Chhismar, hat Cabrinha fürs Kite Magazin interviewt.

Interview Steve Chismar 

KITE: Man nennt dich auch den Richard Gere des Wellenreitens...

PETE: (lacht) Das hab ich noch nie gehört.

KITE: Du hast schon mit 40 Jahren schneeweiße Haare bekommen. Hat Dich das damals gestört?

PETE: Das hat mich schon etwas gestört, es war einfach zu früh. Aber in meiner Familie sind alle früh grau geworden. Bei mir ging das fast über Nacht.

KITE: Hat das dir als Surfer nicht etwas von deiner Jugendlichkeit geraubt?

PETE: Nein, überhaupt nicht. Aber manche haben sich wohl gefragt: Ist der Typ jetzt alt oder jung?

KITE: Du bist in Europa, aber auch in Hawaii mit knapp über 50 eine lebende Surf-Legende. Wie fühlt sich das an?

PETE: Da steckt eine interessante Dynamik dahinter: Einerseits ist es ein schönes Gefühl, eine Art Bestätigung dessen, was man vollbracht hat. Auf der anderen Seite sollte man am Boden bleiben. Manche können damit gut umgehen, andere nicht. Man muss sich von dieser überheblichen Legenden-Euphorie befreien, sonst besteht die Gefahr, arrogant zu werden. Am Ende des Tages sind auch Legenden normale Menschen.

KITE: In den 80ern und 90ern warst du neben Robby Naish in Europa eine Berühmtheit. Wie bist du als junger Mensch damit umgegangen?

PETE: Auf Events in Deutschland haben Fans meinen Namen geschrien, ich musste Stunden lang Autogramme geben. Aber man gewöhnt sich an den Hype und hat natürlich auch Gefallen daran.

KITE: Hast Du Deinen Ruhm  ausgekostet?

PETE: Natürlich war ich stolz, aber ich bin normal geblieben, hoffe ich. Manch anderer Sportler hat im Gegensatz zu mir an seiner Glorifizierung gearbeitet. Die haben sich von ihrem Ruhm genährt.

KITE: Du kennst auch Hollywood- und Rock-Stars, die das tun? 

PETE: Ja, durch Windsurfen und Kitesurfen habe ich viele Hollywood-Stars kennengelernt.  Ich möchte dir ein Bespiel für einen coolen und geerdeten Star nennen: Der Bass-Gitarrist von Guns N’ Roses, Duff McKagen.

KITE: Das Leben mit Star-Status ist nicht immer einfach?

PETE: Auf meiner Ebene ist es schön, ein Star zu sein. Aber Surfen und Kitesurfen sind kleine Nischen. Die Menschen, die mich kennen, schätzen mich, weil sie den Sport lieben.

KITE: Dennoch bist du ein Glückspilz: Du bist in Hawaii aufgewachsen, Windsurf-Profi geworden, hast eine eigene Kite-Marke gegründet. Du hast eine hübsche Frau und eine süße Tochter. Einfach nur Glück gehabt?

PETE: Ich weiß nicht genau, was mich getrieben hat, aber ich wusste damals, dass ich Windsurfen liebe und damit mein Geld verdienen wollte. Profisein war gut, aber zeitlich begrenzt. Ich machte mit mir selber eine Abmachung: Ich wollte auf Dauer mein Leben mit dem Wassersport verdienen. Ich wollte immer ein Rider bleiben, aber gleichzeitig den wirtschaftlichen Aspekt der Firmen verstehen.

KITE: War Robby Naish, dein damaliger Freund und Rivale, eine Hilfe dabei?

PETE: Ja.

KITE: Damals Windsurf-Rivalen und heute Rivalen im Kite-Business...

PETE: Robby ist meine Konkurrenz, aber ich sehe ihn nicht als einen Rivalen. Eher schon die großen Firmen wie North. Ich sehe meine Beziehung zu Robby als ein großes Glück. Ich bin mit der Familie Naish aufgewachsen. Die Familie Naish war damals der Inbegriff des Windsurfens. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt und profitiert.

KITE: Robby führt seine Firma bis heute an der kurzen Leine. Man  nennt ihn auch den General. Du hast Deine Firma an die Pryde-Group verkauft. Ist er doch aus anderem Holz geschnitzt wie du?

PETE: Ist das nun gut oder schlecht, dass Robby der General genannt wird? (lacht) Ich bin nach wie vor der Brand-Manager von Cabrinha Kites. Ich bin verantwortlich dafür, in welche Richtung meine Firma geht,  ich bin zudem auch Marketing- und Design-Manager. Ich stehe hinter jedem Produkt, das bei Cabrinha Kites entwickelt wird. Ich bin das Produkt, das Image, das Gefühl. Wenn du so willst, bin ich der General, auch wenn ich die Marke verkauft habe.

KITE: Triffst Du Dich manchmal mit Robby auf ein Bier und sprichst mit ihm über alte Zeiten?

PETE: Robby trinkt kein Bier mehr. Ja, wir treffen uns manchmal im Country Club in Sprecks auf Maui. Wir haben auch überlegt, ob wir eine tolle Reise zusammen planen sollen.

KITE: Robby hat noch eine ganze Company am Bein, Du hast Ballast abgeworfen und bist nur noch Manager.

PETE: Viel Zeit bleibt mir für meine anderen Hobbys dennoch nicht.

KITE: Sag nicht, du bist ein 

Bürohengst geworden...

PETE: Das wird jetzt viele Leser erstaunen, aber ich gehe jeden Tag ins Büro und arbeite im Schnitt zehn Stunden.

KITE: Wie viel Zeit verbringst Du mit dem Kite auf dem Wasser?

PETE: Wenn die Bedingungen gut sind, komme ich drei Mal die Woche eine Stunde raus. Aber das reicht mir.

KITE: Wie bleibst du in Form? Ich meine, du hast einen durchtrainierten Adoniskörper?

PETE: (lacht) Ich geh’ schon morgens vor der Arbeit regelmäßig wellenreiten.

KITE: Fühlst du dich eher als Kiter oder als Surfer?

PETE: Ich fühle mich als Surfer. Surfen bedeutet für mich Kiten, Wellenreiten, Windsurfen und Stand-up-paddeln.

KITE: Du trainierst Deinen Körper sonst nicht?

PETE: Nein, ich habe vielleicht auch gute Gene. Meine Oma wurde 102 Jahre alt. Sie war immer entspannt und hat sich nie körperlich überanstrengt. Ich glaube, hartes Training und Extremsport fressen Jahre Deines Lebens.

KITE: Du warst doch auch ein Extremsportler!

PETE: (lacht) Stimmt.

KITE: Deine Fans weltweit haben immer noch die Bilder im Kopf, wie Du in der Eigernordwand des Surfens, der Riesenwelle von Jaws, gesurft bist. Du hast 2004 die Billabong XXL-Awards gewonnen. Hat Jaws Deinen Ruhm als einen der großen Watermen begründet?

PETE: Ja, ich glaube, dieser Award hat meinen Weltmeistertitel in der Welle beim Windsurfen an Bedeutung übertroffen.

KITE: Hattest du Angst?

PETE: Ja, aber ich muss Dir erzählen, wie es dazu kam: An diesem Tag sollten die Wellen nach der Vorhersage nicht so groß werden. Mein Tow-in-Partner Rush Randle (der Jetski-Fahrer, der Pete in die Welle schleppte; Red) und ich kamen erst später am Morgen nach Jaws. Viele hatten schon ihre Wellen geritten. Rush und ich waren verwundert, dass die Wellen größer brachen. Wir haben eine Stunde zugeschaut, wie Surfer von den Wellen zermalmt wurden. Ich hatte ein nagelneues Brett dabei, das ich nicht kannte. Ich bat Rush, mich mit dem Jetski auf die linke, kleinere  Schulter zu ziehen, um mich einzufahren. Ich kam aber einfach nicht zum Zug, weil so viele die gleiche Idee hatten. Frustriert forderte ich Rush auf, mich nach draußen zu ziehen, um die Wellen zu catchen, egal wie groß sie auch waren. Und plötzlich rollte ein Bombenset rein. Wir ließen die erste Welle vorbei ziehen, weil die zweite immer cleaner ist. Ich ließ das Seil los und musste entscheiden, ob ich die Welle wirklich nehmen sollte. Ich entschied mich dafür, und plötzlich wuchs das Ding über und unter mir zu  einem Monster. Es war meine erste Welle des Tages und die größte, die ich je gesurft bin.

KITE: Die Big-Wave-Legende Laird Hamilton sagte mir mal, dass solche Wettkämpfe wie die XXL-Awards Surfer verleiten würden, über ihre Fähigkeiten hinaus zu gehen, und dass solche Wettkämpfe unverantwortlich seien. Stimmt das?

PETE: Nein! Jeder, der große Wellen reitet, wird an großen Tagen versuchen, die größte Welle zu surfen, auch ohne XXL. Diese Mentalität kann man nicht verbergen. Für Big-Wave-Rider ist dieser Award eine Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen.

KITE: Laird ist ein versierter  Foil-Surfer geworden. Kitest du auch mit einem Foilboard?

PETE: Ja, relativ oft und gerade vorgestern. Es macht bei leichtem Wind viel Spaß und auch Sinn.

KITE: Riskierst Du heute weniger in großen Wellen?

PETE: Ja, ich habe aufgehört, Jaws zu surfen. Als ich früher Jaws gesurft habe, war das alles, was ich wollte. Heute habe ich eine andere Einstellung dazu.

KITE: Der General kämpft nicht in den ersten Reihen...

PETE: Nein, das raubt einfach viel Zeit. Zudem ist mir meine Familie sehr wichtig. Dann interessiert mich auch die Musik, ich spiele in einer Band Schlagzeug und Ukulele, ich male...

KITE: Aber wenn Du zehn Stunden am Tag im Büro hockst, da scheint Dir das ja mehr zu gefallen als Surfen.

PETE: Nein, das ist nicht wahr. Es ist eine Art Tauziehen, und ich versuche, ein gutes Gleichgewicht für mich herzustellen.

KITE: 50 Stunden gegen, na ja, sagen wir mal acht Stunden. Wo ist da ein Gleichgewicht?

PETE: Mit dieser Arbeit kann ich meinen Lebensstandard halten.

KITE: Und der ist hoch! Ist Geld so wichtig für Dich?

PETE: Ja und nein. Ich möchte meiner Tochter eine gute Ausbildung ermöglichen. Ja, dann ist Geld wichtig. Wenn aber die Arbeit als Manager meine Kompetenz als guter Vater und guter Mensch einschränkt, dann ist Geld nicht wichtig.

KITE: Würdest Du heute noch einmal das gewaltige Risiko eingehen, ein bis dahin völlig neues Konzept wie den Bowkite zu bringen?

PETE: Ja, ganz sicher.

KITE: Der Bowkite hat viele Firmen auf dem falschen Fuß erwischt. North wurde von der Entwicklung überrumpelt, und Robby Naish gestand im KITE-Interview freimütig: „Wir als Marke haben nie geglaubt, dass der Bowkite so einschlägt.“  

PETE: Ja, der Bowkite hat als Produkt die Firma definiert, und man kann auch behaupten, dass es als Produkt die Kite-Technologie definiert hat. Die Leistung und die Sicherheit des Bows haben den Sport in eine neue Dimension katapultiert.

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