Rotationen - Alles Kopfsache

Der Kopf denkt, der Kopf lenkt: Bei Rotationen entscheidet die Masse des Hauptes über den richtigen Dreh. Wie die Haupt-Physik funktioniert, erklärt der Sportlehrer und VDWS-Lehrteamer Jörn Kappenstein. Auf dem Wasser zeigt der Kitelehrer Louis Rouaze (Kitepower El Gouna) die perfekte Kopfsteuerung.
KITE: Alles Kopfsache, sagen die Sportler, wenn sie einen Sprung vergeigen oder ein Spiel versemmeln. Bei den Sprungrotationen spielt sich nicht nur alles im, sondern auch mit dem Kopf ab. Welche physikalischen Abläufe bestimmen die Rotation?
KAPPENSTEIN: Im Gegensatz zu den fortschreitenden Bewegungen, bei denen Masse, Impuls und Kraft die hauptsächlichen physikalischen Einflussgrößen darstellen, sind bei den Sprüngen mit Rotationsbewegung vor allem die Größen Massenträgheitsmoment, Drehimpuls und Drehmoment von besonderer Bedeutung. Das Trägheitsmoment ist der Widerstand gegen die Rotation. Je größer es ist, umso ausgeprägter ist der Widerstand. Das bedeutet, dass das Trägheitsmoment einerseits durch die räumliche Veränderung der Drehachse und andererseits durch die Änderung der Körperhaltung in Bezug auf die Drehachse variiert werden kann. Die räumliche Veränderung der Drehachse kann man sich anhand der Barposition verdeutlichen: Bar an der Hüfte (kleines Trägheitsmoment), Bar weiter weg mit gestreckten Armen großes Trägheitsmoment.
Gestreckte Körperhaltung vergrößert das Trägheitsmoment
Bei einer gestreckten Körperhaltung während der Rotation wirkt ein großes und bei gehockter ein kleines Trägheitsmoment. Dem Trägheitsmoment entgegengesetzt wirkt die Rotationsgeschwindigkeit, die durch das Drehmoment verursacht wird. Nach dem Absprung wirkt kein Drehmoment mehr auf den Körper ein (kräftefreies System), folglich bleibt der im Absprung erzielte Drehimpuls bis zur Landung konstant. Dies geht aus dem so genannten Drehimpulserhaltungsgesetz hervor, das bei allen sportlichen Bewegungen mit
Rotationsanteilen eine wichtige Rolle spielt. Nur durch eine Veränderung der Körperhaltung während der Flugphase kann das Trägheitsmoment und die damit einhergehende Rotationsgeschwindigkeit variiert werden.
Der Körper folgt der Blickrichtung
Der im Absprung erzielte Drehimpuls leitet sich aus einer Bewegung um die Körperlängsachse her, bei der sich der Oberkörper gegen den Unterkörper verwindet. Zu ihrer besseren Ausführung dient die so genannte „Kopfsteuerung“. Hierunter wird die durch Steuervorgänge bedingte Tatsache verstanden, dass der Mensch reflexartig dazu neigt, seinen gesamten Körper in die gleiche Richtung zu drehen, in die er gerade seinen Blick wendet. Bei Rückwärtsrotationen sollte der Blick über die in Fahrtrichtung vordere Schulter gehen, bei Vorwärtsrotationen über die hintere Schulter.
Rider: Louis Rouaze
KITE: In welchen anderen Sportarten ist die Kopfsteuerung auch so wichtig?
KAPPENSTEIN: Bei allen sportlichen Drehbewegungen hat die Kopfsteuerung eine Bedeutung. Insbesondere aber auch bei Rotationssprüngen beim Wasserspringen oder Kunstturnen sowie bei Pirouetten beim Eislaufen. Oder um dem Kitesurfen näher stehende Sportarten zu nennen: Rotationssprünge beim Snowboarden, Snowkiten, Wakeboarden, Skaten, … die Liste ließe sich beliebig fortführen.
KITE: Kann man mit dem Kopf auch die Rotationsgeschwindigkeit und den Radius der Drehung bestimmen?
KAPPENSTEIN: Durch eine Veränderung der Körper- beziehungsweise Extremitätenhaltung während der Rotation ist es möglich, das Massenträgheitsmoment zu variieren. Dabei verändert sich die Rotationsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der Entfernung der Massenpunkte des Körpers von der Drehachse. Je kleiner ich mich mache und je näher die Bar am Körperschwerpunkt liegt, umso schneller rotiere ich. In Abhängigikeit von meiner Sprunghöhe und der Rotationsgeschwindigkeit habe ich dann die Möglichkeit, auch mehr als einmal zu rotieren.
KITE: Wie unterbricht man mit dem Kopf die Rotation?
KAPPENSTEIN: Wie bereits erwähnt, kontrolliere ich die Rotationsgeschwindigkeit mit meiner Körperhaltung. Je mehr ich meinen Körper strecke und die Verwindung von Ober- und Unterkörper auflöse, desto langsamer wird die Rotation.
Der Kopf kann auch die Rotation stoppen
Die Verwindung des Körpers lässt sich auch per Kopfsteuerung wieder auflösen, indem ich den Kopf wieder zurücknehme und nicht mehr über die vordere oder hinter Schulter gucke und das Kinn auf die Brust drücke. Die Standardfehler bei der Rotation.
KITE: Welche Fehler kommen bei Rotationen standardmäßig vor, und wie begegnet man ihnen?
KAPPENSTEIN: Aus meiner Schulungserfahrung heraus gibt es vor allem zwei Standardfehler: Die Schüler kommen nicht richtig in die Rotation rein, oder sie überdrehen. Oft verhindert aber auch eine mangelnde Kitekontrolle beim Springen als Basisvoraussetzung schon den erfolgreichen Rotationssprung, da ja neben der Rotation auch noch der Kite präzise gelenkt werden muss. Nicht in die Rotation rein kommen die Schüler dann, wenn sie nicht an die Kopfsteuerung denken. Dieses bewusste Über-die-Schulter-blicken ist das A & O für eine erfolgreiche Rotation. Denn dies zieht alles kompromisslos nach sich, was sich weiter oben noch sehr theoretisch physikalisch angehört hat. Wenn die Schüler überdrehen, sollten sie versuchen, weniger Schwung aus dem Absprungimpuls mitzunehmen, gestreckter zu drehen oder die gehocktere Körperhaltung früh genug aufzulösen, den Landeplatz anzuvisieren und Körper komplett anzuspannen.
KITE: Wo liegt der Unterschied in der Kopfsteuerung zwischen einem Back- und
einem Frontflip und einem Back- und Frontloop, bei dem das Board über den
Kopf wandert?
KAPPENSTEIN: Die Flips werden nicht so hoch gesprungen und drehen sich um
eine fast vertikale Achse. Daher reicht es für die Kopfsteuerung, den Kopf seitlich über die vordere beziehungsweise hintere Schulter zu drehen. Bei den Loops, in denen Brett über Barhöhe wandern soll, muss der Kopf nicht nur zur jeweiligen Seite gedreht werden, sondern auch nach hinten in den Nacken gelegt werden.
KITE: Gibt es Trockenübungen zur Vorbereitung auf das Wassertraining?
KAPPENSTEIN: Am sinnvollsten können die Bewegungsabläufe schon an Land aneinem Simulator mit aufgehängter Bar trainiert werden.
Schneller Lernen durch Mental-Training
Man kann sich dort in aller Ruhe den Ablauf des Sprunges bewusst machen und unter vereinfachten Bedingungen ausführen. Das heißt allerdings nicht zwangsläufig, dass der Rotationssprung auch sofort auf dem Wasser klappt.
KITE: Lernt man die Rotationen auf dem Wasser mit einer guten mentalen Vorbereitung schneller?
KAPPENSTEIN: Definitiv ja. Aus der Erfahrung an meiner Schule (www.kitesurfing-veluwemeer.com) und bei den Kitecity-Lern-events, bei denen ich bereits Versuche mit mentaler Vorbereitung durchgeführt habe, kann ich nur Positives berichten. Die Schüler konnten die Bewegungen auf dem Wasser deutlich schneller umsetzen als die Vergleichsgruppen ohne mentale Vorbereitung.










































