Schneeweiße Strände, türkise Wellen, Wind und Rum im Überfluss – KITE war zu Gast auf Barbados, der Heimatinsel des „deAction Man“.

Foto: Hans-Martin Kundlinski

Das Mallorca für reiche Briten

Nach zehn Tagen Dauer-Wave-Kiten fühlen sich meine Gliedmaßen an wie Blei. Ich hätte nicht gedacht, dass ich tatsächlich mal so etwas wie satt vom Kiten bin. Fast alle aus unserer Testcrew sind platt. Obwohl die Wellen heute, am Tag der Abreise, wieder über kopfhoch brechen, entscheiden sich die meisten von uns für die Ka­ta­maran-Tour, die der Tourismus­ver­band von Barbados für uns hat sprin­gen lassen. Während wir uns mit einem Rum-Punsch in der Hand auf dem Vorderdeck die Mit­tagssonne auf den Bauch scheinen lassen, erklärt der Skipper des schnee­weißen Aus­flugs­seglers, ein alter Wind­surfer, in breitem bri­ti­­schen Akzent die offenbar unge­brems­ten Miet­preise fast jeder Lu­xus­­im­mo­bilie an der Westküste: „Sandy Lane Hotel! Hier kostet eine Nacht pro Person zwischen 2.000 und 3.000 Dollar. Mindestaufenthaltsdauer während der Hochsaison: drei Wo­chen.“ Die Touristen auf dem Ausflugs­boot raunen leise. Offenbar kann sich niemand vorstellen, ein Jahresgehalt für einen Luxusurlaub in einem Sechs­ster­ne­hotel auszuge­ben. Nicht einmal dann, wenn in un­mit­telba­rer Nach­bar­schaft Promis wie der steu­er­fle­xib­le Bleifuß Lewis Hamilton, die ex­zen­tri­sche Mietwagenmag­natin Regine Sixt, Ex-Präsident Bill Clinton oder die einheimische Pop-Prin­zessin Rihanna in den Ferien die Füße in den Sand stecken. Barba­dos ist die Insel der Schönen und Reichen – und eine Art „Mallorca für gut betuchte Briten“. Das gilt zumindest für die karibische ­Westküste.

Uns lassen der Prunk und das viele Geld kalt. Denn auf der anderen Inselseite fernab der Touristenmassen haben wir Kiter die letzten zehn Tage einen ganz anderen, fast schon dekadenten Luxus genossen: ein reich gedecktes All-you-can-kite-Buffet, serviert mit erlesenen Wellen im Über­fluss, täglich Wind von früh bis spät. Und als Kirsche auf der Torte: Wir hatten es fast für uns allein. „Früher waren hier an guten Ta­gen, wenn die Wellen masthoch über das Außenriff drücken, weit über 100 Windsurfer draußen. Allerdings wur­den die mit der Zeit immer we­ni­ger. Dafür kamen die Kiter, allerdings nicht so zahlreich wie zu den Boom-Zeiten des Windsurfens. Mich wundert das, denn Silver Rock ist ein Weltklasse-Wave-Spot“, erzählt uns Wolfgang Lange, während unser Test­team spät am ersten Abend nach elf Stunden Flug gierig die ge­bra­te­nen Hühnchen im kultigen Imbiss „Chicken Rita’s“ mit höllisch scharfer Hot Pepper Sauce verschlingt. Dazu gibt es Banks Beer und Mount Gay Rum – neben Wasser die wohl wichtigsten Getränke auf der Insel. Die Wind-und-Kitesurf-Szene auf Bar­ba­dos war nie weg, doch irgendwie ist die Insel bei deutschen Kite-Touristen in den letzten Jahren etwas von der Landkarte verschwunden. Ich kannte die Insel bisher nur aus Erzählungen von Marc Lammel, Vertriebsleiter für RRD in Deutschland und großer Barbados-Fan. Als Wolfgang mich im Sommer 2018 anrief und uns einlud, den Wave-Test bei ihm zu produzieren, musste ich nicht lange überlegen.

Foto: Hans-Martin Kudlinski

Pole-Position mit Privatstrand

Wolfgang und seine Frau Rosi wanderten in den 70ern nach Bar­ba­dos aus. Damit sind sie so et­was wie die Urväter der Windsurf-­Szene auf der Karibikinsel. Das Paar organisierte am Silver Rock Beach die ers­ten professionellen Windsurf-Con­tests und löste damit einen Boom aus. Wolfgang gehört zu den Windsurfern der ersten Stunde, hat die halbe Welt bereist und besurft. Aufmerksamkeit in der Windsurf-Szene und ein Sponsoring verdiente er sich damals, weil er als einer der Ersten eine Duck Jibe beherrschte. Das war früher offenbar das große Ding. Wir Kiter können uns heute kaum mehr vorstellen, dass man es mal mit einer Halse auf ein Magazin-Cover schaffen konnte. Die gute alte Zeit. Wir lau­schen müde, satt und leicht angedüdelt vom Rum den witzigen Anekdoten über die Pionierzeit, die ersten Contests auf Barbados und erfahren, wie sich über die Jahre die Szene und die Insel entwickelte. Spät wird es heute nicht, denn alle sind erschlagen vom Flug und in den Palmen rascheln die Blätter ­vielversprechend.

Ich wache kurz vor Sonnenaufgang auf – Jetlag. Draußen vor dem Fenster höre ich die Brandung mit voller Wucht gegen die Felsen hämmern. Gischt spritzt auf und wird vom kräftigen Wind bis in den Garten direkt vor unsere Terrasse geweht. Die Inch­­cape Seaside Villas von Wolfgang und Rosi liegen am südlichen Ende des Silver Sands Beach. „Villas“ trifft es ganz gut. Die weißen Apartmenthäuser stehen et­was erhöht direkt am Wasser. Ich krabbele in der Morgendämmerung aus dem Bett und betrachte die Anlage erstmals bei Tageslicht. Von der Veranda kann man fast ins Meer spucken. Jedes Haus ist großzügig geschnitten und ge­schmackvoll eingerichtet. Zwei Schlafzimmer, Küche, ein großes Wohn- und Esszimmer. Das Beste jedoch: die Veranda mit Blick auf den Kite-­Spot. Schöner und zugleich näher am Spot haben wir bisher noch nicht gewohnt. Offenbar bin ich nicht der Einzige, den es nicht mehr im Bett hält. Die halbe Produktionscrew ist bereits auf den Beinen. Alle stehen mit staunenden Gesichtern und gezückten Smartphones im Garten und grinsen breit, als sie in der Ferne die Wellen über dem Riff beobachten. So schnell haben wir noch nie gefrühstückt, alle Boardbags ausgepackt, das Material sortiert und die Boards montiert. Sofort stürmen die Ersten durch das kleine Gartentor hi­nunter auf „unseren Privatstrand“. Denn seit das benachbarte Hotel mit dem darauf liegenden Club Mistral dichtgemacht hat, verirren sich nur noch selten andere Menschen an den Strand. 200 Meter feinster Sand nur für uns – das bekommen wir nicht alle Tage. Und Wellen ohne Ende.

Foto: Hans-Martin Kundlinski

Action? Action!

„Action, action! And more action!“ Immer wieder tönt die fröhliche Stimme einer anderen Wasser­sport-Ikone der Insel über den Strand. Als wir Brian Talma, „deAction Man“, am darauf folgenden Tag das erste Mal treffen, bin ich fasziniert und irritiert zugleich. „Action“ zur Begrüßung, „Action“ in jedem dritten Satz und sowieso dreht sich bei Brian alles nur um Action. „Action“ ist sein Mantra und sein Markenzeichen. „Was hat der sich denn eingeworfen?“, fragt mich einer der Jungs aus unserer Crew, nachdem Brian uns zehn Mi­nu­ten lang mit ver­baler Action buchstäblich überrollt hat. An so viel positive Energie und Le­bens­­­freude muss man sich als Deutscher erst mal gewöhnen. Der Typ sprudelt wie eine Flasche Cola, in die man ein Mentos geworfen hat. Zunächst verstehen wir außer „Ac­tion“ nur Bahnhof, denn Brian neigt dazu, im Redefluss Sätze miteinander zu kombinieren, die zunächst etwas kryptisch erscheinen. Doch nach einigen Tagen und weiteren Gesprächen mit ihm bekommt man eine ungefähre Ahnung von seiner Beach-Culture-­Idee, die der dauerstrahlende Lockenkopf mit dem fesselnden Sil­ber­blick zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat.

Brian Talma

Am „deAction ­Beach“, so nennt Brian den Silver Rock ­Beach, auf dem seine quietschbunte Surf-Station samt selbst gebautem Museum steht, ist Brians Energie allgegenwärtig. Seine bewegte Lebensgeschichte hat er an den Hauswänden in furiosen Reimen verewigt. Überall hängen selbst gemalte Bilder und Schilder an den Bäumen, die zu Hunderten sogar die Straßen der Insel schmücken. Es geht um Respekt vor den Menschen und der Natur, um ein gutes Miteinan­der und darum, das Leben am Strand und auf dem Wasser mit dem Brian-Spirit zu leben. Auf der Insel setzt er sich für nachhaltigen Tourismus ein, von dem auch die einheimische Bevölkerung pro­fi­tie­ren soll, nicht nur die reichen Investoren aus dem Ausland. Seine Beach Culture möchte er über die ganze Welt verbreiten. Dafür veranstaltet er die ­Beach Culture World Tour und arbeitet mit Profisportlern wie Robby Naish, Josh Stone oder Airton Cozzolino zu­sammen, die allesamt schon zu Gast in Brians In­sel­paradies waren. Ende 2018 hat das Energie­bün­del sogar ein eigenes Buch ver­öf­fentlicht – eine Mischung aus seiner äußerst unterhaltsamen Lebensgeschichte und allerlei Anekdoten aus den wilden Windsurfzeiten. Jonas, einem unserer Tester, kommt das Buch vor wie ein richtiges Beach-Culture-Manifest. „Action!“

Foto: Hans-Martin Kudlinski

Surfer's Point und Long Beach

Nach dem Besuch bei Brian drehen wir mit Wolfgang und Rosi eine klei­ne Runde mit dem Auto, um die um­liegenden Spots zu besichtigen. Der Weg führt durch erstaunlich dicht be­baute Siedlungen mit kleinen, bun­ten Häusern, in denen Einhei­mi­­sche leben. Große Touristenbunker sind auf diesem Teil der Insel er­freu­lich rar. Surfer’s Point liegt in der Mitte zwischen Long Beach und Sil­ver Rock. Hier tummeln sich bereits einige Wellenreiter im Wasser, denn die Welle bricht hier um eine kleine Felsnase herum und läuft ­be­sonders sauber. Perfekt für unser ­Fotoshooting.

Etwas weiter upwind liegt Long ­Beach. Der weitläufige Sandstrand kann je nach Tide relativ schmal sein. Die Wellen laufen hier deutlich kleiner, was den Spot zu einer Alternative für Aufsteiger macht. An­fän­gerschulungen werden von Brian zwar auch angeboten, doch die sind hier eher die Ausnahme. Bei Side-onshore-Wind kommt am Long Beach niemand abhanden, Havaristen werden immer wieder an den Strand gespült. Dafür muss man auf jegliche Infrastruktur verzichten und die etwas kabbeligen Bedin­gungen akzeptieren. Long Beach bietet sich außerdem als Ausgangspunkt für Wel­len-Downwinder zurück zum Silver Sands Beach an. Auf den gut drei Kilometern findet man unzählige Wellen für fast jeden Geschmack.

Foto: Hans-Martin Kudlinski

Das "Pussy Cat"-Revier

Die richtige „Action!“ spielt sich aber über dem Riff vor Silver Rock und Silver Sands ab. Der Einstieg in den Spot, den Wolfgang gern scherzhaft als „Pussy­cat-­­Revier“ bezeichnet, ist an sich unproblematisch. Zumindest, wenn der Swell moderat ist. Nähern sich die Wellen der Zwei-Meter-Marke, muss man aufpassen, keine Shorebreak-Watschen zu kassieren. Dank Sideshore-Wind ist das allerdings mit etwas Übung gut zu meistern. Und bei größeren Wellen kann man im Beachbreak direkt vor der Haustür sogar Wellen reiten. Einmal gestartet, geht es in einem Schlag auf Halbwindkurs wenige Hundert Meter direkt hinein ins Wellen-­El­dorado. Und dort versteht man dann, was Wolfang mit „Pussy­cat-Re­vier“ gemeint hat. Auf Barbados rollen die Wellen sauber, aber mit eher ge­mütlichem Tempo und moderatem Druck. Selbst große Klopfer wir­ken hier nicht wie unbeherrschbare Bies­ter. Wave-Einsteiger können sich gemächlich an die Wellen heran­tas­ten, ohne bei einem Fehler gleich platt gewalzt und auf dem Riff gehäckselt zu werden. Das Riff liegt tief unter der Wasseroberfläche, selbst bei Low­tide muss man sich schon an­stren­gen, um mit den Füßen den Grund zu be­rühren. Und auch Profis kommen definitiv auf ihre Kosten. Etwas weiter upwind laufen die Wellen paral­lel zum Strand, der Wind kommt sideshore. Je nach Swell­richtung variiert das um ein paar Grad. Weiter downwind auf Höhe des Silver Sands ­Beach knickt die Welle leicht schräg weg, sodass dort eher Side-on-Bedin­gun­gen herrschen. Dafür werden die Wellen hier etwas größer und druckvoller. Dahinter verläuft ein Blau­was­ser-Channel, durch den man auch bei größeren Bedingun­gen immer wieder vor das Riff kommt, um ­aufzukreuzen.

Noch weiter in Lee liegt ein weiterer Break. Allerdings sollte man sich dort seiner Sache sicher sein. Ge­rade bei ablaufendem Wasser spürt man die in Windrichtung ziehende Strömung deutlich. Wer dann keine Höhe halten kann, sollte nicht allzu viel Zeit vergeuden, um noch den kleinen Rescue Beach (heißt wirklich so) unterhalb der Seaside Villas zu erwischen. Hat man den süd­lichs­ten Zipfel der Insel verpasst, werden die Notausstiegsoptionen rar und der Weg zurück zum Strand immer länger. Danach kommt lange nichts und nach gut 200 km downwind dann wahlweise Tobago oder Grenada. Wer am Haupt-Spot bleibt und nicht zu weit abfällt, wird sich darüber keine Gedanken machen müssen. Die Wellen-Spiel­wiese ist bis Surfer’s Point Luftlinie eineinhalb Kilometer lang und bietet damit mehr als genug Platz für jeden.

Kiten auf Barbados

Rundtour zur Suppenschüssel

Die Vorhersage fürs Wochenende sieht vielversprechend aus und unsere Knochen sind müde, also gönnen wir uns zur Halbzeit einen Tag Pause. Zeit für etwas Sightseeing. Wolfgang schickt uns auf eine minu­tiös ausgearbeitete Inselrundfahrt. Wir wollen versuchen, an einem Tag um die Insel zu fahren und dabei mög­lichst alle sehenswerten Orte zu besuchen. Ein recht ambitio­nier­tes Unterfangen für nur einen Tag, wie sich herausstellen soll. Wir steigen frühmorgens in unseren Van und rollen los. Keine zehn Minuten auf dem Weg in Richtung Oistins kom­men wir am South Point vorbei, einem schönen Surf-Spot, an dem sich an diesem Tag viele Einsteiger mit Longboards im Wasser tummeln. Je weiter man der Küste in Richtung Westen auf die windabgewandte Seite der Insel folgt, desto ruhiger und glatter wird das Wasser. Oistins selbst ist ein kleiner, aber belebter Ort, in dem man alles bekommt, was man zum Leben braucht: Supermarkt, Apo­theke, Geldautomaten, Bars und Restaurants. Abends spielt sich das Leben auf dem Fish Market ab. Die kleinen Bars und Marktstände grillen frischen Fisch, dazu gibt es jede Menge Banks Beer, Reggae-­Sound und hin und wieder ziehen süßlich riechende Rauchschwaden vorbei.

Sandy Lanes (Foto: Hans-Martin Kudlinski)

Ab Oistins bis zur Hauptstadt Bridgetown­spürt man deutlich mehr vom Tourismus. Die Küste ist dicht bebaut, moderne Hotels wechseln sich mit Einheimischen-Siedlungen ab. Wer hier an den Strand will, muss et­was suchen, bis man einen Zugang findet. Dafür sind alle Strände auf Bar­bados grundsätzlich öffentlich – selbst vor den dekadentesten Luxus­tempeln kann man entspannt im Sand spazieren. Wir lassen Bridge­town zunächst aus und fahren nach Sandy Lane. Dort resi­die­ren die Su­per­reichen in mondänen Strand­villen und sündhaft teuren Hotels. Da wir mit Prunk und Protz nicht viel anfangen können, belassen wir es bei einem Spaziergang am Strand und fahren weiter Richtung Norden.

North Ponit (Foto: Hans-Martin Kudlinski)

Speightstown ändert sich das Landschaftsbild schlagartig. Die Be­bau­ung nimmt ab, plötzlich fah­ren wir durch dicht bewaldete, sattgrüne Hügellandschaften, durch Zucker­rohr­­felder und Wiesen. Auf kurvigen, engen Straßen geht es zum North Point. Die zerklüftete Steilküste ist von den Wellen schwer gezeichnet. Immer wieder zischt die Gischt oben über die Felsen. Einfach dort zu sitzen und den Wellen zuzusehen hat et­was Meditatives. Wer mehr ­Ac­tion braucht, macht eine Höhlen­tour in die Animal Flower Cave. Ab hier beginnt der bergige Teil der In­sel, die Landschaft wechselt alle paar Meter von üppiger Vegetation zu schroffen Felsen. Unser Van ächzt völlig über­laden die steilen As­phalt­rampen hi­­nauf, vorbei am Cherry Tree Hill Re­­serve, von wo man einen atem­be­raubenden Blick über die Ostküste genießt, zur St. Nicholas Abbey, einem historischen Plan­tagen-Anwesen mit eigener Rum-­Brennerei. 45 Bar­ba­­dos-Dollar, rund 20 Euro, Eintritt sind zwar kein Schnäppchen, doch wer sich für die Herstellung von Rum interessiert, wird hier nicht enttäuscht.

Unser nächs­ter Wegpunkt ist der berühmte Surf-Spot Soup Bowl – Pflicht­programm für jeden Wellenreiter. Die Suppenschüssel entpuppt sich als malerische Bucht mit einigen meterhohen Felsbrocken im Wasser, von denen man sich kaum vorstellen kann, wie die vor Zigtausenden Jah­­ren dorthin gelangt sein sollen. Die Surf-Breaks laufen dahinter, die Touristen davor am Strand entlang.

Barbados Soup Bowl
Soup Bowl (Foto: Hans-Martin Kudlinski)

Das große Finale

Der Forecast sollte recht behalten. Mit jedem Tag wachsen die Wellen und sogar der Wind frischt in der zweiten Wochenhälfte deutlich auf. Als die Walzen zum ersten Mal kopfhoch brechen, bestätigt sich unsere Vermutung: Barbados ist ein amtliches Wave-Revier. Wir kiten jeden Tag bis zum Umfallen, bis die letzten Son­nenstrahlen erloschen sind. Mit jeder Sekunde mehr, die zwischen den Wellen liegt, spürt man, wie der Druck langsam zunimmt. Die Wellen werden dicker, entwickeln mehr Power. Natürlich gibt es spektakulä­re­re, größere oder gefährlichere Wellen auf der Welt. Doch während sich der ambi­tionierte Durchschnitts-­Kiter schon beim Gedanken an One Eye oder Pon­ta Preta vor Angst in den Neo scheißt, kann man auf ­Barba­dos ohne größeres Risiko fette Wel­len kiten. Hier herrschen keine ex­­tre­men Offshore-Bedingungen. Wenn wirklich etwas schiefgeht, kommt man in der Regel wieder von allein zurück an den Strand. Dafür muss man je nach Kombination aus Swell- und Wind­richtung tageweise mit Side-on-­Bedin­gungen zurechtkom­men. Wenn beides optimal zusam­men­­passt, genießt man bei side bis leicht side-off Ritte mit zahllosen Turns. Die richtigen Big Days haben wir leider noch nicht erlebt, aber wir wissen bereits jetzt, dass wir wie­­der­kommen werden. Die lange Saison von Dezember bis Juli bietet dafür ausreichend ­Gelegenheiten.

Kiten auf Barbados
Foto: Hans-Martin Kudlinski

An unserem letzten Abend besuchen wir noch mal Brian Talma. Brian hat eingeladen, um uns und einigen anderen geladenen Gästen seine Pläne für die Beach Culture World Tour zu prä­sentieren. Bevor es losgeht, gibt es natürlich ein paar Rum Punch. Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung. Brian ist voll in seinem Element. Er wuselt und lacht; sobald er den Mund aufmacht, hängen alle an seinen Lippen. Eine solche Präsenz strahlen nur wenige Menschen aus. Er hat sich kleine Awards ausgedacht, um die Leistungen einiger Menschen, die ihm wichtig sind, zu würdigen. Jeder Award wird mit ­einem von Bri­ans selbst gemalten Bildern prämiert. Wolfgang und Rosi bekommen einen für ihre langjährige Zusammenarbeit, ein Local bekommt einen für seine bestandene Kitelehrer-Prüfung und neben ein paar Weiteren bekommen auch wir einen überreicht. Den Grund habe ich ehrlich gesagt nicht ganz verstanden, da wir aus meiner Sicht in der kurzen Zeit nichts Substanzielles zur Beach Culture auf der Insel beitragen konnten. Aber Brian lacht und erklärt mir, dass ich eine Schildkröte sei. In der Beach-Culture-Symbolik bedeutet „Turtle“, dass Menschen respektvoll miteinander umgehen und sich auf Augenhöhe begegnen. Ich muss darüber nachdenken, aber beschließe in dem Moment, dass das Bild von Brian einen Ehrenplatz im Redaktionsbüro bekommen wird. Auch wenn Brian manchmal etwas out of space wirkt, seine Lebensfreude und die Art, Dinge zu sehen, inspirieren. Er versprüht einen ganz besonderen Vibe.

Diesen Vibe spürt man auf der ganzen Insel. Vielleicht ist es auch die Insel selbst. Oder der Strand und die Wellen. Fest steht: Wenn man ihn einmal gespürt hat, wird man auf jeden Fall wiederkommen.

Gut zu wissen

Anreise: Condor fliegt mehrmals pro Woche von Frankfurt. Flugzeit direkt: neun­einhalb Stunden. Alternativen gibt es unter anderem mit British Airways oder Virgin über London. Der Flughafentransfer zum Silver Sands oder Silver Rock Beach dauert entspannte 15 Minuten mit dem Minibus.

Unterkunft: Wer spot-nah wohnen will, findet in wenigen Kilometern Umkreis ei­nige kleine Apartment- und Hotel­an­la­gen. Bekannte Hotelketten wie Hil­ton oder Radisson befinden sich circa 40 Minuten entfernt in Bridgetown. Brian Talma bietet am „deAc­tion ­Beach“ Apartments und ein Gästehaus. Wer direkt am Strand und dazu noch sehr schön wohnen möchte, mietet ein Apartment bei Wolfgang und Rosi in den Inchcape Seaside Villas. Vom 3. bis 13. Dezember 2019 findet dort erstmals ein Kite College Event statt.

Mietwagen: Sollte man auf Barbados haben. Es gibt zwar öffentlichen Nahverkehr in Form von Bussen, Kleinbussen oder Taxis, doch in der Gegend um Silver Sands befinden sich nur wenige Restaurants und kaum Ein­kaufs­möglichkeiten. Der nächste Supermarkt ist in Oistins, circa 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Auf Barbados herrscht Linksverkehr. Günstige Autos inklusive Bring- und Abholservice bekommt man bei ­www.­barbadoscarrentals.com.

Wind & Wetter: Barbados wird zuverlässig von Pas­sat­winden verwöhnt. Die Saison beginnt Anfang Dezember und geht bis in den Juli hinein mit durchgängig über 80 Prozent Windwahrscheinlichkeit. Luft und Wasser sind das ganze Jahr über warm. Trotz 28° Celsius sollte ein dünner Neo-Unterzieher im Gepäck während der Wintermonate zur Sicherheit nicht fehlen. Um die Mittagszeit herum reichen den meisten Boardshorts und Lycra. Abends kühlt es durch den stetigen Wind angenehm ab.

Revier geeignet für: Wave-Kiter und solche, die es werden wollen. Für jeden Anspruch findet sich ein Plätzchen mit der richtigen Wellenhöhe. Einige Twintip-Fahrer mischen sich unter die Wave-Ge­mein­de. Die Wellen laufen über dem Riff sauber, in der Lagune ist das Wasser kabbelig, hinterm Riff draußen schaukelt gemächliche Dünung. Anfänger sind hier selten. Für einen Grundkurs gibt es bessere Spots.

Geheimtipp: Frühstück mit Blick auf den Strand im Surfer’s Café in Oistins. Abendessen bei Chicken Rita’s in Silver Sands mit Brathähnchen, scharfer Hot Pepper Sauce und Mount Gay XO Rum. Sieht etwas rustikal aus, schmeckt fantastisch, ist Kult und macht nach einem langen Kite-Tag enorm satt und glücklich.

Schildkröten auf Barbados
Foto: Hans-Martin Kundlinski