Interview

Aufs Brett nach Bandscheibenvorfall: Kiten mit Rückenschmerzen

01.07.2016

Sie steht mit Biss und Ehrgeiz auf dem Brett – auch in ruppigstem Kabbelwasser bei sieben Windstärken. Vor einem Jahr noch war sie ein Fall für den OP-Tisch: Die Züricher Ärztin Dr. Sabine Egger (37) hat ihren Bandscheiben-Vorfall mit eiserner Disziplin überwunden und trainiert gerade für die Welle. Das KITE Magazin hat sie interviewt.

Sie steht mit Biss und Ehrgeiz auf dem Brett – auch in ruppigstem Kabbelwasser bei sieben Windstärken. Vor einem Jahr noch war sie ein Fall für den OP-Tisch: Die Züricher Ärztin Dr. Sabine Egger (37) hat ihren Bandscheiben-Vorfall mit eiserner Disziplin überwunden und trainiert gerade für die Welle. Das KITE Magazin hat sie interviewt. 

Kite: Eigentlich ist es ein Wunder, dass Du wieder auf dem Kiteboard stehst. Mindestens ein medizinisches Wunder - früher hätte man eine Kerze in Lourdes aufgestellt…

EGGER: Genauso fühlt es sich an. Wie ein Wunder! Medizinisch gesehen kommt man früher oder später immer wieder auf die Beine nach einem Bandscheibenvorfall, allerdings hatte in meinem Fall keiner damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde und dass ich auch wieder kiten würde.

Noch vor einem Jahr waren zwei Stunden am Stück laufen eine schier unvorstellbare Anstrengung. Einen Tag ohne Schmerzen gab es nicht. Allein schon mich morgens anzuziehen, war eine langwierige und schmerzhafte Prozedur.

Auch wenn ich keine Kerze aufstelle, denke ich mindestens einmal am Tag, was für ein Wunder ein schmerzfreier Alltag mit all seinen Herausforderungen darstellt. 

Kite: Was war damals mit Deiner Wirbelsäule  geschehen?

EGGER: Beim Erklimmen der Karriereleiter war die „Work-Life-Balance“ außer Kon­trolle geraten. Ich hatte seit drei Wochen einen neuen Job mit sehr viel Verantwortung, zudem sehr zeitintensiv und eine Autostunde von meinem Wohnort entfernt, der mir aber sehr viel Spaß gemacht hat.

Im Laufe meiner dritten Arbeitswoche hatte ich zunehmend Schmerzen, zunächst im Rücken, dann ausstrahlend ins Bein, in den Fuß, in die Leiste. Mir war schon klar, was los war, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Also habe ich Schmerzta­bletten in ungesunder Dosis eingenommen und weitergearbeitet, bis ich es eines Morgens nicht mehr aushielt und von meinem Mann in die Neurochirurgie gebracht wurde. Auf dem MRT-Bild zeigte sich ein relativ großer Vorfall, der meine Beschwerden sehr gut erklärte und mir wurde zur sofortigen OP geraten.

Kite: Warst Du vor Deinem Wirbelsäulen-Leiden schon auf dem Kiteboard - oder war das damals nur ein Wunschtraum? 

EGGER: 2010 habe ich zum ersten Mal Kiter aus der Nähe gesehen, und zwei Tage später hing ich das erste Mal selbst am Schirm. Leider war der Urlaub dann vorbei, und ich hatte nicht einmal den Wasserstart geschafft. Auch wenn ich vom Kite-Fieber infiziert war, hatte es in meiner Urlaubsplanung noch keine maximale Priorität. So richtig geklappt hat es dann auch nicht (schlechte Spot-Auswahl, mäßige Kitelehrer, Windmangel, zu wenig Urlaub). Für 2013 hatte ich mir vorgenommen, es richtig anzupacken oder ganz sein zu lassen. (Schließlich hab ich mit Skifahren schon ein anderes teures Hobby).

Etwa einen Monat vor meinem Bandscheibenvorfall hat es sich endlich angefühlt wie Kiten und sah auch aus wie Kiten. Am liebsten hätte ich gar nichts anderes mehr gemacht. Leider hatte sich kein Sponsor gefunden… also back to work.

Kite: Wie bist Du einer Opera­tion mit ungewissem Ausgang entkommen?

EGGER: Allein darüber könnte ich ein Buch schreiben. Das ist immer eine individuelle Entscheidung. Auch mir wurde zur OP geraten, die mich wahrscheinlich schnell und effektiv von meinem Schmerz befreit hätte,  ganz im Gegensatz zum konservativen Weg, den ich eingeschlagen habe. Allerdings hat mein Bauchgefühl nicht gestimmt.

Neben der vorgefallenen habe ich noch drei andere Bandscheiben, die nicht viel besser aus­sehen und kaum Beschwerden bereiten. Was, wenn die dann nach der OP Stress machen? Was, wenn nachher alles noch schlimmer ist? Was, wenn es Komplikationen gibt?

Meine Schmerzen waren so komplex, ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine OP die Lösung sei. So oder so muss man danach die Muskeln aufbauen, um einen Rückfall zu verhindern. Also habe ich nach einer Alternative gefragt, und die gibt es. Ein halbes Jahr lang habe ich mich täglich nur um meinen Rücken gekümmert, mit Chi­ropraktiker, Physiotherapeutin und Sportarzt. Mit ganz viel Willen, Leidensfähigkeit und Optimismus meinerseits.

Kite: Wie  fühlst Du Dich heute auf dem Board? Du stehst ja nicht wie eine zaghafte Rekonvaleszentin auf dem Brett, sondern wie eine ehrgeizige Kiterin, der es weder vor dem 

30-Knoten-Wind graust, noch vor entsetzlichem Kabbelwasser. Inzwischen hast Du sogar ­Wave-Ambitionen.

EGGER: Bevor ich das erste Mal wieder aufs Wasser bin, hatte ich ordentlich Puls  und natürlich jede Menge Zweifel. Aber ich hab mir gut zugeredet mit den Worten meiner Therapeuten: „Dein Rücken ist stabil.“ Durch die Therapie und das Muskelaufbautraining habe ich sehr viel Vertrauen in meinen Körper gewonnen. Ich spüre meine eigene Stärke und weiß genau, wo meine Grenzen sind. Wenn es mich bei böigen 35 Knoten mit dem 5,5er vom Wasser rupft, gehe ich eben vom Wasser. Das heißt nicht, dass es keinen Rückfall geben wird oder ich gegen alle Risiken gefeit bin. Aber das weiß wohl jeder Sportler.

Wenn der Schirm vor meinen Augen in den Himmel steigt, kribbelt es im Bauch und ich muss einfach strahlen vor Glück. Dann sind alle Sorgen und Zweifel vergessen, auch das Kabbelwasser.

Wavekiten ist aus meiner Sicht das Allergrößte. Vom Schirm in die Welle gezogen zu werden statt zu paddeln und dann abreiten… ja, das ist mein nächster Traum!

Kite: Gibt es einen Rat, den Du Kitern in ähnlich prekären Situationen geben kannst?

EGGER: Wenn dein Körper dir Schmerzen bereitet, nimm ihn ernst und such dir Hilfe. Notfalls auch bei verschiedenen Ärzten mit verschiedenen Meinungen. Ein Rheu­matologe sieht dich anders als ein Orthopäde, als ein Neurochirurg und so weiter. Alle mögen recht haben, aber die Therapie muss für dich und deinen Körper stimmen. 

Als es mir psychisch und physisch besonders schlecht ging, hab ich viel geträumt – von besseren Zeiten! Darum habe ich den nächsten Kiteurlaub gebucht, fast anderthalb Jahre im voraus. Immer wenn es mir besonders schlecht ging, hab ich mich daran hochgezogen, dass ich im November 2014 auf dem Brett stehe – irgendwie! Das war mein Motor, meine Kraftquelle, meine Inspiration.

Um deine Gesundheit kannst nur du selbst dich kümmern. Kein anderer tut das für dich. In meinem Fall bedeutet das, dass ich vieles in meinem Leben geändert habe. Der Job ist nicht mehr das Wichtigste, sondern ich und was mir gut tut. 

Ich absolviere drei- bis viermal die Woche meine Rückenübungen, mache Yoga und Pilates, gehe viel walken. Auch wenn ich keine Lust dazu habe. Es ist meine Kite- und Skigarantie.

Buchtipp: „Den Rücken heilen“ von Dr. med. Dominik Irnich

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