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GEWINNER UND VERLIERER

05/02/2014

Es wird nicht weniger, auch wenn Pessimisten den Kitemarkt kleinreden. Nach einer Kite-Umfrage wurden zwei bis drei Prozent mehr Schirme verkauft. So sieht die Hierarchie aus:

KITE hat den Hangtime-Test mit Flugschreiber an Board erfunden. Aber wen kümmert das? „Wir haben den Eindruck, dass immer weniger Leute springen“, mutmaßt North-Chef Till Eberle, „vielleicht wollen sie nicht oder können sie nicht?“

Was bedeutet diese Beobachtung für den Markt? Wollen die Kiter nur noch Spezialisten-Kites kaufen? Motto: Was ich nicht kann, muss mein Kite auch nicht können? Oder andersrum: Bei Tricks und Moves, die ich gut beherrsche, muss auch mein Kite perfekt funktionieren.

„Der Trend“, hat Eberle beobachtet, „geht zu Spartenschirmen.“ Verlangt der Markt also Kites, die entweder fürs Cruisen und Racen, für die Hangtime, für Freestyle und Wakestyle oder für die Welle besonders geeignet sind?
Welche Folgen hat das für den Verkaufserfolg einer Marke? Die Schirm-Palette, im Marketingdeutsch: Kite-Range, „muss gut segmentiert sein“ (Eberle). Wenn das stimmt, dann ist der Markterfolg von North plausibel erklärt.

„Macht uns nicht zu groß“

North hat unter beifälligem Gemurmel der Branche in diesem Jahr wieder die Marktführerschaft zurückerobert. North-Verkaufsleiter Sven Richter geradezu euphorisch: „North hatte ein sensationelles Jahr.“ Eine 13-prozentige Steigerung der verkauften Kites bedeutet in absoluten Zahlen: North hat 4300 Schirme in Deutschland abgesetzt. Der Verkaufsschlager war wieder einmal der Rebel, von dem North 1600 Stück an den Himmel brachte. Der Kraftprotz Evo folgt an zweiter Stelle. Zur gewohnten Hierarchie gehört der dritte Platz des C-Kites Vegas. Hinter diesen großen Namen aber lauern schon die Drei-Strutegen: „Die Dreistruter wie der Neo und der Dice sind ein Wachstumsmarkt“, weiß Verkaufschef Sven Richter.

Der zweite Wachstumsmarkt erobert gerade die Verkaufsstatistiken. Till Eberle: „Es gibt einen deutlichen Trend zum Waveriding.“ Das beflügelt nicht nur die Wellenspezialisten unter den Kites, sondern auch die Waveboards. „30 Prozent aller weltweit verkauften Boards sind Directionals mit Welleneignung“, freut man sich im Hause North.

So groß die Freude ist im Hause North – man fürchtet auch den Neid der Konkurrenz ein bisschen. Eberles Bitte beim Interview: „Macht uns nicht zu groß.“
Klingt alles durchgehend logisch und folgerichtig. Aber es gibt auch eine Erfolgsstory, die genau andersrum gestrickt ist: Beschränkung auf zwei Kites, langer Produktzyklus und keine exklusive Wave-Kompetenz.

Die „corekte“ Strategie

Core, die norddeutsche Marke, liefert North seit drei Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf dem deutschen Markt. Core-Erfinder und „Kern“ der Marke, Bernd Hiss: „Wir haben die Verkaufszahlen in Deutschland leicht gesteigert.“ Bedeutet in Zahlen: Core verkaufte 4200 Kites in Deutschland. Vom Riot XR2 und 3 gingen 2550 Kites in Händlerhand. Und vom entschärften C-Kite GTS habe Core 1650 Stück verkauft. Damit hat der „Aufrührer“ seinen Erfolg als meistverkaufter Kite Deutschlands verteidigt. Und der GTS beeindruckt als Deutschlands-Unhooked-Maschine Nr. 1.  Eine „corekte“ Strategie, die „auf Nachhaltigkeit und Wertbeständigkeit setzt“ (Hiss).

„Wir haben uns im vergangenen Jahr besonders auf die internationalen Märkte konzentriert“, berichtet Hiss weiter. Vor allem in Nordamerika hat Core um 35 Prozent zugelegt. „Die Amis haben einfach Bock auf ein einfaches Konzept mit zwei Kites, einem Board und einer Bar.“ Core ist nun auch in den USA, in Kanada und Mexiko etabliert und verkauft dank dieser Erfolge weltweit rund 8000 Kites. „Sehr ordentlich für eine Marke ohne Vertriebshistorie in diesen Ländern“, freut sich Hiss.

Ein schwieriges Jahr erlebte Core – wie andere Marken auch – in Südeuropa. „Sehr tricky, diese Märkte“, fügt Hiss lakonisch an. „Dass die Branche in Deutschland soviel Auslaufware zu verkraften hatte, liegt auch an Südeuropa“, glaubt Hiss. Kites vieler Marken, die dort wegen der Wirtschaftskrise liegen blieben, wurden auf dem deutschen Markt verhökert.

Fürs kommende Jahr sieht Hiss seine gelbe Flotte weiter im Aufwand: „Wenn wir einen neuen Kite wie den XR3 bringen, spüren wir den richtigen Schub erst im zweiten Jahr.“ Hiss vertraut da auf die berühmten „Whistleblower“ am Strand. Leistung, so vermutet Core, wird belohnt.

Die Bar war nicht lieferbar

Wenn North eine neue Bar bringt, gibt’s einen Candystorm im Netz, wenn
Cabrinha eine innovative, hochtechnische Stange lanciert, passiert zuerst einmal nicht viel. Weil sie zur Hochsaison nicht lieferbar war. Der deutsche Verkaufsleiter Christian May berichtet über ein verrücktes Jahr im Hause Pryde: „Bis zum Sommer blickten wir bei Cabrinha auf das beste Jahr zurück. Dann kam die neue Bar. Oder besser: Sie kam nicht.“ Bis sie wieder liefer-Bar (hier ein Widerspruch in sich) war, haben die Konkurrenten gut verkauft. Diese Logistik-Panne der Hongkong-Zentrale warf Cabrinha nach Ansicht der Konkurrenz weit zurück. Hier liegen Wahrnehmung und Wahrheit allerdings weit auseinander: Cabrinha hat wieder über 3000 Schirme in Deutschland verkauft, ein Erfolg, der nach der Lieferpanne kaum noch möglich war. Den Oberbayern half natürlich die weltweit hohe Präsenz der Marke (May: „Egal wo ein Kiter Urlaub macht, Cabrinha-Schirme sind überall am Himmel“). Außerdem gelang den Cabrinha-Designern wieder einmal ein großer Wurf. Cabrinha bot mit filigranen Kompositionen eine ästhetische Alternative zu den grobflächigen Farbflächen der Konkurrenz.

Slingshot: Eine Marke, die in Deutschland zu den Stillen gehört, hat sich klammheimlich nach vorne geschlichen: Keiner traute den Kieler Importeuren Martens und Hohmann einen Verkaufserfolg von über 2000 Schirmen zu – im Börsenjargon erlebten die Norddeutschen eine richtige „Rally“. Da trifft es sich gut, dass der Kite zum Ereignis passt: Der Rally jubelte die Drehzahl in der Verkaufsstatik hoch. Importeur Sven Hohmann verschmitzt: „Wir nennen keine Zahlen“, um dann stolz anzufügen, dass es über 2100 Kites waren, die in deutsche Fäuste kamen. „Wir hätten noch 600 Auslaufkites draufpacken können“, verrät Hohmann. Aber gab’s (leider?) nicht. Trotzdem seien sie „monstermonsterhappy“.

Dabei bestand Anlass zur Sorge, denn die Galionsfiguren Youri Zoon und Ruben Lenten hatten bei Slingshot abgeheuert und waren zu Best übergelaufen.

Boom bei Best dank neuer Best-Boys?

Best müsste also den Booster gezündet haben mit den neuen teuren Best Boys. In Deutschland allerdings ist die Marke, die in Berlin ihren Hauptsitz aufgeschlagen hat, nicht vom Fleck gekommen: 1704 Kites will Best zwischen Flensburg, Rostock, Köln und Garmisch verkauft haben. Ein richtiges Zugpferd war nicht im Stall, der TS als meistverkaufter Kite brachte die Marke nicht aus dem Trab in den Galopp. Das deutet schon die Best-Bürden an: Im Freerider-Hauptmarkt hatte Best kein attraktives Angebot, und die Innovationsoffensive mit der neuen Bar blieb im Testsand auf dem Prüfstand stecken.

Naish steckt voller Ideen

Naish: Totgesagte leben besser. Das Totenglöcklein, das die Konkurrenz vor Jahren schon für Naish angestimmt hatte, läutet inzwischen wieder erfolgreichen Nachwuchs ein: Der Park, Naishs Universalgerät, hat 839 Liebhaber in Deutschland gefunden, der Dreistruter Ride ging 419 mal übern Ladentisch. Die Marke strotzt wieder vor Innovationskraft und wagt sich an Experimentalmodelle wie den Trip. Naish hat bei diesem Reisekite auf alle Struts verzichtet und ein Handtaschen-Packmaß erreicht.

Bandit – der einsame Kämpfer

F-One hat die Reise von der Spitze in die Mitte längst angetreten. Der Erfinder der Deltakites ist immer noch der One-Kite-Strategie verpflichtet: Bei dem mutmaßlichen französischen Marktführer  muss es allein der Bandit richten: Der clevere Franzose kann viel, manches sogar exzellent. Zahlen gibt es trotzdem keine aus Montpellier. Branchenschätzung gehen von etwa 1500 Kites aus.

Gaastra verlässt die ­Exotenecke

Gaastra: Die Rheinländer robben sich langsam aus der Exotenecke; sie dürfen bei anhaltendem Aufwärtstrend bei den Großen,   oder sagen wir: Größeren mitspielen. 1100 Kites sind nach Meldungen aus dem Hause Budig in deutsche Shops gesickert. Zu diesem relativen Erfolg hat der neue Spark beigetragen, auch die neue, aufgeräumte Bar hat den Verkauf beflügelt.

Flysurfer mit Pumpe

Flysurfer: Ein Jahr, das in der Firmenchronik unvergessen bleibt: Für einen Fly-Surfer braucht man jetzt eine Pumpe. Fast der Abfall vom wahren Glauben in der Softkite-Gemeinde.  Dafür hat die Welt (zu)lange auf den neuen Speed gewartet. Flysurfer liegt in der Verkaufshierarchie nach Schätzungen bei etwa 1000 Kites.

Ricci stellt der Krise ein Bein

RRD: Die italienische Nationalmarke Roberto Ricci Design hat die heimische Krise mit Erfolgen nördlich der Alpen kompensiert. „Wir haben die RRD-Stückzahlen verdoppelt“, freut sich Riccis Mann in Germania, Christian May. Ob das dann 1200 oder 1400  schöne bunte Lustballons waren, will May nicht verraten.
Keiner verrät uns auch, ob die rund 22 000 Kites, die in Deutschland verkauft worden sein sollen, alle unter deutschem Himmel fliegen. Naish-Importeur Bossi Güven ist davon überzeugt, dass 30 Prozent der Schirme über die Grenze gingen. „Schließlich gibt es nirgends soviel Rabatt und so aggressive Neupreise wie in Deutschland“, behauptet Güven. Dankbare Abnehmer deutscher Ware seien Russen, Holländer und Skandinavier. North-Verkaufsleiter Sven Richter widerspricht: „Keine fünf Prozent der deutschen Ware gehen ins Ausland.“
Andere machen die Gegenrechnung auf: Deutschland sei der Wertstoffhof des internationalen Kitemarktes: Was in ...ien, ...land oder ...reich liegen bleibt, wird den ­deutschen Verkaufsleitern in die Regale ­geschoben.

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