21.06.2010

Dieses gewisse Leuchten in den Augen

Ich hab es einfach von den Augen abgelesen. Diese Augen sagten: Du musst das machen. Sie haben geleuchtet wie Kinderaugen am Heiligen Abend, wie Augen eben, die ein neues, unverhofftes Geschenk sehen.

Diese Augen haben den SURF-Magazin-Redakteuren Steve Chismar und Stephan Goelnitz gehört. Das Leuchten hatte eine lange Autofahrt vom Gardasee nach München überdauert. Wenn zwei Menschen, die begnadet surfen, extrem snowboarden und skifahren, Gleitschirm fliegen und biken, so viel Begeisterung versprühen, dann müssen sie Zeugen eines neuen Sports sein, der alles in den Schatten stellt, was sie bisher erlebten.

Chismar und Goelnitz hatten 1999 am Gardasee das Thema Kitesurfen entdeckt. Pate dieses Erweckungserlebnisses war Raphael Salles, den die Redakteure noch als Windsurfprofi kannten.

Unser aller Verleger, dem wir mit fast religiöser Inbrunst das neue Thema antrugen, rückte sein marineblaues Sakko zurecht und meinte trocken. „Das müssen Sie im Heft behandeln, ein eigenes Magazin trägt dieses, wie hieß das noch mal, dieses Kitesurfen natürlich nicht.”

Es war die Geburt des KITE Magazins und eines neuen, jungen Verlags. Anfangs hieß das Mag noch Kitesurf: Zwischen den  Europäern, die den neuen Sport sehr nah am Windsurfen sahen, und den Amerikanern, die mit ihrem „Kiteboarding” eher das Langholzvehikel unter den Füßen betonten, gab es Namenskonfusion. Inzwischen, Ironie des Schicksals, sprechen auch die Amerikaner wieder von Surfboards, wenn sie die neuen Gleitwunder mit Bug und Heck meinen. (Wir sind ja nicht rechthaberisch, aber Genugtuung ist keine Sünde.)

Natürlich haben wir damals alle nach Hawaii geguckt wie die Moslems Richtung Mekka, denn vor den Küsten von Oahu brodelte es. Plötzlich lernten wir Namen, die vorher nur ein paar Beach buddies kannten: Flash Austin, Lou Wainman, Elliot Leboe, Max Bo, Darian Smith. Natürlich half es dem jungen Sport, dass Legenden wie Robby Naish und Pete Cabrinha an der Bar hingen wie Reckturner (das Ding war ja eher eine Lenk-Stange als ein Steuerknüppel). Und – Geld verdienen die Amis nun mal außerordentlich gern – aus dem neuen Sport sofort eine sprudelnde Profitquelle machten.

Das hat dem Sport nicht nur nicht geschadet, es hat ihn groß gemacht. Denn ohne profitablen Anreiz denkt niemand nach, und ohne Nachdenken hätte es keinen Vierleiner gegeben, kein Quickrelease und irgendwann auch keinen Bow, keinen Hybrid und keinen Delta.

Wir haben alle unser Bestes gegeben, wir haben jeden Hauch einer Idee zum Edison-Ereignis hochgejubelt und ein Heft zu machen versucht, das Frische, Witz und Frechheit zum Programm erhob. Die mitunter kapriziösen jungen Profidamen auf dem Board gingen bei uns über den Catwalk, Kites mit bester Hangtime waren die Lusthansa, die schwierige Halse auf einem Directionals (das Thema haben wir jetzt wieder) geriet in KITE zum Pax de Deux, und die Aufforderung zum Selberbauen eines superleichten Directionals schmückte die Headline: Mach’s dir selber. Und wenn mal ein Kite konfus flog und ständig abstürzte, war’s ein Produkt von Aero flott. Der Gardasee musste sich das Attribut „Uferlos” gefallen lassen. Zu knappe oder zu steife Neoprenanzüge verursachten bei den Trägern „Dehnsucht”.

Wir schämen uns nicht zu gestehen, dass wir die berühmte Kehrtwende auf den neuen Twintips als Straßenbahnwende titulierten, was dann auch in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Und den Absprung-Impuls als Eselstritt. Unser erstes Fahrtechnik-Buch mit Dirk Hanel versprach „Faszination Kitesurfen” und hat erstmals in der Branche Instruktionen mit Text und Bildern und mit einem beigelegten Lehrfilm transportiert. Als unsere nationale Kite-Ikone Kristin Boese noch keine Weltmeisterin war, hatte sie Zeit für unser großes Projekt New School, das freundlicherweise von einem Duschmittelhersteller gefördert wurde. Der Air Pass, Adelstitel für alle Kiter, hieß für uns Normalsterbliche nur „Airpassion” und Grabs gerieten zu „Grabschern”. Bei soviel abgehobenen Moves blieb die simple Frontroll schlicht die „Hauptrolle”. Nach diesem neuen Testament für aufstrebende Kiter wars dann auch bald Zeit für „Kitesurfing New Style”. Diese schöne Bibliothek haben wir letztes Jahr durch das „Kite College”-Buch und -Video erweitert. Wir haben viele Kiter aufs Brett gebracht – und wenn sie doch an unseren Büchern und Filmen gescheitert sein sollten, dann haben das die Schulen repariert. So was nennt man in der Biologie Symbiose.

Dass all diese Kiter, oder sagen wir fast alle, ihre Ausflüge nach Lee und an Land heil überstanden haben, das verdanken sie einer Einrichtung, die ausgesprochen lebensrettend ist: dem Quickrelease. Das KITE Magazin hat als einziges Magazin weltweit die ersten Schnellabwurfsysteme auf dem Prüfstand getestet und Murks so gnadenlos enttarnt, dass unsere Anzeigenabteilung aufjaulte. Diese Tests haben die Phantasie der Ingenieure angeregt und die Marketingstrategen beflügelt. Das Ergebnis sehen wir am Iron Heart, am Smartloop und anderen Survival-Sets.
Wenn KITE Boards und Schirme testet, geht’s weniger ums Überleben (oder vielleicht doch ums Überleben von Marken). Aber es geht um Ernsthaftigkeit, Erfahrung, Wissen und, ja, auch  Standhaftigkeit. Dass Kites die Grätsche machen bei Vollpower, dass Schirme schon mal abschmieren wie Seife im Waschbecken, das steht im KITE-Test. Diese Unbeugsamkeit zeichnet Tests in seriösen Zeitschriften aus.

Dass KITE im deutschen Pressehandel das meistverkaufte Kite-Magazin (bezogen auf das einzelne Heft) ist, hat also seinen guten Grund. Dafür ein herzliches Danke an Dich, lieber Leser.

Gerd Kloos
Herausgeber

 





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