Mythos, Kult, die ultimative Herausforderung – und Todeszone für jeden Normalo-Surfer. Jaws überstehen nur die Besten, egal ob Kiter oder Surfer. Und zu den Besten zählt Patri McLaughlin, der diesen Winter beinahe die Welle seines Lebens erwischt hätte. Für KITE schildert er den ­Höllenritt.

Kiter in der Welle Jaws
Foto: Lyle Krannichfeld

Berge aus Wasser

Jaws ist DER Big-Wave-Spot. Hier wurden Legenden geboren und Fotos für die Ewigkeit geschossen. Jaws steht für gigantische Wassermassen und für eine geringe Anzahl mutiger Watermen, die sich an Big Days in dieses Monstrum wagen. Die Gelegenheiten sind rar, denn Peahi, so der einheimische Name für die Welle, funktio­niert nur an wenigen Tagen im hawaiia­ni­schen Winter. Fette Wellen allein genügen nicht, die Richtung des Swells an Mauis North Shore und der Wind müssen exakt passen. An diesen besonderen Tagen tummelt sich das Who’s who der Wave-Elite an einer der höchsten, schnellsten und ge­fähr­lichsten Wellen der Welt. Der Kreis derer, die dieses Kunststück vollbracht haben, ist klein, geradezu elitär. Einer von ihnen ist Patri McLaughlin. Der Duotone-Teamfahrer lebt auf Maui und brennt dafür, dem hungri­gen Monster immer und immer wieder in den Rachen zu sehen. Für KITE hat er seinen mit Abstand größten Tag in Jaws in Worten ­festgehalten.

Kiter in der Welle Jaws
Foto: John Rodarte

Patri McLaughlin’s Tanz mit dem Biest

Es war der 26. November 2018. Die komplette Surf-Welt hatte ihre hungrigen Augen auf Jaws gerichtet, denn die World Surf League Peahi Chal­lenge war für diesen Tag angesetzt. Jesse Richman und ich wussten bereits, dass es ein Tag für die Geschichtsbücher werden könnte, außerdem war guter Wind vorhergesagt. Während des Surf-Contests könnten wir natürlich nicht in die Welle, also entschieden Jesse und ich, noch in der Morgendämmerung eine Tow-in-Session zu machen und hoffentlich später am Tag dort kiten zu gehen, sollte der Surf-Contest abgesagt werden. In den zwei Stunden, die wir mit dem Jetski draußen waren, wurden die Wellen immer riesiger. Sie begannen, am dritten Riff zu brechen. Wir fuhren hinaus ins tiefe Wasser, um dort in der Safe Zone auf dem Handy zu checken, ob der Con­test stattfindet. Und tatsächlich: Die Organisatoren sagten den Surf-­Wettbewerb ab, weil die Wellen zu hef­tig waren. Das muss man sich mal vorstellen! Allerdings hatten sie gute Gründe: Eine Surferin kugelte sich die Schulter aus und zertrümmerte sich das Knie, anschließend trieb sie für kurze Zeit bewusstlos im Wasser. Einen Heat später erwischte es einen anderen Surfer ähnlich schwer. Es war definitiv kein Tag für Fehler.

Kiter in der Welle Jaws
Foto: John Rodarte

Trotzdem kannten wir kein Halten mehr. Wir rasten nach Hause, um unser Kite-Equipment zu holen, und fuhren sofort wieder raus. Zurück an der Welle trauten wir unseren Au­gen kaum: Gigantische Sets rollten an uns vorbei, die dazu noch nahezu perfekt aussahen. Jede Welle barrelte! Normalerweise ist Jaws unberechenbar, wenn der Swell so groß ist. Ab 40 bis 50 Fuß werden die Wellen nicht mehr viel höher, sondern nur dicker, kräftiger und dadurch immer perfekter. Sie sahen aus wie die XXL-Version von Backdoor [legendärer Surf-Spot an der Nordküste von Oahu; Anm. d. Red.]. Das Einzige, was uns Sorgen machte, war der Wind. Er wehte nur schwach und offshore. Jesse baute als Erster auf. Er hatte alle Mühe, seine Höhe zu halten. Trotzdem erwischte er ein paar Wellen, hatte aber null Chancen, auch nur in die Nähe des Face zu kommen. Nachdem ich ihm eine halbe Stunde lang beim Kämpfen zuge­se­hen hatte, zweifelte ich daran, dass das heute noch etwas würde. Doch plötzlich spürte ich, wie der Wind drehte: Er kam nun etwas mehr side­shore und nahm sogar leicht zu. Sofort pumpte ich meinen Neuner-Neo auf und wagte einen Versuch.

Es war gigantisch. Wir beiden erwischten ein paar unglaubliche Wellen. Doch diese eine Welle war absolut herausragend. Blöderweise war es die, die ich nicht erwischt habe. Aufgrund der Windrichtung war es unglaublich schwer, sich richtig in Position zu bringen. Man musste sich zwei Wellen vorher einreihen und dann, so hart es geht, auf die Kante ge­hen, um eine Chance zu haben, richtig in die Welle zu kommen. In der Ferne sah ich ein riesiges Set heranrollen. Es war das mächtigste des gesamten Tages. Mir war klar, dass die dritte Welle dieses Sets die größte sein würde, also fuhr ich auf der ersten Welle eine Wende und begab mich in Lauerstellung. Ich dachte, ich wäre genau an der richtigen Stelle, doch dies war ein fataler Irrtum. Das Teil war so unfassbar groß, dass es vor mir den halben Ozean ein­sog, um sich viel weiter draußen als die Wellen davor aufzubäumen. Ich war zu weit innen und viel zu tief positioniert. Sofort beschleunigte ich downwind und gab Vollgas. Aber die Welle stand bereits. Es war leibhaftig eine ,Freak Wave‘. Ich wollte das Biest un­be­dingt erwischen, doch es stellte sich schnell heraus, dass ich vom Jäger zum Gejagten wurde. Das Ding war hinter mir her und ich konnte es kaum abschütteln. Schließ­lich gelang es mir zu entwischen, doch ich war angefressen. Es kam keine zweite Welle dieser Größe mehr. Bitte nicht falsch verstehen, natürlich gab es noch reihenweise Riesenwellen, aber eben nicht mehr ein solches Freak-Monster. Seitdem lässt mich der Gedanke daran nicht mehr los.

Kiter in der Welle Jaws
Foto: Erik Aeder

Wir sind am nächsten Tag noch mal zurückgekehrt. Es waren immer noch gute Jaws-Bedingungen, aber für mich war es nicht mehr dasselbe. Es war einfach nicht so riesig, geradezu spielerisch im Vergleich – sofern man so etwas von Jaws überhaupt sagen kann. Ich bin dann Jetski gefahren und habe mich um die Si­cher­heit meiner Freundin Olivia Jenkins gekümmert. Als sie einige 25-Fuß-Wellen bekam, war ich neidisch. Nicht auf die Wellen, aber auf das Gefühl, das man hat, wenn man zum ersten Mal eine Welle von so einem Kaliber surft. Das erste Mal ist wirklich Furcht einflößend, aber man bekommt einen unfassbaren Adrenalinrausch. Das Problem dabei ist, wenn man das einmal erlebt hat, braucht man immer größere Wellen, um denselben Rausch noch einmal zu erleben. Und irgendwann braucht man eben solche Riesenwellen, um den Herzschlag in Wallung zu bringen. Nur leider hat man dazu in jeder Dekade nur sehr, sehr wenige Chancen. Ich hoffe, ich bekomme noch mal eine.

Portrait Patri McLaughlin
Foto: Toby Bromwich