KITE Magazin startet Sicherheitskampagne
Kitesurfen kann so sicher sein wie Fahrradfahren. Radfahrer aber wissen: In Notsituationen Hände an den Lenker und Finger an die Bremsen. Viele Kiter wissen nicht, dass sie genau das Gegenteil machen müssen: Beide Hände von der Bar und zum Quickrelease greifen.
Um diesen Handgriff, der Unfälle zu 90 Prozent vermeiden hilft, in jedes Kiter-Hirn zu hämmern, hat KITE eine Sicherheitskampagne gestartet. Das Plakat „Wer schneller zieht lebt länger“ kann zu einem Unkostenbetrag von 5 Euro bei KITE (redaktion@kitemagazin.de, Stichwort „Safety“) bezogen werden oder hier als PDF gedownloaded werden: KITE Safety-Plakat
Die Kiter draußen kämpfen mit ihrem Fünfer-Schirm, die Kitelehrer der örtlichen Schule fliegen Siebener. Einer der Big Days dieses Sommers. Am Strand steht eine Frau und zieht in fröhlicher Erwartung eines unvergesslichen Erlebnisses ihren fünf Jahre alten Crossbow hoch. Den hatte sie bei E-Bay preiswert eingekauft. Dass er elf Quadratmeter groß ist, macht ihr vielleicht ein bisschen Sorge, aber nur ein kleines bisschen – sie steuert mit dem Stolz des Neubesitzers den Schirm in den Zenit. Sie bewegt sich aus dem Windschatten heraus und wird von der brutalen Wucht des ablandigen Windes aus dem Stand gerissen. Der Kite gerät völlig aus der Kontrolle, die Strandkiterin stürzt mit dem Kopf voraus ins Gras. Augenzeugen werfen sich auf sie und verhindern weitere Bruchlandungen.
Unfälle dieser Art gehen meist glimpflich aus – sie hat kein Glück und stirbt im Krankenhaus.
Wen trifft die Schuld an diesem Unglück?
Den Kite, die Kiterin, den Sport?
KITE hat mit dem Schulbesitzer und Fahrtechnik-Experten Michael Vogel ein Gespräch zum Thema Sicherheit geführt. Vogel hat auch eine Gleitschirmflieger-Lizenz und kann die Sicherheitsstandards beider Sportarten vergleichen.
KITE: Gleitschirmflieger steigen auch mal wieder zu Fuß ab, wenn das Wetter zu unsicher ist. Kiter verzichten selten auf eine Session. Wann sollte man als Kiter den Schirm lieber in der Tüte lassen?
VOGEL: Paraglider sind in der Regel gut ausgebildet. Die wissen gefährliche Wetterlagen gut einzuschätzen. Kiter sind meteorologisch eher unbeleckt, viele wissen stark böigen, ablandigen oder voll auflandigen Wind nicht richtig einzuschätzen. Vor allem gefährliche Windrichtungen werden oft unterschätzt. Da fahren selbsternannte Spezialisten bei auflandigem Wind einen Meter vom Ufer entfernt. Dann kommt die Böe des Tages und bläst sie ans Ufer.
KITE: Viele Gefahren gehen von unerfahrenen Kitern aus, die ihren alten Kite im Internet gekauft haben und ohne modernes Quickrelease auf die Menschheit losschießen. Müssten Kites, die keine funktionierende Notbremse haben, aus dem Verkehr gezogen werden?
VOGEL: Wir schütteln öfter den Kopf wegen der verwegenen Kitekäufe mancher Schüler. Sie schießen bei Ebay uralte Kites viel zu teuer und handeln sich dann noch ein völlig veraltetes Sicherheitssystem ein. Die wenigsten dieser Kiter wissen, dass ihr Leben an einem gut funktionierenden Quickrelease hängen kann. Beim Gleitschirmfliegen gibt es eine Art TÜV, aber ich glaube nicht, dass das einen uninformierten Kiter abhalten würde, ein scheinbares Schnäppchen zu kaufen.
KITE: Wie stark schaden Unfälle dem Image des Kitesports? Früher gab ein Unfall dem Sport sogar das Image von Abenteuer und Sensation und hat Risikosportler angezogen.
VOGEL: Kiten steht erstaunlicherweise viel mehr im Fokus als zum Beispiel das Skifahren oder Snowboarden. Wenn im Zillertal in einer Woche drei Schwerverletzte ausgeflogen werden, interessiert das kaum jemanden, und die Party geht weiter. Vielleicht stöhnt jemand: Ach, wieder der Heli. Kiter dagegen sind immer noch verrückte Kerle für die Presse und damit immer eine Schlagzeile wert. Aber kein Zweifel, Unfälle schaden dem Image.
KITE: Es gibt ernstzunehmende Stimmen, die eine Scheinpflicht für Kiter verlangen. Bringt eine offizielle Kitelizenz mehr Sicherheit?
VOGEL: Nein. Ich fliege nun schon drei Jahre Gleitschirm und bin noch kein einziges Mal kontrolliert worden. Und ein Gesetz, das nicht kontrolliert wird, ist auch nichts wert. Eine Scheinpflicht würde den Sport, der ja von seinem Freiheitsgefühl lebt, strangulieren. Außerdem gibt es ja an Vermietstationen eine Scheinpflicht. Wenn jemand bei mir einen Kite mieten möchte, muss er einen Verbandsschein vorweisen und zusätzlich beweisen, dass er die allgemeinen Sicherheits- und Vorfahrtsregeln kennt.
KITE: Was machen eigentlich die Schulen zur Verbessserung der Sicherheit?
VOGEL: Wir bieten zum Beispiel Sicherheits Upgrades an, die auch angenommen werden. Für 70 Euro bekommt man eine Stunde Einzelunterricht in Sachen Sicherheit, Notfall-Situationen und Vorfahrtsrechten. Dafür stellt die Schule eine Stunde lang einen Lehrer zur Verfügung. Wenn übrigens jemand einen Verbandsschein vorweisen kann, ist das im Falle eines Unfalls immer günstig. Außerdem hat das Papier für amtliche Stellen bei Ermittlungen einen offiziösen Charakter.
KITE: Was sind denn Deiner Beobachtung nach die häufigsten Sünden der Kiter?
VOGEL: Erste Sünde: Kiter lösen viel zu selten und oft viel zu spät ihr Quickrelease aus. Zweitens: Ein- und Aufsteiger überschätzen sich häufig und gehen bei ab- und bei voll auflandigem Wind aufs Wasser. Drittens machen viele beim Start fundamentale Fehler. Schon beim Suchen der sicheren Startposition sind die Leinen auf Spannung. Und bei der Landung gehen sie nicht sofort drei Schritte vor, um die Leinenspannung aufzuheben. Sie kontrollieren vor dem Freigabezeichen beim Start nicht mehr den korrekten Sitz des Chickenloops und vor allem des Chickendicks (des Stifts, der das Herausfallen des Chickenloops verhindert; Red.). Auch der Adjuster muss noch einmal vor dem Daumen-Signal gecheckt werden, ebenso der saubere Lauf der Leinen.
KITE: Wann sollte man das Quickrelease auf jeden Fall auslösen?
VOGEL: Wenn der Zug beim Start zu groß wird. Vor allem unerfahrene Kiter fangen dann an zu klammern und powern den Schirm nur noch stärker an – eine verhängnisvolle Reaktion.
KITE: Wie kann man durch einen Trick dieses instinktive Runterziehen der Bar verhindern?
VOGEL: Da gibt es einen ganz einfachen, wirkungsvollen Trick: Man packt die Bar nicht mit beiden Fäusten, als wäre sie eine Haltestange im städtischen Linienbus. Sondern steuert sie mit zwei Fingern. Das reicht bei normalem Zug aus, bei Überpower aber reißt der Wind die Stange von den Fingern – die Bar rauscht hoch, der Schirm hat 90 Prozent seiner Kraft verloren.
Ein hilfreicher Selbstüberlistungstrick ist auch das Auslösen des Quickreleases mit beiden Händen. Das hilft zum einen auch bei schlechtgängigen Notbremsen, mehr Kraft auf die Kappe zu bringen. Und zum anderen rauscht dann die Bar auf jeden Fall nach oben und entschärft die Situation sofort um 90 Prozent.
KITE: Warum bereiten die Schulen die Kiter nicht besser auf solche Situationen vor?
VOGEL: Man muss schon realitätsnah schulen. Der Schüler muss lernen, wann der Zug im Schirm gefährlich wird. Auf jeden Fall muss der Schüler erfahren, dass Auslösen keine Ausnahmesituation hervorruft, sondern den Schirm sogar sanft absetzt. Nichts geht kaputt, niemand wird gefährdet. In der Lehrerausbildung beim VDWS üben wir das bereits intensiv. Auf Zuruf müssen die angehenden Lehrer den Schirm auslösen, zum Kite schwimmen, die Bar aufwickeln und dann auf Raumschotkurs mit dem Kite als Segel zurück zum Strand kommen.
KITE: Wie funktioniert nach Deinen Erfahrungen das Zusammenbauen des Quickreleases nach dem Auslösen? Im Wasser nicht immer ganz einfach!
VOGEL: Im stehtiefen Bereich gibt es keine Probleme – selbst bei Systemen, die ein bisschen Übung verlangen. In einem Brandungsrevier wird’s schon schwieriger. Natürlich ist ein System, das technisch einfach funktioniert, vorteilhaft. (Dazu auch der große Bar- und Quickrelease-Test ab Seite 44; Red.).
KITE: Viele Kiter an den Hotspots glauben, dass ein „Chef” im Revier, ähnlich wie ein Bademeister im Freibad, eine Ordnungsfunktion haben muss. Muss an den Spots mehr und stärker reguliert werden?
VOGEL: Meistens übernimmt die Schule vor Ort ungewollt die Aufgabe des Regulators. Keine sehr positive Erfahrung, die wir immer wieder machen, wenn an Spots reguliert werden muss. Unser Sport lebt von diesem unglaublichen Freiheitsgefühl. Leider geht das immer mehr verloren. Dazu tragen auch Kiter, bei, die im Bewusstsein dieser Freiheit keine Regeln akzeptieren und ohne Rücksicht auf Verluste umherheizen. Es gibt beim Kiten Regeln, an die man sich halten muss. Dadurch wird die Freiheit, die wir alle so lieben, nicht beschnitten. Leider gibt es zu viele, die sich an diese Spielregeln nicht halten. Die Konsequenz ist der Ordnungshüter und Regel-Wächter am Strand.
KITE: Was muss passieren, um die Vision von einem wirklich sicheren Sport zu verwirklichen?
VOGEL: Industrie, Schulen, Verbände und Magazine müssen alle nachbessern und die Sicherheitsausbildung neu justieren.






























