Corona hat viele Kite-Reisepläne pulverisiert. Ist das schlimm? Ja und nein. Denn viele Kiter entdecken derzeit „notgedrungen“ die vielfältigen Spots vor ihrer Haustür. Auch wir haben die Zwangspause im Frühling genutzt, um uns in Bayern und Tirol nach guten Kite-Alternativen umzusehen.

Blick auf den Altmühlsee
Die kleine Na­se, auf der die Kitewiese liegt, ragt in den Alt­mühl­see hinein. Unterhalb befindet sich das Surfcenter.

Natürlich brennen wir genau wie so viele andere Kiter darauf, bald wieder unseren Bus zu packen, um in andere Länder zu fahren oder ins nächste Flugzeug zu steigen. Reisen macht für viele Kiter einen gehö­ri­gen Teil ihres Lifestyles aus – mit allen Vor- und Nachteilen, die das so mit sich bringt. Und auch wenn nach und nach Reisebeschränkungen abgebaut und Grenzen wieder geöffnet werden, war der Kite-Sommer 2020 definitiv anders. Während viele Reiseanbieter, Hotels und Schulen im Ausland ums Überleben kämpfen, werden unsere Inland-Spots überrannt. Egal ob an der Küste oder am Binnensee, die Home-Spots erleben durch Corona eine ungeahnte ­Renaissance.

Wer nicht in unmittelbarer Schlagdistanz zur Küste wohnt, hat die Wahl: entweder die Hälfte des langen Wochenendes auf der Autobahn verbringen oder sich nach guten Alternativen in der Umgebung umschauen. Glücklicherweise gibt es die für Kiter aus dem süddeutschen Raum vielfach. Bayern und Tirol taugen nicht nur zum Wandern, Biken und Skifahren. Mit dem Altmühlsee und dem Großen Brombachsee liegen mitten im Fränkischen Seenland gleich zwei Binnenreviere in un­mit­telbarer Nachbarschaft mit verblüffend guter Windsicherheit. Wer alpine Kulisse bevorzugt und die nötigen Kite-Skills mitbringt, kann sich den Achensee in Tirol vornehmen, der an guten Tagen hervorragende Thermikbedingungen bietet.

Auch wenn der Wind hier nicht so warm und konstant durch die Surfer­matte streicht wie in Brasilien und die Leberkassemmel beim Metz­ger vielleicht nicht mit Tapas in Tarifa mit­halten kann, so lohnt ein Ausflug an unsere Seen für einen Tag oder ein langes Wochenende unbedingt. Nur für Anfänger sind die meisten Spots nicht oder nur eingeschränkt empfehlenswert. Es sei denn, man weiß, wo man eine gute Kite- oder sogar Wingfoil-Schule findet.

Altmühlsee

„Das geht hier ja zu wie in Tarifa!“, denke ich, als wir am Samstag nach Himmelfahrt auf den Parkplatz hinterm Surfcenter Altmühlsee in Gunzenhausen rollen. Dicht an dicht stehen Wohnmobile, aus denen Windsurfer und Kiter hektisch Material zerren, um es zum Ufer des Sees zu schleppen. Für den Nachmittag sind bis zu 30 Knoten in Böen aus Nordwest vorhergesagt – ungewöhnlich viel für den Binnensee. Auf dem Wasser wuseln unzählige Windsurfsegel und Kites im strahlenden Sonnenschein umher. „Heute ist die Hölle los, das ist nicht normal“, begrüßt uns Willi Rupp, Inhaber des Surfcenters und Wassersport-Urgestein. Kein Wunder, nach dem Lockdown sind alle heiß drauf, endlich wieder aufs Wasser zu kommen. Wir entscheiden, besser gleich aufs Wasser zu gehen, bevor es noch voller wird. 

Die lang gestreckte Kitewiese wird durch einen schmalen Weg vom Ufer des künstlich angestauten Sees ge-trennt. Da sie hinter dem Ringdamm leicht nach unten abfällt, ist beim Starten und Landen der Kites Vorsicht geboten, denn im unteren Bereich kommt kaum Wind durch. Dazu verwirbelt der Damm die Luft über der Böschung. Unnötig lange mit dem Kite in der Luft herumzustehen kann hier schnell schiefgehen. Ich ziehe meinen Zwölfer in die Luft und dragge ein paar Meter in den See hinein. Das Ufer fällt steil ab, der Stehbereich reicht nur wenige Meter in den See. Schon peitscht die erste Bö mit Wucht in mein Tuch. „Geil, heut ist Druck!“, denke ich – um kurz danach mit einigen Sinuskurven zu versuchen, irgendwie in Fahrt zu bleiben. Konstanter Wind ist definitiv anders, aber die Unterschiede zwischen Windloch und Bö fallen umso heftiger aus, je stärker der Wind am See bläst. Bei weniger Wind wird es konstanter. 

Willi Rupp, Betreiber des Surfcenter Altmühlsee
Willi Rupp ­betreibt das ­Surfcenter Alt­mühlsee und bietet neben Kite- und Windsurfkursen seit 2020 auch Wingfoil-Kurse an.

Weiter in Lee haben die Windsurfer das Sagen, die direkt vor Willis Station einsteigen. Die Kiter bleiben, oder versuchen es zumindest, in Luv. Dort ist der See rund einen Kilometer breit und an normalen Tagen hat man jede Menge Platz auf dem Wasser. Der Nordwestwind kommt side- bis side-­onshore, West bläst onshore. Ostwind kann man hier knicken, denn der kommt gerade ablandig. Kreuzt man zu weit in Richtung des gegenüberliegenden Ufers auf, spürt man zunehmend Luftlöcher, sobald man sich der Windabdeckung nähert. Das Wasser ist, typisch tiefer Binnensee, leicht kabbelig, aber trotz des kräftigen Winds halten sich die holprigen Wellen in angenehmen Grenzen.
Wir geben zwei Stunden auf dem Wasser Gas. Danach treibt uns der Hun­ger in den kleinen, gemütlichen Biergarten direkt neben der Surf­schule. So viel Infrastruktur mit Shop, Schule, Parkplatz direkt am Spot, Gastro, Umkleiden und Toilet­ten findet man selten. Bei einem Stück Kuchen beobachten wir Dave, einer von Willis Stammlehrern, bei der Einweisung für einen Wing­foil-Kurs. Auch hier ist der neue Sport längst angekommen und die Nach­fra­ge nach Kursen brummt. „Das wird diesen Sommer wohl ein richtig großes Ding. Ich bin froh, dass wir uns früh genug in das Wing-Thema reingefuchst haben“, erzählt Wille stolz.

Surfer und Kiter fahren auf dem Altmühlsee
Der Altmühlsee eignet sich besonders als Freeride- und Foil-Revier bei westlichen Windrichtungen. Foto: Max Gritsch

GUT ZU WISSEN

Anreise:
Von München über die A9 bis Greding oder die A8 über Augsburg und Donauwörth. Von Würzburg über A7 und A6 bis Ansbach, dann auf die B13 bis nach Gunzenhausen, Ortsteil Schlungenhof. Großer Parkplatz mit Wohnmo­bil­stellplatz (80 Plätze) direkt hinter der Station.

Wind:
Beste Windrichtungen für den Altmühlsee sind West bis Nordwest, Südost funktioniert ebenfalls. Nordost bis Nord kommen leicht ablan­dig und abgedeckt. Ost funktioniert nicht. Vorhersage: Windguru – ­Altmühlsee.

Spot:
Wiese zum Aufbauen, Starten und Landen 150 Meter nördlich vom Surfcenter. Direkt vor der Station gehen nur die Windsurfer und Schüler ins Wasser. Kleiner Stehbereich in Ufernähe, das Wasser ist – je nach Windstärke und -richtung – leicht kabbelig.

Kite-Schule:
Surfcenter Altmühlsee: Surf-/Kite­schule mit Shop (u.a. Duotone, Naish, Reedin), Gastro, WC, Umkleiden und Fahrradvermietung direkt am Spot

Geeignet für:
Tagestrips und verlängerte Wochenenden. Früh kommen lohnt, denn der Parkplatz kann an guten Tagen voll werden. Einer der we­ni­gen Binnenseen mit Kite- und Surfschule im südlichen Raum. Ansonsten für Aufsteiger und Fortgeschrittene, die sicher starten und landen sowie auch bei böigem Wind Höhe halten können.

Kiter am Brombachsee

Brombachsee

Gerade mal zehn Kilometer Luftlinie sind es vom Altmühlsee zum östlich gelegenen Brombachsee. Dieser – eigentlich sind es mit Igelsbachsee, Kleinem und Großem Brombachsee drei Gewässer, die im Westen durch Dämme geteilt werden – bietet mit seiner Ost-West-Ausrichtung die perfekte Einfallschneise für Wind aus den beiden Hauptwindrichtungen Ost und West. Die leicht ansteigen­den Ufer erzeugen einen Trichter, durch den sich die Winde zwängen müssen, sodass man durch den Düsen­ef­fekt zur Vor­hersage für beide Spots in der Regel den ein oder anderen Knoten hin­zurechnen kann. Ein weiterer Vor­teil des Brombachsees: Er bietet Spots für unterschiedliche Windrichtungen. Bei Kitern be­­sonders beliebt ist der Große Brombachsee mit den Spots Ramsberg und All­manns­dorf an der östlichen See­seite.

Allmannsdorf ist der Anlaufpunkt für westliche Windrichtungen. West und Südwest kommen hier frei an, Nordwest ist aufgrund der Windabdeckung sehr böig. Dann wechselt man – genau wie bei Ostwind – ans ge­gen­überliegende Südostufer nach Ramsberg. In Allmannsdorf wird auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz geparkt, den Spot erreicht man nach wenigen Hundert Metern Fußweg. Die Schlepperei wird mit viel Platz zum Aufbauen, einem kleinen Sandstrand und Infrastruktur wie Café, einem kleinen Shop und Toiletten belohnt. Auf dem rund eineinhalb Kilometer breiten See kann man sich nach Herzenslust austoben, Platzprobleme gibt es allenfalls beim Parken und im Uferbereich.

Kiter am Brombachsee
Die Ramsberger Kitewiese bietet ausreichend Platz und direkten Zugang zum Wasser

Wer etwas aufkreuzt und einen langen Schlag in den See hinein fährt, kommt sich mit anderen weniger ins Gehege – und fin­det dort meist den besseren Wind.

Ähnliches gilt für den Spot in Ramsberg. Die Kitewiese liegt am östlichen Ortsrand kurz vor der Anlegestelle des Brombachsee-Dampfers. Ostwind bläst hier sideshore von rechts. Im Uferbereich verwirbeln ein paar Bäume den Wind, sodass man beim Starten und Landen auf der Hut sein sollte. Sobald man auf dem Wasser ist, wird der Wind mit jedem ge­fah­re­nen Meter in Richtung Seemitte konstanter. Bei kräftigem Ostwind entsteht eine Windkante mitten im See, die man an der Wasser­ober­flä­che erkennt. Dahinter schiebt der Druck im Kite noch mal um ein paar Knoten an. Böen bleiben zwar nicht aus, doch für einen Binnensee fällt der Wind zumindest bei Schönwetterperioden relativ konstant ein. Jedoch sind blutige Einsteiger auch hier falsch, denn das Ufer fällt steil ab und der Stehbereich besitzt nur homöopathische Dimensionen.

GUT ZU WISSEN

Anreise:
Die gleichen Anreiserouten wie beim Alt­­mühlsee. Ramsberg liegt am süd­öst­lichen und Allmannsdorf am nordöstlichen Ende des Sees. Der Park­­platz in Allmannsdorf ist gebühren­pflich­tig; in Ramsberg gibt es nur einen kleinen Parkplatz am Orts­ende an der Wendeschleife (Achtung: bitte nicht die Straße zuparken, dort ist wenig Platz).

Wind:
Ost und West sind die Hauptwindrichtungen. Durch die Ausrichtung des Sees können beide Windrichtungen frei durchziehen und produzieren gute Kitebedingungen.

Spots:
Bei Ost oder Nordwest ist Ramsberg die beste Option. West und Südwest funktionieren in Allmannsdorf gut. Beide Spots bieten ausreichend Platz zum Aufbauen, Starten und Landen. Außer ein paar Bäumen im Uferbereich und dem Dampfer drohen kaum Gefahren durch Hindernisse.

Kite-Schulen:
Surfschule Brombachsee von Deutschlands Top-Racer Florian und Vater Erwin Gruber (nur Privatschulungen auf Anfrage) oder VDWS-Schule Langlau.

Geeignet für:
Aufsteiger sowie Fortgeschrittene, Free­rider und Foiler.

Foiler und Freerider kommen am Achensee auf ihre Kosten. Leichtwindmaterial sollte immer im Gepäck sein. Foto: Max Gritsch

Achensee

Wer es alpiner mag und einen Ther­mik-Spot sucht, könnte sich mit dem Achensee kurz hinterm Grenzübergang von Bayern nach Tirol anfreunden. Gekitet wird hier auf 930 Metern Meereshöhe. Tirols größter See ist neun Kilometer lang und dank seiner zentralen Lage bei Tou­ris­ten beliebt. Aufgrund der Tiefe von rund 130 Metern knackt die Was­sertemperatur im Sommer nur knapp die 20-Grad-­Mar­ke. Kiter benötigen für den Achensee eine „Surfgestattung“ – eine Art Kiter-Maut (24 Euro pro Monat oder 61 Euro pro Saison, Schein- und Versicherungspflicht), die man vorher on­line im „Erlebnis Shop Achensee“ (achensee.com), vor Ort im Wel­­­come-Center Achensee oder bei der Kite­schule in Buchau erwerben kann. Man bekommt einen Wimpel, den man seitlich am Trapez befestigt. Damit hat man die Wahl zwischen zwei Einstiegsstellen. Am Südende des Sees darf man zwar seit dem Bau des Erholungszentrums „Atoll“ nicht mehr beim alten Strandbad aufbauen, dafür kann man gegenüber bei der Kite­schule in Buchau (learn2kite.at) aufs Wasser. Hier bläst der Wind auflandig und in Ufernähe gibt es sogar einen stehtiefen Bereich. Jedoch ist das Starten, Landen und Kiten erst ab einem Mindestabstand von 50 Metern zum Ufer erlaubt, dasselbe gilt für die Distanz zu anderen Kitern und Kiteschülern. Da man hier nicht abtreiben kann, eignet sich der Spot auch für Aufsteiger.

Luftaufnahme vom Achensee
Die Nord-­Süd-Ausrichtung und die steil aufra­genden Wände der umliegenden Berge begünstigen die Ther­mik­entwicklung. Foto: Max Gritsch

Die zweite Alternative ist den Könnern vorbehalten. Der Spot liegt an der Uferstraße an der östlichen Seeseite. Wer hier kiten will, benötigt zusätzlich eine Mitgliedschaft beim Kite­club Achensee oder man löst eine Gäste-Tageskarte für zehn Euro. Beim Aufbau ist Disziplin gefragt, denn viel Platz bietet der schmale Uferstreifen nicht. Die Kites werden mit aufgerollten Leinen hintereinander gelegt. Immer nur einer darf gleichzeitig starten oder landen. Gekitet wird mit viel Platz mitten im See bei leichten Kabbelwellen und konstanter Thermik. Achtung: Im Uferbereich herrscht absolutes Kite-­Verbot (100 Meter Abstand).

GUT ZU WISSEN

Anreise:
Von München über die A8 bis Holzkirchen, über Tegernsee oder Bad Tölz/Sylvenstein zum Achenpass. Der See beginnt kurz hinter Achenkirch.

Wind:
Thermik: Zwischen Karwendel- und Rofangebirge entsteht im Sommer bei schönem Wetter Thermik, die ab circa 14 Uhr aus nördlicher Richtung einsetzt. Sie erreicht meistens zwischen drei und mittleren vier Windstärken, eine nördliche Grundströmung begünstigt die Thermik. Bei Schlechtwetterfronten aus Nord kann es vereinzelt Starkwind geben. Der Südföhn ist eher nicht oder nur zum Windsurfen zu empfehlen. Am Südende kommt er ablandig und auf dem See kann er grantige Böen mit bis zu zehn Beaufort entwickeln.

Spots:
1.) Uferstraße: kostenpflichtiger Park­platz nahe am Restaurant „Bergkristall“, von dort 400 Meter Fußweg Richtung Norden bis zum Kite-Spot. Thermik weht sideshore aus Nord. Kiten dürfen hier nur Mitglieder des Kiteclub Achensee oder Gäste gegen 10 Euro Gebühr für ein Tagesticket.
2.) Seespitz/Strandbad: Starten und Landen bei der Kiteschule in Buchau. Stehtiefes Wasser im Uferbereich und auflandiger Wind. 50 Me­ter Min­destabstand beachten.

Übrigens: hier gibt’s noch mehr Spottips für das Münchner Umland.
Hier findet ihr unsere Lieblingsspots in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Und hier geht’s zu unserem Spotguide zum Neusiedler See

Blick auf das Ufer vom Achensee
Foto: Max Gritsch