Über Dakhla ist alles geschrieben? Stimmt nicht – findet Tanja Rosenkranz. Die Deutsche hat dort einige Jahre mit Arbeit, Leben und Kiten verbracht. Und weiß: Viele Kiter pendeln nur zwischen Lagune und Camp. Und verpassen die eigentlichen Schätze, die unentdeckt in der Wüste warten.

Kiter in Dakhla
Foto: Freya Miller McCall

Oase für Windhungrige

Nachdem ich 2012 im Auto 2.000 km Roadtrip quer durch die Wüste gemacht hat­te, kam ich mir bei der Ankunft in Dakhla vor wie in einem Paradies – einem Kite-Paradies. Wo heute die Resorts, aufgereiht wie eine Perlenkette um den Hals der Lagune, um zahlungskräftige Kundschaft buhlen, standen damals nur ein paar Kite-Camps und -Stationen. Ein Geheim-Spot war Dakhla schon damals nicht mehr, doch ich bin auch nicht als Entdeckerin gekommen. Ich hatte nur Kiten im Kopf. Damals ahnte ich noch nicht, wie oft es mich an diesen einzigartigen Ort zurückziehen würde. Seit meinem ersten Besuch fahren wir jedes Jahr im November die wunderschöne Strecke durch die Wüste nach Dakhla. Nicht mehr allein, son­dern jetzt mit Gästen, doch für mich fühlt sich das immer noch wie ein Ritual an. Als ich 2015 zum ersten Mal mit dem Flugzeug anreiste – immerhin gibt es mittlerweile komfortable Verbindungen über Casablanca –, hatte ich das Gefühl, ich hätte es dieses Mal nicht verdient, dort zu sein. Auch wenn es für Außenstehende merk­würdig klingt: Ein paar Stunden im Flieger verglichen mit ein paar Ta­gen im Auto fühlen sich falsch an, wenn man das Gefühl hat, man begibt sich jedes Jahr auf so etwas wie eine Pilgerreise, auch wenn es nicht um Kirche oder Religion geht.

Tanja Rosenkranz
Foto: Carole de Travieso

2013 entwickelte ich den Ehrgeiz, bei der PKRA-Weltmeisterschaft in der Welle mitzufahren. Schon damals war auf der Tour ohne Training nichts zu holen, denn die anderen Mädels hatten einiges drauf. Obwohl die meisten Kiter Dakhla wegen der großen Lagune und der vielen Flachwasser-Spots besuchen, liegen die wahren Schätze – zumindest für mich – an der offenen Atlantikküste. Denn dort findet man einige überragende rechts brechende Wellen. Ich beschloss in dem Jahr, einen Monat früher nach Dakhla zu reisen, um mein privates Wave-Trainingslager dort aufzuschlagen. Ab dann war es um mich geschehen: Dakhla ist meine große Kite-Liebe.

kiter in Dakhla

Meisterhaft zugebaut

Obwohl Dakhla ein Stück weit im Wellenschatten der Kanaren liegt, die den ganz großen Swell aus dem Atlantik abschirmen, wird man hier trotzdem ein gutes halbes Jahr von konstanten und vor allem relativ einfach zu fahrenden Wellen verwöhnt. Heute sind einige meiner Lieb­lings­spots von damals leider verbaut. Foum lebouir (gesprochen: /fumbuir/) ist so ein Fall. Die Welle zählte zu den berühmtesten Kite-­Wellen in Dakhla und war Schauplatz etlicher Wave-Contests. Auf den Klippen am Nordende der Bucht stehen nun drei Hotels nebeneinander, die den Wind so stark verwirbeln, dass in der Welle davon bei Side­shore-Wind nur noch wenig oder sehr böiger Wind ankommt. Jetzt tummeln sich direkt vor den Felsen ungestört die Wellenreiter, die nicht mehr mit den Kitern um die Wette paddeln müssen. Des einen Freud, des anderen Leid. Der GKA Wave Contest fand 2018 dennoch dort statt. Für die Profis waren es herausfordernde Bedingungen, aber die müssen eben überall fahren können. Der Name Foum lebouir wird übrigens seit einigen Jahren ständig verändert, um nicht zu sagen verbogen. Man liest immer wieder die absonderlichsten Schreibweisen, obwohl alle dasselbe meinen. Kiten ist dort aufgrund der Windab­deckung schwierig geworden, wenn auch nicht unmöglich. Ich bin selbst immer relativ schnell frustriert, wenn ich mich ständig durch Windlöcher kurbeln muss. Besser man weicht hier etwas nach Lee aus, dort findet man einige schöne ­Breaks zum Abreiten.

An guten Tagen läuft die Welle hier auf einer Länge von 600 Metern und kann bis zu drei Metern Höhe erreichen. Auf die Steine im Wasser, besonders in Ufernähe, sollte man ein Auge haben, wenn man ein inniges Verhältnis zu seinen Finnen oder gar dem Board pflegt. Die beste Windrichtung liegt zwischen Nordwest (side-on) und Nordost (side-off). Der Swell kann aus West bis Nordwest heranrollen, seltener auch aus Nord. Oktober bis Mai ist hier die optimale Zeit, wobei in den Wintermonaten, etwa bis März, der Wind unbeständiger sein kann. Der August ist meiner Meinung nach der schlechteste Monat. Da Foum lebouir so beliebt ist, organisieren viele Camps Transfers von der Lagune zum Spot und zurück. Hinkommen ist also sehr einfach.

Kiter in Dakhla
Lasaga (Foto: Freya Miller McCall)

Die XXL-Welle

Zum Pflichtprogramm für Wave-Kiter gehört in Dakhla auf jeden Fall eine der längsten Wellen überhaupt. Auf circa 1.300 Metern ist Lassarga der XXL-Wellen-Spielplatz. Wenn man Glück hat, bekommt man hier Ritte von bis zu eineinhalb Minuten! Damit der Spot funktioniert, braucht es allerdings etwas mehr Swell. Kitebare Wellen bewegen sich hier zwischen einem halben und eineinhalb Metern Höhe. Die besten Chancen, Lassarga zu erleben, hat man zwischen Dezember und März. Im Juli und August funktioniert der Spot ­da­gegen nur selten. Der Wind bläst ablandig, dennoch kann man die kleine Ewigkeit auf der Welle sorgenfrei genießen, denn der anliegende Ion Club besitzt ein Rettungsboot. Der Spot befindet sich ganz am Ende der Landzunge von Dakhla. Wer dort übernachten möchte, kann sich im neu eröffneten Eco-Resort einquartieren. Es verfügt über sehr wenige Bungalows und liegt komplett in der Wüste. Hier surft oder kitet man den ganzen Tag in der Welle. Viel mehr gibt es dort nicht. Natürlich ist der Spot mit dem Auto auch von den anderen Camps zu erreichen, viele organisieren auch Transfers. Oder man nimmt sich ­einen Guide.

Kiter in Dakhla
Point d'or (Foto: Freya Miller McCall)

Der goldene Punkt

Ich bin bei Weitem nicht die Einzige, die viel Zeit in Dakhla zum Trainieren verbracht hat. Kirsty Jones zum Beispiel war sehr häufig hier. Sie genießt das pure Wellen-Yoga seit vielen Jahren und man trifft sie sicher an einem der vielen Spots. Zum Beispiel am ­Point d’Or. Er liegt etwas nördlich von Foum lebouir. In der kleinen Bucht befinden sich in Luv zwar auch ein paar Fels­bro­cken, doch der Spot ist meiner Meinung nach einfacher und ungefährlicher als Foum lebouir. Dafür muss man in Kauf nehmen, dass der Swell etwas ungeordneter ankommt. Die Wind­richtung ist hier dieselbe, Nordwest bis Nordost ist gut kitebar. Die Welle ist mit 200 Metern zwar nicht ganz so lang wie beim berühmten Bruder etwas weiter südlich, doch gut ist sie al­lemal und der Wind ist deutlich konstanter. Hier toben sich vor allem fortgeschrittene Kiter aus, Einsteigern würde ich den Spot eher nicht empfehlen.

Ein Guide ist in Dakhla generell kei­ne schlechte Sache. Denn neben den drei vorgestellten Revieren gibt es noch etliche wunderschöne Wellen­spots bis hi­nunter zur maureta­ni­schen Grenze. Nur kommt man dort allein in der Regel nicht hin, zudem gibt es verschiedenste behördliche Bestimmungen. Wir haben schon meh­rere unvergessliche Wüsten-­Wel­len-Trips unternommen, in einsamen Buchten gezeltet und frisch gefangenen Fisch von Fischern gekauft und gegrillt! Wa­rum also der Guide? Einerseits we­gen der Sprachbarriere, denn viele Ein­heimische sprechen kein Französisch mehr. Andererseits weil an manchen Fischerdörfern das Kiten verboten ist. Weiß man das nicht oder ignoriert es, droht schnell Ärger mit dem Mi­litär. Wenn der Guide wiederum seine üblichen Pappenheimer dort kennt, sieht das vor Ort gleich wieder ganz anders aus.

Foto: Svetlana Romantsova

Anreise und Unterkünfte

Vor acht Jahren war Dakhla eigentlich nicht mehr als eine große Zeltstadt, bestehend aus einzelnen Kite-­Camps. Heute präsentiert sich ein deut­lich anderes Bild. In den Camps und Hotels glitzern Pools, blasen Kli­maanlagen kühle Luft in die Bungalows und die Kinder werden im Kids Club unterhalten. Dakhla zielt nicht auf die Billigheimer ab. Natür­lich findet man vereinzelt noch Zelte mit dem wildromantischen Flair von damals. Doch seitdem die Flug­verbindungen enorm verbessert wur­den – früher war beispielsweise eine Übernachtung in Casablan­ca wäh­rend der Anreise obligato­risch –, schießen um die Lagune herum die Resorts wie Pilze aus dem Boden. Im Herbst und Winter gibt es mitt­ler­weile einen Direktflug mit Trans­avia von Paris (buchbar teilweise ab 80 Euro), Air Arabia fliegt über Marrakesch und Agadir nach Dakhla und Royal Air Maroc sogar zehnmal in der Woche. Mehr Konkurrenz, bessere Verbindungen, güns­­tigere Preise – das lockt natürlich mehr Touristen an. Mittlerweile wurden in Dakhla viele Camps mit gutem Standard errichtet. Man kann sich aussuchen, ob man an der Lagune oder direkt an einem der Wellen-Spots wohnen möchte. Für jeden Geschmack und fast jeden Geldbeutel ist etwas dabei, egal ob man allein, mit Familie, in einer Gruppe oder mit Freunden anreist. Meine persönlichen Empfehlungen: Dakhla Spirit (für Singles, Freunde, Gruppen und Familien), Dakhla Club (für Familien und Paare), Zenith (für Freunde und Singles) und das Ocean Vagabond (für Familien und Paare).

Angebote für Wellen-Einsteiger

Dakhla eignet sich perfekt dafür, erste Versuche auf dem Directional zu unternehmen. In den Camps werden laufend Wave Clinics angeboten, die optimal auf Wave-Einsteiger zuge­schnitten sind. Man startet in der Lagune mit den ersten Metern auf dem Directional und lernt die Basics. Sobald die sitzen, geht man mit erfahrenen Lehrern in die Welle. Außerdem kann man dort Wellenreiter mieten. Für die windlosen Tage oder einfach etwas Abwechslung bietet Dakhla unzählige Surf-Spots. Die Liste ist wirklich endlos und gespickt mit Weltklasse­wellen. Wer sich auskennt, kann sogar jetzt noch allein und fernab der Massen im Line-up sitzen. Auch dafür bietet sich ein lokaler Surf-Guide an.

Insider-Tipps

1. Mittagessen in der Oyster Farm (zwischen Dakh­la City und den Camps). Es gibt, der Name verrät es, Austern, frisch gesammelt natürlich. Außerdem Tintenfisch-Tajine, kleine Hummer und sehr leckeren Ofenfisch mit Gemüse! Man kann Wein zum Essen trinken, allerdings muss man den dann selbst mitbringen. Wichtigster Tipp: Es gibt keine Toilette!

2. An den Geldautomaten (ATMs) kann man nur bis 200 Euro abheben.

3. Camel Kebab – gibt es direkt in der Stadt, einfach durchfragen.

4. Speed-Spot für Flachwasser-Fanatiker – eines der weltbesten Flachwasserreviere.

5. Wer seine Wellen-Erlebnisse für immer festhal­ten möchte, meldet sich einfach bei der ansässigen Profi-Fotografin Freya Miller-McCall.

6. Mietautos gibt es gut und günstig direkt am Flughafen. So kann man die Spots auf eigene Faust anfahren. Für die drei vorgestellten benötigt man keinen Allrad.

Flamingos in Dakhla