Ägypten - Zaafarana
Aus: KITE Magazin 6/07
Die Straße ist wie am Lineal gezogen, Lastwagen im Rentenalter grüßen mit verwaschener Aufschrift die alte Heimat („schnell ans Ziel mit Diel"). Auf der rechten Seite wird das Asphaltband begleitet vom Tintenblau des Roten Meeres, links kommen die Berge des Arabischen Gebirges mal nah, mal verschwinden sie ganz. Ibi sitzt am Steuer seines Chevrolets, die Klimaanlage rauscht sanft.
Noch zwei Stunden Langeweile bis Kairo. Plötzlich rückt das Gebirge an die Straße, als wollte es eine Leitplanke bilden. Und dann tauchen sie auf aus dem Wüstenstaub, die Monstren der Moderne - 45 Meter hoch, Dutzende, nein, Hunderte von riesigen Windmühlen, so dicht zusammengestellt, dass sogar Don Quichote Angst bekommen hätte. Ibi, der Funsportunternehmer, der vom Wind lebt, ist elektrisiert, als würden die Megawatts aus den Riesen direkt in sein Auto geleitet. Dreihundertzweiundzwanzig Windräder können sich nicht irren: Hier fliegt die Energie in Form von üppigem Wind durch die Gegend - man muss sie nur ernten. Strom aus Sturm - und das nicht irgendwo weit vor der Küste, sondern genau neben der Straße.
Dieser Wind, der sogar den Wüstensand zum Nomaden macht, hat vor Ibi schon die Europäer verrückt gemacht. Sie haben gemessen und gerechnet, bis sie sicher waren: Zaafarana ist einer der windigsten Flecken der Region, vielleicht sogar der Welt. Nur Ras Ghareb und die saudische Küste am Golf von Akaba bieten noch ein paar Kommastellen mehr bewegte Luft. „In Zaafarana herrschen fast Offshore-Bedingungen", jubelte die Druckluftbranche; fast zehn Meter pro Sekunde beträgt der Winddurchschnitt.
Ein norddeutscher Windpark-Hersteller wollte nun der Welt beweisen, was heißer Wüstenatem bewegen kann: Er machte 75 Millionen Staatsknete von der Kreditanstalt für Wiederaufbau locker und betonierte 105 Windkraftanlagen in den Wüstensand. Dann folgten die Spanier mit weiteren Megaspargeln. Mittlerweile produziert die Windfarm 335 Megawatt Strom mit 322 Propellern und verkündet den Ägyptern, dass Energie nicht immer nach Petroleum stinken muss.
Ibi, der mehrere Surf- und Kitecenter in Ägypten betreibt, ahnte: Das könnte eine Goldader im Windsport-Business werden. Dazu müsste aber das Revierstimmen. Riffe, steiniger Strand und keine Infrastruktur könnten den Wind zum Rohstoff ohne Wert machen. Ibi holte seine Schnorchelbrille und suchte das ganze Revier nach geschäftsschädigenden Hindernissen ab. „Nichts - kilometerweit keine Riffe, kilometerweit Sandstrände, kleine Lagunen und Stehbereiche."
Und dann stand da noch ein Kasten am Ufer, der so aussah wie ein Krankenhaus - aber ein Hotel sein sollte. „Das war mal geöffnet, dann wieder geschlossen." Wer will schon Badeurlaub machen in der Einöde, eingekesselt von der Wüstenhitze, umzingelt von der Langeweile, ständig sandgestrahlt vom ewigen Wind? Die Geschäftsidee war so clever wie ein Bergrestaurant auf dem Mount Everest. Doch dann kam Ibi. Er muss dem Hotelbesitzer wie ein Engel erschienen sein - Ibi endlich wußte, was man mit der Zivilisationsinsel zwischen Hurghada und Suez machen kann: Ein Kite- und Windsurfhotel. „Wo sonst, wenn nicht hier, wer denn, wenn nicht ich?" fragte sich der Libanese. Die Geschäftstüchtigkeit ist im Libanon Nationaltugend, und die Professionalität europäischer Ausprägung hat er schlauerweise geheiratet: Seine Frau Kiki ist Deutsche - und Touristikfachfrau.
Jetzt also schlägt die Stunde Null in Zaafarana, und jeder KITE-Leser ist eine Art Zeuge der Geburt eines neuen Kitereviers. Am Wind kann's nicht liegen, wenn was schiefgehen sollte - und am Revier auch nicht. Denn hier oben, 120 Kilometer südlich von Suez, scheint es den Riffen entweder zu kalt zu werden - oder sie mögen einfach die Gegend nicht (mehr). Auch das schwarze Gold, 60 Kilometer südlich bei Ras Ghareb auf Ölplattformen gefördert, kommt hier oben nicht mehr vor - eine Ölpest wird es nie geben, wenn kein Tanker umkippt. Dafür hat der ewige Wind viel Sand abgeladen. Und was nicht am Strand liegen blieb, das fiel ins Meer und bildet nun einen türkisfarbenen Saum vor der Tiefseekante. „Die helle Wasserfarbe", freut sich Ibi, „vermittelt ein Gefühl der Sicherheit." In diesem Pool, der bei Hochwasser nur in Strandnähe stehtief ist, gibt es „Platz für 100 und einen Kiter" Und wem die Wanne nicht reicht, der kann ohne Barriere ins große, tiefblaue Tintenfass wechseln. Nach einer halben Stunde sollte man aber umdrehen, denn sonst gerät man auf die spannendsten Meilen des Roten Meeres - in die Fahrrinne zum Suezkanal.
An die Himmelspforte kann man in Zaafarana auch komfortabler klopfen: In einem weiten Tal ein paar Kilometer von der Autobahn entfernt verbirgt sich das zweite Wunder von Zaafarana: Mitten im Reiche Allahs hat sich eine Enklave christlicher Frömmigkeit erhalten. In dem Kloster leben 70 Mönche nach der Tradition eines Asketen aus dem vierten Jahrhundert. Der Einsiedler wurde nach der Legende von einem Raben mit Essen versorgt, der erste überlieferte Cateringservice Ägyptens. Die Verpflegung war gut, denn der Eremit wurde 110 Jahre alt. Das Wasser tropft bis heute aus einem geheimnisvollen Stein und wird Tropfen für Tropfen als Kostbarkeit in einem Becken gesammelt. Das Kloster bewahrt auch Zeugnisse verblüffender Mechanik aus dem ersten Jahrtausend auf: Ein Türschloss aus Holz mit raffinierter Zapfenmechanik beweist, dass Erfindergeist keinen Computer braucht (Foto oben). Selbst die Segnungen des nahen Windparks brauchen die Mönche nicht, auch wenn in der Felsenhöhle des Heiligen Paul elektrisches Licht brennt: Die wahre Erleuchtung kommt von oben, die Klimaanlage spendiert der ewige Wind.
Kitestation Ibi & Friends: http://www.ibiandfriends.com








































