Reise

LE WATERMAN - Raphael Salles

10/20/2015

F-One ist die älteste Kite-Company. Nicht die grösste, nicht die protzigste, aber eine der innovativsten Marken am Markt. Jüngster Coup: eine Foilboard-­Palette. Gründer und Chef. Raphael Salles blickt zurück.

KITE: Wärest Du beleidigt, wenn wir Dich als europäischen Pete Cabrinha bezeichnen würden? Oder tut man da Pete Cabrinha zuviel Ehre an?

SALLES: Pete ist ein Star auf der ganzen Welt. Und wenn Du meinst, ich könnte mich mit seinem Style vergleichen, dann ist das eine große Ehre für mich. Warum Du mich aber gleich zum europäischen Pete ausrufen willst, verstehe ich nicht.

KITE: Welcher war der intensivste Moment Deines Lebens?

SALLES: Eine schwierige Frage, weil ich so viele intensive Momente in meinem Leben hatte. Vielleicht kann man es so sagen: Der intensivste Moment bei einer Session in der Welle ist immer die Vorbereitung.

KITE: Die intensiven Glücksmomente in den gefährlichsten Wellen wie Teahupoo und dann wieder ein Leben für den Ebit (earnings before interest and taxes): Wie kann man in beiden Welten zwischen Board und Business, die sich so sehr widersprechen, Großes leisten?

SALLES: Kann schon sein, dass ich meinen Adrenalin-Push täglich brauche. Weil ich aber nicht

jeden Tag auf dem Wasser bin, hole ich ihn mir eben im Büro – und der unterscheidet sich gar nicht so dramatisch von dem auf dem Wasser. Beide Welten verlangen Kompetenz und Erfahrung und geben viel Befriedigung. Wichtig ist nur, dass du beides mit Passion machst. Das ist eine andere Denke und Art, eine Firma zu steuern.

KITE: Kann man eine Kite-Marke führen, wenn man solche Augenblicke, wie Du sie beschrieben hast, nie erlebt hat? Oder anders: Kann ein Manager, der vorher eine Schuhfabrik geleitet hat, eine Wassersport-Marke zum Erfolg führen?

SALLES: Anscheinend ist es sehr schwierig, eine Kite-Company zu führen, wenn man vorher nicht schon jahrelang in der Branche gearbeitet hat. Die Top-Manager, die ich getroffen habe, verfügen einfach nicht über die nötige Erfahrung in unserem kleinen Business.

KITE: Haben eigentümergeführte Firmen mehr Drive, und bringen sie mehr Innovationen als managergeführte Companies?

SALLES: Schwierig zu beantworten, weil wir alle Formen von Firmen in der Branche haben. Außerdem weiß ich nicht immer, wem welche Firma wirklich gehört. Einige Firmen in der Branche sind ja tatsächlich von Millionären gekauft worden, die sich ein bisschen Spaß gönnen wollen und herum spielen. Wenn sie dann keine Lust mehr haben, können sie das Spielzeug ganz einfach weglegen. Einige – wirklich gute – Manager haben auch Geschäftsanteile an ihren Firmen. Wenn die dann noch vom Home spirit beseelt sind, dann kann das schon funktionieren. Deshalb ist es nicht unbedingt nötig, dass einem die Firma gehört.

KITE: F-One war eigentlich nie besonders interessiert an Contest-Erfolgen. Naja, Euren Speedrekord habt Ihr schon gefeiert. Auch North hatte keine spektakulären Titel gesammelt und ist trotzdem Marktführer geworden. Warum ist unser Sport nicht so stark auf den Spitzensport fokussiert?

SALLES: Ich glaube schon, dass die Leute an Wettkampfresultaten interessiert sind, wenn sie den Sport selber ausüben, der ja sehr stark auf die Leistung des Materials angewiesen ist. Das Material ist heute aber so gut, dass jeder Freestyle- oder Wave-Champion mit den meisten ­Kites auf dem Markt Großes leisten könnte. Das weiß inzwischen jeder Kiter. Wenn wir aber über Speed-Wettbewerbe, über Racing oder Foil-Contests reden, sind Ergebnisse sehr wichtig. Wir bevorzugen tatsächlich Teamfahrer, die unsere Philosophie teilen und unsere Vision vom Leben. Resultate spielen da nicht die große Rolle. Obwohl: Mitu Monteiro war Weltmeister, Mika Fernandez war Weltmeister, Alex und Charlotte ebenfalls; und Robinson steht gelegentlich auf dem Podium.

KITE: Wir haben das Gefühl, dass die Innovationsgeschwindigkeit in der Branche fast zum Stillstand gekommen ist – spektakuläre Neuerungen gibt es praktisch nicht mehr. Hat der Kitesport seinen Zenit überschritten?

SALLES: Spektakuläre Erfindungen gibt es wohl nicht mehr so häufig wie früher. Wenn wir uns aber das Strapless-Kiten und das Foil-Kiten anschauen, sehen wir doch, dass unser Sport ständig in Bewegung ist. Keine Frage, dass die Firmen diese Innovationen aufgreifen und weiterentwickeln müssen. Kannst Du Dir vorstellen, dass wir eine neue Foilkite-Palette so früh am Markt haben – ich kann es immer noch nicht glauben. Wir haben die Foil-Boards in Serie gebracht, weil wir ein Angebot für die ganz leichten Winde machen wollen. Und glaube mir, das war eine gewaltige Anstrengung und ein fettes Investment. Um auf die Kites zu kommen: Mag sein, dass die Schirme ­ähnlich aussehen wie im letzten Jahr, aber das Gefühl beim Kiten ist doch ganz anders. Du siehst die Innovationen vielleicht nicht, aber du wirst sie fühlen. Ich darf aber an unsere neue HRD-Kante beim Trax erinnern, an den EDF-Frame beim Exo-Trapez und an das neue Quickrelease. Und nächstes Jahr kommen neue Pads und Bindungen.

KITE: F-One allein unter Wölfen: North gehört Investoren, Best gehört Investoren, Cabrinha einem Milliardär. Nur Du und Core trotzen dem großen Geld. Wie geht das?

SALLES: F-One hat tatsächlich eine besondere Stellung, wir sind eine mittlere Firma, kleiner als North und Cabrinha, aber doch groß genug für eine starke Innovation. Weil wir beweglicher sind, können wir schneller reagieren. Das ist nicht wirklich eine schlechtere Position – wir wollen gar nicht die Nummer eins werden. Ich bin jetzt 52 Jahre alt und habe viele Firmen erlebt, die eine Menge Lärm gemacht und Weltmeister angeheuert haben – und plötzlich sind sie verschwunden. Wir waren vom ersten Tag an im Kite-Business, nur Wipika war noch früher da. Nächstes Jahr werden wir das 20-jährige Bestehen feiern. .

KITE: Wir haben in Europa eine veritable Wirtschaftskrise. Wie verkauft man in lausigen Zeiten einen Luxussport?

SALLES: Die Leute wollen ihre Leidenschaft immer leben. Je schlechter die Umstände sind, desto mehr Ablenkung brauchen sie. Außerdem kaufen die Kiter in Zeiten der Krise Markenware, weil sie sich Fehlkäufe nicht leisten können.

© 2017 KITE Magazin | made by ideenwerft