Wie so vielen Kitern hat die Corona-Pandemie auch Felix ­Schulke und Max Grieger einen Strich durch die Frühjahrspläne gemacht. Anstatt auf einem Segelboot Sizilien zu umrunden, mussten die beiden leidenschaftlichen Kiter und Surfer umplanen. Warum also nicht die Zeit nutzen, um mal wieder die heimischen Nordsee-Spots mit dem Bulli abzuklappern? Statt Pasta in Palermo gibt’s dann eben Curry­wurst in Cuxhaven und statt der Lagune in Lo Stagnone geht’s ins Watt nach Wremen. Dem Spaß beim Kiten tut das keinen Abbruch – ganz im Gegenteil sogar. Felix und Max nutzten die Gelegenheit, um uns ihre Home-Spots zwischen der Halbinsel Butjadingen und der Elbmündung vorzustellen

Kite am Stand von Kugelbake

Eigentlich sollten wir Mitte Mai in einem Flieger von Düsseldorf nach Palermo sitzen, von wo aus wir zu einem 14-tägigen Kite-and-Sail-Trip aufgebrochen wären. Die Kite-Spots hatten wir minutiös recherchiert, die Reise komplett durchgeplant. Alle waren richtig heiß darauf, dass es endlich losgeht. Und dann kam dieses Virus. Natürlich waren wir ziem­lich enttäuscht, doch was nützt es. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und wir werden den Segeltörn nachholen. Bis dahin müssen wir das Beste aus der Situation machen. Anders als viele andere Kiter auf der Welt haben wir ein gutes Ersatzprogramm direkt vor der Haustür: unsere heimischen Nordsee-Spots. Hier ist das Wasser zwar nicht so blau wie auf Sizilien, aber Wind gibt es dafür reichlich, und wenn man den Tidenkalender im Blick hat und weiß, wann es wo gut ist, warten hier richtig gute Sessions auf uns.

Kiten am Spot Wremen an der Nordsee

Sunset-Session – Wremen

Es ist früh am Morgen Ende Mai. Ich klappe meinen Laptop auf und setze mich mit einer dampfenden Tasse Kaffee an den Küchentisch. Meine Laune ist blendend, denn ich war am Vorabend kiten. Die Nachwehen spüre ich in meinem Knie. Das Kab­bel­wasser an unserem Home-Spot ist leider nicht gerade gelenkschonend. Aber sei’s drum, andere dürfen derzeit nicht mal in die Nähe eines Strands, während meine Jungs und ich ganz spontan mal eben für eine Sunset-Session ins Auto springen können. 20 Minuten Autofahrt, schon pfeift einem der Wind um die Nase und die Füße stehen im Sand. Wir haben Glück, dass wir hier im Norden leben. Die Sonne steht zu dieser Jahreszeit schon relativ hoch am Himmel, man kann problemlos auch noch um acht Uhr abends mit der Session loslegen.

KIter am Spot Wremen

Kiten in Deutschland bedeutet für viele irgendwie immer nur St. Peter, Fehmarn oder Rügen. Klar ist das nett da, aber es gibt eben auch noch andere gute Spots an unseren Küsten. Und dort ist meistens auch deutlich weniger los. Viele meiden – ich vermute, aus purem Unverständnis – die Nordseeküste wegen der Gezeiten. Man will ja zu jeder Tages- und Nachtzeit theoretisch aufs Wasser können. Dass die meisten dann aber sowieso kaum mehr als zwei, drei Stunden am Tag kiten, lassen viele bei der Tourenplanung außer Acht. Bei uns im Wattenmeer muss man seine Kite-­Ses­sions nach dem Tidenkalender legen. Wenn man das einmal ver­stan­den hat und weiß, wann es wo gut ist, wird man mitunter durch herausragende Bedingungen verwöhnt. Und wenn man zur falschen Zeit aufs Wasser geht, wird man eben ordentlich durchgerüttelt. Das gilt auch für unseren Home-Spot Wremen.

Bei Hochwasser gibt’s die volle Breitseite Kabbelwasser. Die kleinen Wel­len schwappen aus der Nordsee he­ran, werden an einer Mauer reflektiert und verbreiten danach das pure Chaos. Zu dieser Zeit gehen nur die völlig übermotivierten oder eben die nicht ortskundigen Kiter aufs Wasser. Ein guter Tipp, eigentlich überall auf der Welt: gucken, was die Locals machen. Oder einfach fragen. Gut wird es in Wremen – und das gilt für sehr viele Wattenmeer Spots – bei ablaufendem Wasser. Bei westlichen Windrichtungen steht Wind gegen Strömung, man hat also eine gute Portion mehr Druck im Kite und das Wasser wird mit jeder Minute flacher und glatter. Die Holperpiste verwandelt sich langsam in einen glatten Was­ser­teppich, auf dem man die Finnen zum Glühen bringen kann. Man muss nur bereit sein, am Ende der Session, wenn man es zu lang ausreizt und mit den letzten Wasserpfützen hinaus ins Watt gekitet ist, wieder zurück zum Strand zu laufen. Wenn der Wind gut steht, kann man einen Teil der Strecke im Priel zurücklegen. Wremen funktioniert von Süd über alle westlichen Windrichtungen bis Nordwest. Kommt der Wind zu südlich oder zu nördlich, wird es sehr böig. Der Einstieg ist nicht ganz einfach und daher für blutige Anfänger ungeeignet. Man muss über eine Treppe und eine kleine Steinkante hinunter ins Wasser. Der nahe gelegene Parkplatz ist kostenpflichtig (circa acht Euro pro Tag), dafür sind die Wege kurz.

Blick auf den Strand von Darum
Dorum und das benachbar­te Wremen sind typisch ti­den­ab­- hängi­ge Watten­meer-­Spots. Da die Küs­te da­zwi­schen einen klei­nen Knick macht, sucht man sich einen der beiden Spots je nach Wind­rich­tung aus

Highlight zum Saisonstart – Dorum

Wenn der Wind nördlicher steht, fahren wir ein paar Kilometer nordwärts die Küste hinauf. In Dorum-Neufeld hat man dann mehr Spaß als in Wremen. Zwischen den Spots knickt die Küste nach Süden ab, sodass in Dorum auch Nordwind und sogar Nordnordost gut ankommen. Allerdings muss man für den Extraspaß bei Nordwind auch extra bezahlen. Der Strand in Dorum ist nur durch ein Schwimmbad zugänglich und den Kollegen ist es egal, dass man sich gar nicht im Pool fläzen, sondern viel lieber weiter draußen in der Nordsee im Wasser spielen will.

Man zahlt Eintritt oder bleibt draußen. Dafür kann man dann immerhin die Infrastruktur nutzen, und wer möchte, springt nach der langen Session noch mal ins Becken, um die geschundenen Muskeln zu lockern. Dorum ist unser Highlight zum Sai­son­start. Vor Ostern und Ende Ok­to­ber kann man umsonst an den Strand, weil das Schwimmbad noch nicht geöffnet beziehungsweise schon wieder geschlossen hat. Platzprobleme muss man in Dorum nicht be­fürchten. Zum Aufbauen steht eine riesige Wiese zur Verfügung. Zwar muss man auch hier wieder über eine kleine Kante ins Wasser klet­tern, aber die ist nicht so steil wie in Wremen. Die Spot-Bedin­gun­gen sind vergleichbar. Richtig gut wird es bei ablaufendem Wasser circa zwei Stunden nach Hochwasser. Oder man geht bei auflaufendem Wasser zu Fuß hinaus und kitet mit der ansteigenden Tide wieder zurück zum Strand.

Ein Kiter am Spot in Otterndorf
In Burhave ent­steht im Priel eine glatte Piste. Steigt der Pegel, wird es kabbelig.

Rally Monte-Kite – Burhave

Zwischen Bremerhaven an der Weser und Wilhelmshaven am Ja­de­busen liegt die ruhige Halbin­sel But­jadingen. Sie ist eine gute An­lauf­stelle bei allen Windrichtungen aus Nordnordwest über Ost bis Ost­südost. Eine Baustelle auf dem Parkplatz hin­term Deich hindert uns da­ran, auf dem normalen Parkplatz des Spots zu parken, also rollen wir in Fed­der­wardersiel sehr motiviert mit Schwung den Deich hoch: „80 rechts, vier, über Kuppe, nicht cutten“. Wer heiß auf Kiten ist, tendiert hin und wieder dazu, die letzten Meter zum Spot wie Sébastien Loeb bei der Rallye Monte-Carlo angehen zu wollen. Mit einem 88 PS „starken“ Bulli lässt man allerdings höchstens den Schäferhund des irritiert dreinschauenden Rentnerpaars stehen, das im Rückspiegel in unserer Staubwolke verschwindet. Es geht vorbei an einem Wohnmobilstellplatz, „40 links, eins, BW Schotter“. Die Zielgerade liegt auf einer Schotterpiste.

Der Spot Burhave befindet sich direkt an der „Nordsee-Lagune“: Die Kitezone liegt links vom Meerwasser­freibad und an die Begrenzung sollte man sich – wie eigentlich selbstverständlich überall – dringend halten, um Schwimmer nicht zu gefährden. Vor der Buhne verläuft ein breiter Priel, der eine schöne Flach­was­ser­piste abgibt. Nordostwind kommt auflandig übers Watt, sodass sich keine Kabbelwelle aufbauen kann. Dafür gibt es mal stärkere, mal schwä­­chere Strömung und reichlich Schlick, durch den man sich auf dem Weg zum Priel kämpfen muss. Die Mühe lohnt sich aber allemal. Nach der Session lockt ein Feierabendbier mit Blick auf die vom Sonnenuntergang angeleuchtete Kaimauer des Bremerhavener Überseehafens. Falls aus einem Drink doch ein paar mehr wer­den, kann man auf dem Stellplatz nebenan übernachten.

Kiter am Stand von Sahlenburg
In Sahlenburg findet der beliebte Hängt-ihn-höher-Contest statt.

Nordkap Niedersachsens – Cuxhaven

Wir fahren weiter bis an den nördlichsten Punkt des nieder­säch­si­schen Festlands. Die Kleinstadt Cux­haven ist bei Touristen beliebt. Bei Ebbe tum­meln sich hier Heerscha­ren von Wattwan­de­rern im Schlick. Von hier starten auch die Ausflügler mit Pferdekutschen durchs Watt zur Insel Neuwerk. Uns in­ter­essiert das Wasser mehr als das Watt vor der Küste. Kiter haben rund um Cux­ha­ven gleich zwei gute Anlaufpunk­te: Je nach Wind­rich­tung kann man entweder Sahlenburg im Süden an­fah­ren oder an der ikonischen Ku­gel­bake quasi am Nordkap von Nie­der­sach­sens Festlands kiten.

Sahlenburg dürfte einigen vermutlich durch den Hängt-ihn-höher-Contest ein Begriff sein, der jedes Jahr im Herbst Big-Air-Junkies und Party-Ani­mals anlockt. Aufgebaut wird am weitläufigen Sandstrand. Der Spot ist auch bei Hochwasser relativ weit stehtief, wenngleich natürlich kabbeliger als bei auf- oder ablaufendem Wasser. Direkt am Spot gibt es eine Kiteschule (surfschule-cuxhaven.de), einen Kletterpark, WC-Anlagen und einen Grillplatz. Fußläufig entfernt gibt es gleich zwei Campingplätze sowie diverse Hotels, Ferienwohnungen und Restaurants, falls man seinen Aufenthalt ausdehnen möchte. Die Anfahrt erfolgt über die Fußgängerzone in Sahlenburg. Hier dürfen Kiter durchfahren, um den Parkplatz am Strand zu erreichen. Im Sommer kann es hier schon mal voll werden, sodass man einen längeren Fußweg vom Auto zum Spot einplanen sollte.

Die Kugelbake direkt an der Elb­mün­dung ist das Wahrzeichen Cuxhavens. Wer hier aufs Wasser geht, kitet ganz nah an den dicken Pötten, die den Hamburger Hafen anlaufen. Bei nordöstlichen Windrichtungen kann es vorkommen, dass einer der ganz großen Frachter den Wind blockiert, sodass nach und nach alle ­Kites aus dem Himmel fallen. Sobald er vorbeigetuckert ist, geht es mit einem Schlag weiter. Die Bedingungen sind vergleichbar mit Sahlenburg. Hier funktionieren die Windrichtungen von Ost über Nord bis West. Für Südwest fährt man besser nach Sahlenburg. Die Kulisse an der Kugelbake mit dem dahinterliegenden alten Fort aus dem Ersten Weltkrieg und der langen Strandpromenade davor ist abwechslungsreich. Praktisch ist auf jeden Fall der große Parkplatz mit Wohnmobilstellplatz direkt hinterm Deich. Das Tagesticket schlägt mit vier Euro zu Buche, die Übernachtung im Wohnmobil kostet neun Euro. Dafür gibt es Toiletten und nebenan eine bunte Auswahl an Imbissbuden für den Heißhunger nach der Session. An windlosen Tagen kann ich den Besuch des Fischereihafens in Cuxhaven empfehlen.

Kiter am Spot bei Otterndorf
Otterndorf liegt 20 Autominuten östlich von Cuxhaven an der Elbmündung.

Zwischen Fahrrinne und Fahrradweg – Otterndorf

Es gibt sogar im Wattenmeer Kite-­Spots, die unabhängig von der Tide funktionieren. Otterndorf liegt 20 Autominuten entlang des Elbufers östlich von Cuxhaven und ist der Anlaufpunkt für alle nördlichen Windrichtungen. Man sollte sich dort genau überlegen, welche Kitegröße man braucht, denn vom Parkplatz bis zum Spot schleppt man sein Zeug zehn Minuten zu Fuß. Dafür läuft das Wasser hier nicht weg. Aufgebaut wird auf der großen Wie­se, ­daneben sorgt ein kleiner Sandstrand für Urlaubsfeeling. Otterndorf ist vielen Kitern unbekannt, daher wird es hier selten wirklich voll. Vielleicht haben manche auch Angst vor den riesigen Containerschiffen, wobei die Fahrrinne der Elbe noch ein gutes Stück entfernt liegt und man sich mit der Berufs­schifffahrt eigentlich nicht in die Quere kommt. Als wir bei gutem Ostwind zu Pfingsten in Otterndorf kiten gehen, teilen wir uns den weitläufigen Spot mit gerade einmal zehn anderen Kitern. Einziges Hindernis: Man muss auf dem Weg zum Wasser mit dem Kite in der Luft einen Fahrradweg überqueren. Links, rechts, links – nicht bummeln. Nach dem Fahrradweg muss man nur noch über ein paar Steine hinuntersteigen und schon hat man sandigen Wattboden unter den Füßen.

Bei Hochwasser reicht die Flut bis an eine Steinkante he­ran. Dann muss man mit dem Kite in der Luft über diese Mauer ins Wasser. Wer dabei kein gutes Gefühl hat, kann, sofern er früh genug dran ist, seinen Kite auch im trockenen Watt aufbauen. Der Untergrund ist relativ hart und sandig. Schlick gibt es hier kaum. Im Wasser warten keine weiteren Hindernisse.

GUT ZU WISSEN

Wremen
Geöffnet: ganzjährig
Fahrbar: drei Stunden vor bis drei Stunden nach Hochwasser
Windrichtung: Süd bis Nordwest
Parkmöglichkeiten: kostenpflichtig, direkt am Spot
Wasser: Kabbelwasser
Besonderheiten: Einstieg über Treppe, unbedingt Kitezone beachten

Otterndorf
Geöffnet: April bis November
Fahrbar: immer
Parkmöglichkeiten: großer Parkplatz in Laufdistanz, 4 Euro/Tag
Windrichtung: Nordwest bis Ost
Wasser: starke Strömung bei Nie­d­rig­wasser, Abstand zur Fahr­rinne der Elbe halten
Kugelbake
Geöffnet: April bis November
Fahrbar: drei Stunden vor bis drei Stunden nach Hochwasser
Windrichtung: West bis Nordost
Parkmöglichkeiten: kostenpflichtig, direkt am Spot, mit WC und Wohnmobilstellplatz
Wasser: stehtief, Vorsicht vor dem Fahrwasser der Elbe

Burhave
Geöffnet: April bis November
Fahrbar: drei Stunden vor bis drei Stunden nach Hochwasser
Windrichtung: Nordost bis Südost
Parkmöglichkeiten: kostenpflichtig, fünf Minuten Fußweg
Wasser: Kabbel-/Flachwasser, je nach Windrichtung
Sahlenburg
Geöffnet: ganzjährig
Fahrbar: drei Stunden vor bis drei Stunden nach Hochwasser
Windrichtung: Südwest über Nord bis Nordost
Parkmöglichkeiten: direkt am Spot, nur für Wassersportler
Wasser: riesiger stehtiefer Bereich

Dorum
Geöffnet: April bis November
Fahrbar: drei Stunden vor bis drei Stunden nach Hochwasser
Windrichtung: Südwest über Nord bis Nordost
Parkmöglichkeiten: kostenpflichtig, direkt am Spot
Wasser: Kabbelwasser
Besonderheiten: Schwimmbadeintritt