Finn Behrens hat für KITE die Lagunen um Kalpitiya erkunde

Aufbruchsstimmung im Indischen Ozean

Als Tarifa und Brasilien längst von Kitern überrannt wurden, lag Sri Lanka noch im wassersportlichen Dornröschenschlaf. Die ehemalige Kolonie kämpfte mit politischen Unruhen, die erst nach dem Bürgerkrieg vor knapp zehn Jahren beigelegt wurden. Bis dahin wagten sich nur Abenteurer und Entdecker auf die damals touristisch noch kaum erschlossene Insel. Doch die exponierte Lage im Indischen Ozean und die konstante Belüftung der wechselnden Monsunwinde haben in den letzten Jahren einen regelrechten Kite-Boom ausgelöst.

Bis 1972 kannte man den kleinen Inselstaat südwestlich von Indien noch unter dem Namen Ceylon. Ceylon konnte sich damals vor allem durch seine hervorragenden Teeanbaugebiete einen Namen erarbeiten. Zu Reichtum führte dies die Insel, wie so oft in der Kolonialgeschichte, jedoch nicht. Seit der Unabhängigkeit vom britischen Empire 1948 versucht sich die neu gegründete Demokratie nun zu berappeln – und die multiethnische und multireligiöse Bevölkerung so weit wie möglich politisch zu einen. Hier leben Buddisten, Hindus, Christen und Muslime zusammen. In den letzten Jahren berichteten die Medien immer wieder vereinzelt über Unruhen, die insbesondere von den Tamilen, der größten Minderheit Sri Lankas, ausgingen. Doch der Bürgerkrieg ist seit 2009 offiziell für beendet erklärt und so ist das Land offenbar zur Ruhe gekommen – und damit gleichzeitig für Touristen attraktiv geworden. Nicht zuletzt für windhungrige Touristen.

Durch seine Lage im warmen Indischen Ozean wird Sri Lanka ganzjährig zuverlässig von den beiden vorherrschenden Monsun-Winden belüftet. Im Sommer bläst es stärker aus Süd-Westen, im Winter genau entgegengesetzt aus Nord-Osten. Surfer, Kiter und Windsurfer pilgern das ganze Jahr über auf die Insel um die traumhaften Bedingungen auf dem Wasser auszukosten und etwas von der Magie Sri Lankas zu erhaschen.

Im kleinen Fischörtchen Kalpitiya, 165 km nördlich von Colombo gelegen, hat sich seit einigen Jahren eine ansehnliche Kite-Szene entwickelt. Vor gerade einmal sechs Jahren sah man die ersten Locals auf der Lagune ihre Tricks auf das flache Wasser zaubern. Seitdem mauserte sich die Region zu einem echten Wassersport Mekka. Ganzjährig warme Temperaturen, erstklassige Spots und die gute Windstatistike zogen auch meine Freundin und mich an wie kleine Kinder der geschmückte Weihnachtsbaum. Im Süden Wellenreiten und im Norden Kiten: klingt nach einem perfekten Ziel für Wassersportverrückte.

Doch nicht nur die Wasser- und Windbedingungen zeichnen diese Insel als spannendes Urlaubsziel aus. Atemberaubende Landschaften, die vielschichtigen kulturellen Einflüsse und nicht zuletzt die teils wildlebenden Tiere, die es hierzulande nur im Zoo zu bestaunen gibt, sind allein schon eine Reise wert. Dazu durften wir die einheimische Bevölkerung als freundlich, sehr hilfsbereit und zuvorkommend erleben – eine Willkommeskultur, von der sich einige Länder eine ordentliche Scheibe abschneiden könnten. Man sollte neben der Zeit fürs Kiten auf jeden Fall ein paar zusätzliche Reisetage einplanen, um das Land zu erkunden. Es lohnt sich.

Kalpitiya Lagune

Die Kalpitya Lagune ist die größte und bekannteste Lagune der Region. Hier tummeln sich einige Kite-Stationen und Resorts in direkter Nachbarschaft. Aufgebaut und gestartet wird in der Regel auf der schmalen Landzunge zwischen Lagune und Mehr. Die Resorts verstecken sich zwischen den Palmen am gegenüberliegenden Ufer, sodass ein Boots-Shuttle (oder alternativ ein TukTuk) die Kiter zwischen Bett und Board hin und herchauffiert. Mit dem fast durchgängig stehtiefen Flachwasserbereich kann es hier ab mittags schonmal voll werden, allerdings ist immer genügend Ausweich-Platz vorhanden. In den windigeren Sommermonaten weht der Wind auf der Seeseite schräg auflandig und bringt eine kleine, kabbelige Welle mit sich. Egal ob Anfänger, Aufsteiger oder Profi – Kalpitiya funktioniert für alle. Zwischen den Sessions kann man in den kleinen Bungalows wunderbar im Schatten entspannen und ein kühles Getränk genießen oder zurück zum Resort für eine ausgiebige Mittagspause. Einziger Wehrmutstropfen: Zu Beginn der Sommersaison (ab Mai) kann der Wind etwas böig ausfallen. Verlässlich ist er trotzdem, soll sich aber im Verlauf der Sommermonate zunehmend stabilisieren.

Kandakuliya Lagune

In Kandakuliya findet man den kleinen Bruder der Kalpitiya Lagune. Sie ist durch verschiedene Umstände erst vor 2,5 Jahren entstanden und verändert sich durch Strömungen und Winde jährlich. Der in den Wintermonaten vorherrschende Nord-Ost Wind weht perfekt auflandig, so dass hinter den Sandbänken spiegelglattes Wasser insbesondere Freestylern und Speedfreaks die perfekte Spielwiese bietet. Vorsicht ist lediglich vor den einheimischen Fischern geboten. Sie überqueren die Lagune, um mit ihren kleinen Booten zur Mündung ins offene Meer zu gelangen. Je nach Tageszeit kann hier ein Verkehrsaufkommen wie in der Elbmündung entstehen. Doch die Fischer sind Kitern gegenüber sehr freundlich gestimmt und feuern uns sogar für den nächsten Trick an. Da Sri Lanka leider ein Problem mit angespültem Müll hat, sind die Uferränder im Norden der Insel meist nicht ganz frei von Verschmutzung. Dünne Neopren Schuhe im Gepäck sind daher ratsam.

Dream Spot

Der Dream Spot hat seinen Namen redlich verdient. Man erreicht ihn per 20-minütiger Bootstour, die meist aus Kalpitiya startet. Dort angekommen, wartet eine Sandbank, die das Meer von der Lagune trennt. Auf der Seeseite findet man kleine Wellen und auf der Lagunen-Seite kommen Flachwasser-Fans voll und ganz auf Ihre Kosten. Um solch einen Trip zu organisieren, fragt man am besten in seiner Unterkunft nach oder erkundigt sich direkt bei den Kite-Schulen. Die Kosten belaufen sich auf circa 25 bis 50 Euro, je nach Zusatzleistungen wie Verpflegung und Getränke.

Magic Spot/ Vela Island

Der Dream Spot wird nur noch durch den Magic Spot, auch Vela Island genannt, übertroffen. Ebenfalls per Boot gelangt man in einer bis eineinhalb Stunden in nördlicher Richtung zu einer vorgelagerten Insel. Von dort geht es in der Gruppe – begleitet vom Boot – per Downwinder zur eigentlichen Attraktion des Tagestrips: der sichelförmigen Landzunge von Vela Island. Hier bläst der Wind gerade ablandig und bügelt das Wasser so glatt wie einen flauschigen Teppich. Zudem kommt der Wind ungestört übers offene Meer, ist daher viel konstanter und meistens auch etwas stärker als auf den Lagunen um Kalpitiya. Kein Wunder, dass man hier häufig Freestyle-Profis antrifft, die diesen einzigartigen Spot zum Training nutzen.

Gut zu wissen

Anreise: Die Flugverbindungen nach Colombo sind von vielen deutschsprachigen Flughäfen sehr gut und die Reisezeit gestaltet sich für Kiter durchaus erträglich. Wer eine schnelle Verbindung erwischt, ist in dreizehn Stunden in Colombo. Bei Mitnahme von Kite-Gepäck sollte man sich vorher unbedingt bei den Fluggesellschaften informieren, da es an den Flughäfen zu Komplikationen kommen kann. Oder man bucht über einen der einschlägigen Veranstalter und spart sich den Stress. Von Colombo bis Kalpitiya sind es gerade einmal 160 Kilometer. Schnell und bequem fährt man per Shuttle für ca. 70 bis 80 Euro, das von den Kite-Resorts organisiert wird. Sparfüchse und Abenteurer können auch öffentlich mit Bus und Bahn nach Kalpitiya gelangen. Das ist viel günstiger, dauert dafür aber auch gute sechs Stunden. Die Taxifahrer vor Ort bieten meist nur überteuerte Fahrten nach Kalpitya an. Für Sri Lanka wird ein Einreise-Visum benötigt. Man kauft es am Airport für 40 Dollar oder vorab online auf der Seite www.eta.gov.lk für 35 Dollar.

Unterkünfte: Da sich die guten Wassersportbedingungen rund um Kalpitiya herumgesprochen haben, sprießen die Resorts wie Pilze aus dem Boden. Nach kurzer Recherche findet man zahlreiche Angebote in allen Preiskategorien. Die meisten Resorts verfügen über eigene Restaurants und bieten gute einheimische Küche mit fangfrischem Fisch an. Das Cocodance Beach Resort oder Srilankakite, welches nach einem Brand 2015 wieder neu errichtet wurde, sind nur zwei der zahlreichen empfehlenswerten Adressen direkt am Spot.

Wind und Wetter: Im Dezember bis Februar bläst der Wind meist mit moderaten 15-20 Knoten aus Nordost, perfekt für Kiter jeglicher Könnensstufen. Trotzdem sollte man im Winter auch die großen Kites für windärmere Tage im Gepäck haben. In den Sommermonaten Mai bis September heißt es: „bring your smallest kites“, da der Wind erbarmungslos fast jeden Tag von morgens bis abends mit 20 Knoten aufwärts aus Süd-West bläst. März, April, Oktober und November sind die windschwächsten Monate und können dazu recht verregnet ausfallen. Die Sommerzeit lockt die meisten Wassersportler an, daher sollte man sich damit abfinden, nicht der einzige auf dem Wasser zu sein. Mit ganzjährigen Außentemperaturen um die 30 Grad und Wassertemperaturen um die 28 Grad kann man den Neoprenanzug beruhigt zu Hause im Schrank lassen. Auf ein Lycra oder Shirt als Sonnenschutz und Sunblocker sollte man jedoch keinesfalls verzichten, da die Sonne intensiv vom Himmel brennt (s. auch Windstatistik für Kalpitiya bei Windguru).

Buchung: Günstige Komplett-Angebote inklusive Flug, Hotel und Station findet man zum Beispiel bei kitereisen.com, Ola Sportreisen, Sun and Fun oder KBC Travel.