Er ist einer der schnellsten Männer auf dem Wasser und das deutsche Aushängeschild der Kitesurf Racing-Szene. Im Interview verrät uns Florian Gruber, wie man sich auf dem Wasser Respekt verschafft, ob Olympia Kitesurfen weiterbringt und wie auch Amateure in den Sport einsteigen können. 

Hi Flo! Sag mal, wieviele Stufen hat Dein persönlicher Gashahn – eine? Oder kannst Du auch irgendetwas langsam?

Haha, gute Frage. Wenn schon, denn schon, oder? Nein, ich werde auch älter und ruhiger. Es gibt tatsächlich auch Momente, in denen ich mal abschalte. Besonders, wenn ich mal daheim bin oder zwischen den Wettkämpfen zum Freizeit-Kiten irgendwo hinfahre. Aber sonst ist mein Grundsatz eher: Wer nicht alles gibt, erreicht auch nichts.

Muss man gewisse Charakterzüge besitzen, um beim Racing erfolgreich zu sein? Sind da eher die Draufgänger oder die kühlen Strategen im Vorteil?

Beim Racing kommt man sich schon mal in die Quere. In diesen Situationen muss man natürlich etwas eigennützig und vor allem selbstbewusst sein. Da hilft nur, den Mund aufzumachen und sich seinen Platz auf dem Wasser zu erkämpfen. Wenn man zu vorsichtig agiert, kommt man schnell unter die Räder oder wird von den Konkurrenten nicht ernst genommen. Man muss definitiv hin und wieder die Ellenbogen ausfahren und sich Respekt auf dem Wasser erarbeiten. Wenn man den dann hat, wird es etwas einfacher. Gleichzeitig muss man natürlich auch möglichst clever fahren. Nur mit dem Kopf durch die Wand, das geht nicht. Das Beste ist eine gute Mischung aus Selbstbehauptung und taktischer Cleverness.

Was heißt denn konkret „die Ellenbogen auszufahren“? Welche Tricks gibt es sonst noch, um seinen Kurs zu behaupten?

Meistens wird es vor allem an der Startlinie eng. Sobald ein Fahrer in Luv ist und den Kite eines anderen in Lee berührt, könnte man zum Beispiel protestieren. Natürlich möchte man nicht wegen jeder Leinenberührung, dass ein Kontrahent disqualifiziert wird. Aber in solchen Situationen muss man eben manchmal schreien, damit klar wird, dass da ein Kontakt ist, und der Gegner aufpassen und die Vorfahrt gewähren muss. Genauso kann es andersherum vorkommen, dass sich jemand in Lee von mir Platz verschaffen will. Daraus können haarige Situation entstehen. Wenn sich die Kites verhaken, insbesondere mit den vielen Bridles an den Foil-Kites, endet das schnell in einem Tangle (verhedderte Kites; Anm. d. Red.) und dann ist der Lauf gegessen.

Man muss hin und wieder die Ellenbogen ausfahren.

Glückwunsch zum gerade frisch gebackenen Weltmeistertitel im Twintip Racing. Wie wichtig ist dieser Titel für Dich? Hat so etwas in Deutschland eine Bedeutung, oder interessiert das nur eine kleine Minderheit?

Twintip Racing ist nicht ganz so professionell wie Foil Racing im Bereich der Top-Ten-Fahrer. Aber dadurch, dass es das Format Twintip Slalom für die Youth Olympic Games gibt, hat es doch an Bedeutung gewonnen. Das gilt auch für die Deutsche Meisterschaft. Außerdem ist Twintip Racing ein Jedermann-Format, bei dem auch Kiter mit einem Tubekite und einem normalen Twintip mitmachen können. Das macht es etwas massentauglicher. Das einzige Problem ist, dass dafür etwas mehr Wind benötigt wird. Ich würde sagen, dass der Titel nicht ganz so prestigeträchtig wie ein Foil-Weltmeistertitel ist. Weil aber sehr viele Kiter daran teilnehmen können, hat es für mich natürlich eine hohe Relevanz. Es war auch wirklich nicht einfach, den Titel zu verteidigen.

Wie „groß“ ist Twintip Racing im Vergleich zum Foilen? Und wie wird sich das Format in den nächsten Jahren entwickeln?

Schwer zu sagen, Foil-Racing wird auf jeden Fall die Formel Eins des Kitens bleiben. Da wird sehr viel entwickelt, der technische Fortschritt ist immens. Und das Level ist deutlich höher. Beim Twintip Racing kommt es darauf an, ob über die Youth Olympics ein kleiner Hype für diese Disziplin entfacht wird und vor allem die nationalen Verbände mitziehen. Noch ist die internationale Bühne mit zwei bis drei Rennen pro Jahr relativ klein. Die Gefahr besteht, dass das Thema nach den Youth Olympics wieder einschläft. In Asien ist Twintip Racing größer als in Europa. Die Entwicklung muss man erst mal abwarten. Wenn im Jugendbereich weitergemacht wird, kann ich mir vorstellen, dass es auch für die Erwachsenen mehr Wettkämpfe geben wird. Wenn der Jugendbereich wieder wegfallen sollte, dürfte das ganze Format wieder rückläufig werden.

Was bietet mehr Potenzial, um neue Leute in den Kitesport zu bringen: Freestyle oder Foil?

Erst mal geht es ja darum, die Leute möglichst einfach an den Sport heranzuführen. Und das funktioniert natürlich mit einem Twintip deutlich besser. Gerade die Sprünge locken viel Publikum an, und der ein oder andere möchte es dann auch mal selbst ausprobieren. Aber man sieht gerade in Süddeutschland, dass immer mehr gefoilt wird. Das ist dann der zweite Schritt, nachdem man die Leute aufs Board gebracht hat. Wer zwei oder drei Jahre Kite-Erfahrung gesammelt hat, kann aufs Foil umsteigen und damit seine Windausbeute vervielfachen. Für die Zukunft des Sports ist es essentiell, gerade den Leichtwindbereich auszureizen. Man sieht ja auch den Trend: Foilen boomt.

Wird Foilen das neue Freeriden oder wird sich der Sport mehr Richtung Racing entwickeln?

Das ist regional unterschiedlich. Auf unseren bayerischen Seen ist Foilen definitiv das neue Freeriden – zumindest bei Leichtwind. Da wir hier weniger Wind haben, fangen immer mehr Kiter damit an. An der Küste ist das sicherlich etwas anders. Ob dort dauerhaft viele Leute einsteigen oder sich der Trend in einigen Jahren wieder abkühlt, muss man abwarten. Dafür spricht, dass Foilen generell erschwinglicher wird. Auch im Gebrauchtmarkt wird mehr und mehr Material zu halbwegs günstigen Preisen verkauft werden, wenn der Markt wächst. Dennoch denke ich, dass der prozentuale Anteil der Twintip-Fahrer immer größer bleiben wird.

Nochmal zurück zum Thema Wettkampf: Wie stehst Du zum Thema Einheitsklasse? Macht es Sinn, jeden Fahrer mit demselben Equipment antreten zu lassen oder ist das eine unnötige Beschränkung?

Auch da gibt es Pro und Contra. Es gibt im Foilen ja bereits die Serie mit registriertem Serien-Material und den Gold Cup als Entwickler-Klasse, bei dem auch viele Prototypen zum Einsatz kommen. Ich bin gern in einer offenen Klasse dabei, da dort die Entwicklung einfach viel schneller vorankommt. Wenn es diese offene Klasse nicht gäbe, würde die Plattform fehlen. Das hätte zur Folge, dass die Hersteller weniger investieren, und damit würde die Entwicklung ausgebremst. Es kann sich aber nicht jeder leisten, da mitzumachen. Deshalb ist eine registrierte Klasse ebenso wichtig, die jedes Jahr aktualisiert wird,und in der jeder die Chance hat, auch mit weniger Budget oder großen Sponsoren dabei zu sein. Wenn man mit Kites, die man im Laden kaufen kann, die Chance auf einen Weltmeistertitel hat, ist das doch super für eine breitere Zielgruppe. Ich finde es sehr positiv, dass es beide Klassen gibt und denke, dass jede ihre Daseinsberechtigung hat. Das macht es in der Breite für jeden interessanter.

Zwischendurch mal eine persönliche Frage: Wie kommt ein Bayer überhaupt dazu, eine Karriere als Kite-Profi einzuschlagen?

(Lacht) Verrückter Vater! Ohne ihn wäre ich vielleicht irgendwann mal zum Kiten gekommen, aber nicht auf diesem Niveau. Er war früher schon begeisterter Windsurfer und ist Kiter der ersten Stunde. 1999 hat er sich bereits die ersten Zweileiner gekauft. Ich habe dann relativ schnell nachgezogen und 2001 mit einem Zweileiner erst noch am Ufer geübt. 2002 war ich dann mit einem Vierleiner zum ersten Mal auf dem Wasser. Da war ich, glaube ich, acht oder neun Jahre alt. So sicher wie jetzt war das Eqipment damals aber noch nicht, haha.

Wo trainierst Du und wieviel Aufwand musst Du betreiben, um auf dem hohen Level mitfahren zu können? Und wie gestaltest Du Dein Training? Viele Ski-Profis zum Beispiel sind davon abgerückt, möglichst viel auf dem Ski zu stehen und machen mehr Kraft- und Koordinationsübungen.

Im Sommer bin ich viel am Brombachsee oder Altmühlsee im Fränkischen Seenland. Dort sind in der Regel sehr gute Foil-Bedingungen und wir haben unsere Surf-Schule dort. Zwischen den Wettkämpfen arbeite ich in der Surfschule als Geschäftsführer und komme natürlich so auch häufig aufs Wasser, um zu trainieren. Ansonsten bin ich in Garmisch und dort in der Ecke im Frühjahr und Herbst häufig am Walchensee oder Starnberger See. Bei Föhnsturm ist der Kochlsee auch gut. Ich versuche, möglichst viel auf dem Wasser zu trainieren und jede Minute Wind zu nutzen. Wir sind nun mal vom Wind abhängig, und wenn wir dann mal etwas Wind haben, muss ich auch aufs Wasser gehen. Darauf kann ich nicht verzichten, weil ich vielleicht gerade eine Fitnesseinheit angesetzt hätte. Ein oder zwei Stunden auf dem Wasser pro Tag sind schon wichtig. Dazu kommt normales Konditionstraining. Krafttraining mache ich eher weniger, denn durch zu viel Muskelmasse wird man träge. Kraft-Ausdauer und Koordinationsübungen mit dem eigenen Körpergewicht sind für mich sinnvoller. Beispielsweise mache ich auch Taekwon-Do, um die Rücken- und Rumpfmuskulatur zu stärken. Zudem betreibe ich einige Ausgleichsportarten: Im Winter Eishockey und Skifahren, außerdem Bouldern und noch ein paar andere Dinge.

Du warst gerade wieder in China und bist auch sonst das ganze Jahr über sehr viel unterwegs. Wie finanzierst Du das? Fetter Sponsorendeal, Erbschaft oder doch nebenbei noch Pokerprofi?

(Lacht) Da sind schon interessante Optionen dabei, die auf jeden Fall ganz gut wären. Nein, seit zwei, drei Jahren finanziere ich eigentlich alles selbst – ohne die Eltern. Klar, die bezuschussen mich natürlich noch etwas, gerade fürs Studium. Nebenbei arbeite ich natürlich auch in unserer Surf- und Kiteschule, die ich mit meinem Vater gemeinsam mache. Ansonsten werden vor allem die Reisekosten zu den Events sowie Unterkünfte mittlerweile von den Sponsoren übernommen, so dass ich mich nur noch um die Verpflegung kümmern muss. Und es kommt immer mal wieder was dazu, zum Beispiel durch Preisgelder. Damit sind dann auch die restlichen Kosten größtenteils gedeckt.

Ist das Preisgeld auf der Tour denn mittlerweile auf einem akzeptablen Niveau?

Es geht so. Nicht wirklich. Es werden in der Regel um die 10.000 Euro ausgeschüttet. Der Erste bekommt davon 1.600 Euro. In China war das etwas anders, da hat der Sieger 11.000 Euro bekommen. Aber das ist eine Ausnahme. China will das Event unbedingt und investiert dementsprechend viel Geld.

Was rätst Du jungen (oder auch älteren) Amateuren, die ebenfalls ins Racing einsteigen wollen? Welche Trainingsmöglichkeiten gibt es, die jeder nutzen kann und welche Wettbewerbe (Serien) sind aus Deiner Sicht sinnvoll, um Erfahrung zu sammeln?

Wenn man Wettkämpfe fahren will, ist ein Segelverein wichtig. Ich bekomme von meinem zwar auch nicht viel, vielleicht so 200 – 300 Euro, aber das ist schon mal ein Anfang, und man hat die Fahrtkosten zu einem nationalen Event wieder drin. Als Junior ist das natürlich schwieriger. Man verdient noch kein eigenes Geld und ist stark auf die Unterstützung seiner Eltern angewiesen. Wenn Kinder die Unterstützung der Eltern haben, erleichtert das den Einstieg logischerweise enorm. Dann liegt es aber auch an den Junioren selbst: Wie kommuniziert man mit Sponsoren? Was kann man denen abseits der Wettkämpfe oder vertraglichen Verpflichtungen vielleicht noch bieten? Hilft man mal bei Events aus oder erklärt Kunden mal etwas? Da gibt es einige Möglichkeiten, sich bei Kite-Firmen gut zu positionieren. Ich wurde früher von Sponsoren angesprochen, weil ich bei Events wirklich immer auf dem Wasser war, egal wie mies der Wind gerade blies. Da war ich mir nicht zu schade, auch den größten Kite aufzubauen und auf dem Wasser zu zeigen, was ich drauf hatte. Das wurde natürlich wahrgenommen, und man bekommt viel Präsenz und Aufmerksamkeit. Und das kann die Eintrittskarte zu einem Sponsoren-Deal sein. Bei den Wettkämpfen fängt man auf nationaler Ebene an, zum Beispiel bei den Kitesurf Masters. Wenn man dann merkt, dass man Erfolg und Spaß daran hat, kann man die Karriere langsam vorantreiben. Das ist natürlich am Anfang sehr kleinteilig. Vielleicht hat man in der Umgebung einen kleinen Müsli-Hersteller oder was auch immer, den man ansprechen kann, um sich die ersten paar Euro zusammenzusammeln. Das ist nicht einfach, braucht einen Aufwand und Ehrgeiz, aber es ist machbar. Ich bin die ersten Jahre nur bei deutschen Events mitgefahren. Irgendwann bin ich dann bei der Kite Tour Europe eingestiegen und von dort ging es auf die
Worldcups.

Wieviel hängt beim Foil-Racing vom persönlichen Können, der Erfahrung und der Fahrtechnik ab und wieviel macht das Material aus?

Als Profi muss man sich unbedingt mit seinem Equipment beschäftigen. Kites verziehen sich mit der Zeit, das Foil kann auch arbeiten. Wer da nicht sauber nachtrimmt oder schlampig arbeitet, hat keine Chance. Ich merke selbst auch immer wieder, wenn ich viel gefahren bin, dass der Kite plötzlich nicht mehr konkurrenzfähig ist. Man muss selbst alles nachmessen und den Kite dann auch perfekt trimmen. Natürlich ist fahrtechnisches Können eine absolute Voraussetzung, um in der Spitze mithalten zu können. Am Ende ist es die Kombination aus gutem Equipment und individuellem Können. Wenn alles passt, kann auch jeder gewinnen. Bei den Herstellern gibt es mittlerweile drei oder vier Marken, die ganz vorne auf Augenhöhe sind. Das sind Flysurfer, Ozone, F-One und die neuen Enata Kites aus Dubai.

Deine Ziele für nächstes Jahr? Zwei Weltmeister-Titel?

Schauen wir mal. Dieses Jahr habe ich ja schon die Titel im Snowkiten Long-Distance und Twintip Racing geholt. Aber mein Ziel ist es, auch beim Foilen wieder ganz vorne mitzufahren. Die Weltmeisterschaft steht ja noch an Ende November. Ich fühle mich fit und arbeite gerade daran, mein Material perfekt einzustellen. Gerade bin ich bei Flysurfer, um meine Kites wieder zurecht zu trimmen. Ich bin auf jeden Fall motiviert, und wenn alles zusammen passt, kann ich auch wieder vorn dabei sein und auch nächstes Jahr wieder angreifen. Gerade sind Nico Parlier und Axel Mazella die Top-Fahrer. Danach kommt die Bridge-Familie und danach komme meistens schon ich. Im Verfolgerfeld geht es aber brutal eng zu, bei der Weltmeisterschaft liegen die Plätze fünf bis zehn oder sogar fünfzehn sehr nah beieinander, was das Leistungsniveau angeht. Ich bin gespannt, was am Ende für mich drin ist.