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Schwebendes Verfahren

07/20/2014

Wenn wahr wird, was der Pionier der deutschen Rennszene sagt, dann schweben die Racer bald einen Meter über dem Wasser. Dirk Hanel, ehemaliger Deutscher Speed-Rekordhalter, bringt für North das erste Serien-Foilboard auf den Markt. Hanel gibt für KITE-Leser schon mal Fahrtechnik-Unterricht.

KITE: Du stehst auf einem Directional, das ganz unschuldig und gewöhnlich aussieht. Plötzlich hebt sich das Board aus dem Wasser wie ein Hovercraft. Was passiert da an dem kleinen Flügelchen, das ein paar Zentimeter breit ist?

HANEL: Das Prinzip ist ganz simpel. Wenn man das Gewicht auf dem Board verlagert, dann wird der kleine Flügel unter Wasser so angeströmt, dass er Auftrieb erzeugt. Diese Flügel sind von Board zu Board unterschiedlich groß und weichen auch in der Form voneinander ab.

KITE: Ab welcher Geschwindigkeit beginnt ein Board auf den Foils zu gleiten?

HANEL: Um ehrlich zu sein, diese Frage kann ich nur schwer beantworten. Nicht nur die höhere Anströmgeschwindigkeit und der veränderte Winkel, sondern auch der Zug des Kites nach oben bringen das System ins Gleiten. Es ist ähnlich wie bei einem Raceboard. Es kann sein, dass man schon beim Anpowern der Bar genug Lift nach oben bekommt.

KITE: Welche fahrtechnischen Bewegungen und Gewichtsverlagerungen sind nötig? Muss man den Schirm bewegen?

HANEL: Zuerst einmal sei erwähnt, dass es eher gut ist, wenn man nicht allzu viel Power im Schirm hat. Idealerweise hat man die perfekte Kitegröße zum passenden Wind. Wenn man zu wenig Zug im Schirm hat, macht man wie beim normalen Kiten auch einen Downstroke (abruptes Runterlenken in der Powerzone; Red.), dann kommt das Board schon auf das Flügelchen. Bei der Fahrtechnik muss man sich klarmachen, dass die Belastung der Luvkante beim Foilen Gift ist. Man steht gerade und senkrecht auf dem Brett. Stell dir eine Linie vor, die senkrecht durch den Körper und das Brett bis zum Flügel unten geht. Das Körpergewicht sollte also genau über dem Foil stehen. Dann kann man durch eine ganz sanfte Gewichtsverlagerung nach vorne oder nach hinten den Anstellwinkel des Foils kontrollieren. Bei den Foil-Anfängern sieht das übrigens lustig aus, so als würden sie auf einem Rodeo-Bullen reiten, weil sie das Gewicht viel zu stark verlagern. Dann hebt und senkt sich das Board, als wäre es ein fliegender Fisch. Anfangs übesteuert man immer, bis man den Bogen raus hat und sehr dosiert das Gewicht verlagert.

RODEOKITEN

KITE: Wie lernt man dieses Balancieren auf dem Brett?

HANEL: Ich empfehle Anfängern, den Kite nur mit einer Hand zu steuern und den freien Arm zum Balancieren zu verwenden. Das hilft in der Lernphase sehr.

KITE: Welcher Shape ist für Einsteiger hilfreich?

HANEL: Das Board sollte viel Auftrieb haben, damit man bequem darauf stehen kann. Um ein Einspitzeln zu vermeiden, wenn man das Gewicht zu weit nach vorne verlagert, ist ein üppiger Nose-Scoop wichtig. Das Brett sollte die Nase also oben tragen.

KITE: Kann man den Schirm in einer Böe ausbremsen oder in einem Flautenloch sinussen, um im Gleiten zu bleiben?

HANEL: Naja, in Flautenlöchern hilft wie beim normalen Kiten auch das Fliegen von Sinuskurven. Um das Brett aus dem Schwebezustand zu bringen, muss man schon in ein tiefes Flautenloch fallen. Wenn der Zug im Schirm dann wirklich nicht mehr reicht, kann man etwas abfallen. Wenn eine Böe in den Schirm knallt, kann der Könner auf dem Foil-Board natürlich auch ankanten, um den Schirm an den Windfensterrand zu zwingen. So  läuft man dann auch noch ein Grad höher am Wind.

KITE: Für Foil-Fohlen ist es also ratsam, bei möglichst konstantem Wind zu üben. Welche Schirmgrößen sind denn auf einem Foil-Board möglich?

HANEL: Alle Größen zwischen vier und 14. Aber richtig Spaß macht das Kiten auf einem Foil-Board zwischen acht (drei Windstärken) und 15 Knoten (obere vier). Könner kommen aber auch mit 35 Knoten (8 Beaufort) zurecht. Dann wird’s aber auch für mich spannend.

KITE: Es kursieren bereits Videos, die einen Foil-Kiter auf der Kreuz mit faszinierenden Wenden zeigen. Wie funktionieren denn Wenden und Halsen?

HANEL: Ja, Übung macht den Meister. Je mehr Zeit man auf dem Foilboard verbringt, desto besser wird man. Wenn man Wenden und Halsen auf dem Raceboard oder auf dem Waveboard beherrscht, sind natürlich Richtungsänderungen auf dem Foilboard einfacher zu lernen.Bei einer Foilhalse sollte man den Druck auf das Foil auf den kritischen Metern, auf denen man dem Kite. Ob man auf dem Flügel weitergleitet, ist aber auch eine Frage der Geschwindigkeit. Also nicht in die Halse reineiern. Falls der Zug im Kite nicht ausreicht, um im Gleiten zu bleiben, muss man mit einem Kiteloop oder schnellen Sinuskurven nachhelfen.

KITE: Die Wende ist aber eine andere Hausnummer?

HANEL: Ja, da sind die Kiter im Vorteil, die das Timing einer Wende schon auf dem Directional sicher gelernt gelernt haben. Deshalb ist es auch keine Schande, wenn man die Wende nicht im Schweben durchbringt. Bei einer verunglückten Wende ist auch die Gefahr, vom eigenen führerlosen Foil überfahren zu werden, nicht groß. In der Wende kommt man ja fast zum Stehen, und wenn man stürzt, dann fällt man seitlich runter.

KITE: Auf welchen Kursen sollte der Einsteiger anfangen?

HANEL: Der Einsteiger landet zuerst einmal automatisch beim Höhelaufen, das ist ähnlich wie auf dem Raceboard. Schwieriger sind dann die raumen Kurse. Auf dem Twintip laufen die Anfänger schon mal am Strand Höhe, auf dem Foilboard kann es passieren, dass man mit einem Bodydrag Höhe vernichten muss.

KITE: Das Foilboard, das North jetzt im Frühjahr bringen will, soll den Umstieg erleichtern. Was macht den Unterschied zwischen einer Wettkampfmaschine und einem Volksracer aus?

HANEL: Das North-Board wird das Foilen einfacher und sicherer machen. Eine Verletzungsgefahr können wir bei unserem Board dank des neuen Designs fast ausschließen. Auch die berüchtigten Rodeoritte, von denen vorhin die Rede war, sind durch die Positionierung des Foils reduziert. Das Board ist also für Foil-Einsteiger gedacht und bietet beste Lern- und Aufstiegschancen. Das KITE Magazin wird bei den Jungfernfahrten des neuen NKB-Volksfoils dabei sein, versprochen.

KITE: Wir müssen noch über die Sicherheit reden. Wenn der Pilot nach vorne absteigt, kann ihn sein eigenes Board überholen und mit der langen Finne und dem Tragflügel wie eine Guillotine wirken. Wie verhindert man, von seinem eigenen Board amputiert zu werden?

HANEL: Ja, das ist sicherlich gefährlich, wenn man nach vorne absteigt und das Foil noch mit Restgeschwindigkeit weiterfährt. Auch das sogenannte Klappmesser ist gefürchtet. Dabei bricht die Strömung am Foil durch zu schnelle Gewichtsverlagerung ab, so dass das Foil nach unten schnalzt und der Fahrer einknickt. Aber erinnern wir uns an die Anfänge des Kitens mit den Boardleashes und den Beginn der Raceboard–Ära. Ich habe einige Narben von unsanften Begegnungen mit dem eigenen Brett.

KITE: Welche Marktchancen hat denn ein Foilboard? Ist das nur eine Race-Rakete für 50 Kiter auf der Welt? Oder hat das Schwebekiten in anderen Ländern wie Frankreich und in den USA schon das Experimentalstadium verlassen?

HANEL: Foilen wird überall auf der Welt immer bekannter und beliebter. Bald gibt es Foilboards, die für jeden beherrschbar sind. Die Bridge-Family, die ja in der Raceszene bekannt ist, steigt auf Foilboards, wenn die Bedingungen fürs Race nicht ideal sind. Die ISAF beziehunsweise die IKA hat gerade für 2014 vier Foil-Worldcups beschlossen und lockt mit guten Preisgeldern.

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