Reise

Karpathos - Griechisches Tarifa

10/21/2015

Ein kleiner Felsenkeil im östlichen Mittelmeer steht noch nicht auf der Kiter-Karte: Karpathos war bis vor kurzem fest in der Hand der Windsurfer. Sie haben ihr Tsatsiki-Tarifa eisern gegen die Kiter verteidigt. Jetzt erst bröckelt die Front: Auf der ­Westseite hat sich eine Kitestation eingenistet. Nun haben auch wir Kiter unsere Sieben-Beaufort-Bucht.

Der Amtsbruder aus Kleindingharting besucht seinen Bürgermeister-Kollegen in Kaliilias. Bewundernd schweift der Blick des Deutschen über das stattliche Anwesen von Yanis Efaresto. „Du scheinst ja ein dickes Gehalt zu haben“, sagt er mit schlecht verhohlenem Neid. Yanis schaut ihn grinsend an und deutet nach draußen. „Sieht du die Brücke dort? Alles EG-Knete.“ Fragt sein deutscher Kollege ratlos: „Ich sehe keine Brücke.“ ­Yanis entgegnet lachend: „Eben“.

Diese Phantom-Brücke ist ein Witz. Griechen lachen im Gegensatz zu uns Deutschen gerne über sich. Dabei hätten die Insulaner Verwendung für das Bauwerk, schließlich wird die 42 Kilometer lange Insel von einer Bergkette überzogen, deren höchster Gipfel 1215 Meter hoch ist. Erst seit einem Jahr gibt es eine Gebirgsstraße zu einem der abgeschiedensten Gebirgsdörfer Griechenlands. Um das Nest Olympios ranken sich Legenden. Die Frauen dort sollen ein Matriarchat errichtet haben, in dem die Männer nichts zu melden hatten. Ihre Befehle kamen in einem seltsamen Dialekt, den außerhalb der olympischen Mauern niemand verstand.

Solch skurrile Storys haben dem mediterranen Inselchen treue Fans gebracht. Die Treu­esten der Treuen aber kommen nicht wegen Bergen, Bouzouki und Bifteki. Sie huldigen dem berühmtesten Insel-Phänomen: Beaufort. Die Insel gilt als das Tarifa des Ostens. Da können sie auf Paros noch so protzen und protestieren oder Rhodos als Windkapitale ausrufen – Karpathos ist die Königin des Starkwindes. An der Surfschule im Süden der Insel hing im Hochsommer ein Schild: „Wer sich umbringen will, der surft hier. Wer Spaß haben will, geht mit uns an die Westküste.“ Tatsächlich hämmert der Sommerwind mit bis zu 40 Knoten in die Bucht von Afiarti. Das kleine Geheimnis dieser Düse liegt auf einem Bergrücken oberhalb des Dorfs. Über diesen Buckel schiebt sich der Westwind nach oben, wird dann von den schnelleren Höhenwinden mitgerissen und faucht beschleunigt aufs Wasser raus. Diese vom Wind aufgewühlten Pisten heißen in der Windsurfersprache denn auch Devil’s und Gun Bay. Der Wind weht voll ablandig und verbläst Havaristen Richtung Ägypten. Das wären dann 430 Kilometer bis zum nächsten Strand, wenn dich die Jungs vom Club Mistral nicht netterweise vorher abfischen.

Die Teufelsbucht (heißt vermutlich so, weil dich der Teufel holen könnte) hat freilich einen kleinen Schönheitsfehler: Sie gehört ausschließlich den Windsurfern. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ein Kiter hier auftaucht. Vielleicht blasen die Surfer zur Treibjagd oder die Polizei greift ein oder Poseidon schickt ein Meeresungeheuer. Möglich aber auch, dass die Gabelbaumritter kollektiv konvertieren und ihr schweres Gerät gegen einen leichten Kite eintauschen.

Die Kiter riskieren keinen Krieg und packen Brett und Achter-Kite aufs Moped (kostet 20 Euro am Tag) oder stopfen beides in einen Mietwagen (macht 30 Euro) und fahren rüber an die Westküste. Dort ist die Insel wild zerklüftet, da das Mittelmeer an der Luvküste Millionen Jahre lang genagt hat.

Zwei Buchten an dieser Felsenküste aber sind oder wären kitetechnisch verwertbar. Eine herrliche drei Kilometer breite Bay mit feinstem Parkett am Ufersaum wird freilich keine Kiter sehen, denn der Flughafen liegt fast in Flügelbreite am Wasser. Deshalb würde die Port Authority sofort einschreiten, wenn ein Pilot im Landeanflug einen Konkurrenten entdeckte.

Neben diesem verbotenen Spielplatz liegt eine kleine malerische Bucht, die 400 Meter breit und bis zum „Außenposten“ – einem Felsklotz – 400 Meter lang ist. An der Straße finden 20 Autos einen Parkplatz. Ein feiner, 100 Meter breiter Sandstrand bietet also den verfolgten Kitern Asyl. Oberhalb der Bucht thront eine große Kitestation, die der Deutsche Kurt Menth, der eigentliche Karpathos-Entdecker, gebaut hat. Ob und wer diese Station in diesem Sommer betreibt, weiß bis heute nur Zeus; im Ring sind Kurt Menth und der Schweizer Marco Köppel, Yanis Yaroufakis hat noch nicht mitgeboten.

Eine Goldgrube für den Betreiber und den griechischen Staat wird der Spot nicht werden, weil der Platz im Hochsommer so eng wird wie in einem Kleiderschrank, in dem sich eine Schulklasse versteckt.

Wir waren im September auf Karpathos und haben ein mediterranes Idyll vorgefunden. Die Bucht wirkte fast verlassen, vier Russen und drei Schweizer haben sich sieben Windstärken friedlich geteilt.

Der Wind hier muss göttlichen Ursprungs sein. Der großräumige Meltemi, in der Ägäis oft leicht kriselnd, scheint vor Karpathos eine Pulle Epo zu saufen. Aus einem Säuseln der Sirenen wird hier das Fauchen eines Seeungeheuers. Der Nordwestwind muss sich zwischen Karpathos und Kasos durchquetschen und steigert sich von drei, vier Windstärken auf sechs, sieben Beaufort - und das nicht nur zur Sommerszeit, nein auch im Herbst und Frühling ist es soweit. Wenn der bleiche Mitteleuropäer noch das Bargefühl eines schlappen 12-Knoten-Windes vom heimischen See im Gedächtnis hat und dann am Strand von Karpathos steht, wird er demütig. Denn außerhalb der Bucht zerfetzt der Wind die Meeresoberfläche. Das Wasser sieht aus wie eine Frühjahrswiese mit Schneeresten. Im Uferbereich muss man beim Start mit einem Luvstau rechnen, in dem der Siebener- oder Achter-Schirm etwas umhertorkelt. Das ist ein sehr spannendes Erlebnis, weil in Lee gleich eine felsige Halbinsel lauert. Wenn einem dann kein Windsurfer mit eingebauter Vorfahrt entgegenkommt, erreicht man die freie See und kann auf den Windwellen abheben, als stünde man als Millionär am Bankschalter.

Wer könnte da dem Sokrates böse sein, der als Kellner in der elterlichen Taverne jobbte. Er nahm noch eilig die Bestellungen auf und ward dann nicht mehr gesehen. Die Gäste warteten vergeblich aufs Essen. Sokrates hatte Wichtigeres zu tun als Teller zu jonglieren – er balancierte auf seinem Surfbrett.

 

Die Griechen setzen Prioriäten, die wir nicht immer verstehen.

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