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„Es wird plötzlich unglaublich ruhig!"

20.09.2016

„Unglaublich schwierig, unfassbar gefährlich.“ Foilkiten lernen nur Pros und Poser im Alter unter Zwanzig? Der Musiker Roland Härdtner, 51, stand noch nie auf einem Directional, hat wenig Zeit zum kiten. Und trotzdem in Spanien das Foilen gelernt - in fünf Stunden. Ein „Front“ -Bericht.

Am Strand von  Sant Pere ­Pescador in Spanien gibt es eine Station mit Shop und Schule, die Foil-Unterricht anbietet. 300 Euro für vier Stunden Einzelunterricht an zwei Tagen – trotz schwäbisch-sparsamer Grund­einstellung die beste Geldanlage, die ich als bisheriger „Selbstlerner“ beim Kiten jemals getätigt habe!

Ich bin wohl der erste deutsche Schüler in Sant Pere Pescador und kann kein Spanisch. Der Schulbesitzer hat keine Zeit, sein Freund und aktuell  französischer Foil-Vizemeister Thierry „Titou“ übernimmt die Schulung – was für ein Glück!

Ich bin völlig begeistert, gleich das neue Foilboard von North ausprobieren zu dürfen. Nach den bisherigen Beschreibungen soll das ja „verletzungsarm" und von hoher Stabilität sein – beides richtig! Leider ist die große Stabilität aber bei den ersten Versuchen, auf das Board zu kommen, nicht unbedingt förderlich. Die Folge: Rauf aufs Board und rein ins Wasser – nicht nur ich. Relaunch und das Ganze wieder von vorne. Nach zehn 10 Wasserstart-Versuchen und gefühlten 2,5 Liter geschlucktem Salzwasser hisse ich die weiße Flagge, bitte um mein Twintip-Board und lasse mich mit Downwind-Loops von meinem Schirm an den Strand ziehen. 

Am Abend wird schnell klar: Aus zwei mal zwei  Stunden werden jetzt ganz sicher vier mal eine Stunde Unterricht. Titou lobt mich sehr (für was eigentlich?), ist aber sehr überrascht, dass ich noch nie auf einem „One Directional Board“ gestanden habe. Also Umstellung des Lernplans – morgen gibt es erst mal das Nugget von North für Vorübungen und danach ein anderes – französisches – Board mit einem „echten“ Foil. 

Warum diese Entscheidung? Ich bin dem North-Foilboard doch sehr dankbar dafür, dass es keine so scharfen Kanten hat. Ich spürte bei meinen Stürzen immer mal wieder das Foil an Brust und Rücken und war froh, dabei nicht mit diesen französischen, messerscharfen „Rasierklingen“ konfrontiert zu sein. Titou sagt, morgen würde ich mit dem französischen Board viel leichter lernen und zum ersten Mal übers Wasser „fliegen“. 

Nach dem Directional-Training auf dem Nugget kommt das Kommando „Fertig machen für die nächste Unterrichtstunde“.   Gepanzert wie ein Eishockey-Spieler mit Prallschutzweste und Helm erlebe ich 50 Minuten meines intensivsten und glücklichsten Kite-Erlebnisss ever. 

Also: Brett im tiefen Wasser auf die Seite stellen, Wasserstart wie mit dem  Directional und erst mal gemütlich losfahren. Wow, das klappt sofort! Ich bin geflasht und sehe Gott sei Dank das scharfe Foil unter meinem Brett nicht. Ich mache exakt dasselbe, was ich wenige Stunden vorher als „Dampfer spielen“ gelernt habe. Ich bin zwar wieder recht verkrampft, aber es geht durch das Kabbelwasser „pflügend“ vorwärts. 

Langsam drehe ich meinen Kopf etwas in den Wind und „stampfe“ sofort mehr Höhe. Der Winkel ist unglaublich – gefühlt fahre ich fast gegen den Wind. Jetzt spüre ich auch, dass es überhaupt Wind gibt. 

Plötzlich ruft es hinter mir „Press your front leg!“ Ich reagiere intuitiv und drücke voller Vertrauen mein vorderes rechtes Bein nach unten, bis es einen kleinen „Platsch“ am Board vorne macht. Ich weiß nicht genau, was gerade passiert ist, aber ich bin wohl etwas geflogen und hab’s nicht gemerkt. 

Schon wieder ruft Titou: „Press your front leg!“ Diesmal bin ich zu langsam, ich spüre, wie das Brett langsam aber sicher aus dem Wasser kommt, freue mich tierisch und  – knalle mit dem Brett zurück aufs Wasser. Der Schirm zieht mich über das 

Board, und ich habe mal wieder unfreiwillig zu viel Salzwasser intus. 

Kein Board- oder Foil- Kontakt beim Sturz, aber was war passiert? Die Analyse später ist ganz logisch: Ich war einfach zu langsam und hatte nicht genug Druck auf dem vorderen Fuß. Die Folge war ein zwei Meter weites, glückliches, aber zu langsames „Fliegen“ mit anschließendem Strömungsabriss des Foils unter Wasser, das diesen Umstand mit einer umgehenden Aufkündigung seiner Arbeit quittierte.

Erste Erkenntnis: Reaktion erzeugt Gegenreaktion! Unmittelbar und konsequent! Taste dich vorsichtig und langsam an diesen Sport heran!

Zweite (ambivalente) Erkenntnis: Dieser Sport kann mit langsamem Tempo nicht funktionieren! Stabilität gibt es nur über Geschwindigkeit und einer starken „Hebelwirkung“ auf Amwind-Kurs, die so funktioniert wie beim Jollen-Segeln das Schwert bei  Amwind-Kurs.

Einmal bin ich gut Amwind ­unterwegs, da kommt ein neues Kommando: „Go faster, go ­faster!“ Ja wie denn? Soll ich einen Außenborder anschmeißen, oder was? Ich bin froh, dass ich überhaupt auf diesem wackligen Teil stehe! Wieder ruft es hinter mir: „Pull your bar and take your Kacka-Position!“ Ok, ich ziehe die Bar etwas an, gehe mehr in die Knie und genieße meine Kacka-Stellung mit gleichzeitig erhöhtem Druck auf den vorderen Fuß! Und? Nix passiert. Ich breche ab, entspanne mich, so gut es geht, und freue mich zwischenzeitlich sogar schon, weiter  Dampfer spielen zu dürfen. 

Nächstes Kommando: „Take your back feet more behind! More behind!“ In Ordnung, das ist ohne hintere Schlaufe jetzt eigentlich recht einfach. (An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass man Foilen anfangs nur mit vorderen Fußschlaufen lernen sollte.) „Now make it all again!“ tönt es von zehn Meter hinter mir. 

OK – Bar etwas anziehen und Kite tiefer fliegen, Blickrichtung in den Wind drehen, Kacka-Stellung mit starkem Druck auf das vordere Bein (gaaaanz wichtig!). Ich gewinne an Tempo und genau jetzt geht die Sonne heute für mich zum zweiten Mal auf! Das Board kommt langsam und kontrolliert aus dem Wasser. Es wird plötzlich unglaublich ruhig … und schnell! Ich FLIEGE über das Wasser! Was in Wirklichkeit wohl nur zehn oder 20 Meter waren, kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Das Gefühl, über das Wasser zu fliegen, hat mich gepackt. Es sind die Millisekunden, in denen ich die Balance finde und ein Gefühl der Kontrolle habe. Das funktioniert nur, weil ich selbstständig mit meinem Körperschwerpunkt über dem Board in der Toiletten-Stellung stehe und mein Gleichgewicht über die Bar ausgleichen kann.  

Dummerweise hat die Physik aber die Möglichkeit der Fallrichtungen nicht auf vorne und hinten begrenzt. Sämtliche Himmelsrichtungen sind leider bei diesem „Teufelsritt“ auf dem dünnen Foil-Mast möglich. Ich bekomme zuviel Rücklage, ich habe nicht lange genug „Kacka" gemacht, das Foil kommt schräg aus dem Wasser, es folgt das Übliche: Strömungsabriss des Foils, der Schirm zieht mich über das Brett, Sturz nach schräg vorne. Glücklicherweise weit weg von Board und Foil, gestreckt auf die rechte Rippenseite, aber dank Prallschutzweste kein Problem.  

Der folgende Tag endet mit der letzten Unterrichtstunde, die nur einem Zweck dient – niemals über Gewichtsbelastung das Brett „aus dem Wasser holen“ wollen, sondern über die zuneh

mende Geschwindigkeit das Board langsam aus dem Wasser kommen lassen. Das Foil will bei zunehmender Geschwindigkeit ja nichts anderes als nach oben. . 

Papa ist jetzt also ein richtiger Foiler geworden – nach netto knapp drei Stunden Arbeit mit dem Foil komme ich trotz fehlender Directional-Erfahrung erstmals kontrolliert zum „Fliegen“. Nach insgesamt fünf Unterrichtsstunden und drei Nachmittagen eigenem Training kann ich zwar noch nicht cool und ausdauernd, aber dennoch sicher und mit Kontrolle über das Wasser „fliegend“ jeden Ort erreichen, den ich mir vornehme.

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