Paula Novotná ist eine der wenigen Frauen, die sich ganz oben in der Weltspitze festbeißen konnten. Dafür nimmt sie auch harte Einschläge in Kauf und steckt mit ihrem Style so manchen männlichen Kollegen in die Tasche. Was sie von Selbstinszenierung in Social Media hält, ob die Kite-Szene ein Sexismusproblem hat und wie ihre Zukunftspläne aussehen, verrät Paula im großen KITE-Interview.

Alex Neto und Carlos Mario haben mir verraten, dass Du auf der WKL Tour vor allem durch Deinen kraftvollen Style auffällst. Trainierst Du bewusst darauf hin, dass Deine Tricks so energiegeladen aussehen?

Ja, mein Style ist schon sehr kraftvoll. Das kommt wohl daher, dass ich immer versuche, den Kite möglichst tief zu fliegen. So bekomme ich mehr Dampf in meine Tricks. Das klappt natürlich nicht immer, aber ich arbeite permanent daran, da es einfach besser aussieht. Trotzdem versuche ich, dass alles noch halbwegs entspannt aussieht und nicht so brachial wirkt. Mit der Zeit entwickelt jeder Fahrer seinen ganz individuellen Style. Um das so durchziehen zu können, muss ich natürlich gezielt Krafttraining machen. Also verbringe ich viel Zeit im Fitnessstudio. Das zahlt sich auf dem Wasser aus.

Wie machen das Deine Konkurrentinnen? Legen die weniger Wert auf Kraft und trainieren dafür mehr die Schnelligkeit?

Jede hat ihre eigenen Methoden für ein gezieltes Training entwickelt. Da sich jede anders bewegt und einen unterschiedlichen Style fährt, muss das Training auch anders sein. Ich bin froh, dass ich mich über meine Power ein Stück weit definieren kann. Ich kante fast immer extrem an und fliege den Kite sehr tief. Dafür muss ich manchmal auch sehr harte Einschläge wegstecken. Aber wenn man Angst hat oder zu girlymäßig unterwegs ist, gibt man nicht alles. Man sieht sofort, wenn jemand nur mit Halbgas fährt. Das versuche ich zu vermeiden. Mein Geheimrezept: Man muss die Angst besiegen, um sich voll auf den Trick fokussieren zu können.

Was ist besser: Mit anderen Mädels zu trainieren oder mit Jungs?

Am liebsten trainiere ich mit den Mädels, weil wir uns gegenseitig pushen. Aber das Training mit Jungs hat auch Vorteile. Die fahren einfach noch ein Stück besser, und das schafft Motivation, neue Tricks zu lernen. Am besten ist wohl die Mischung. Zusammen mit den männlichen und weiblichen Top-Fahrern der Tour zu trainieren, macht mir Spaß. Alleine geht gar nicht, da kommt man nicht aus dem Quark.

Hast Du einen Lieblingstrainingspartner?

Früher habe ich sehr viel Zeit mit Gisela Pulido auf dem Wasser verbracht. Mittlerweile mischt sich das aber sehr stark. Auf der Tour sind eigentlich alle Fahrer super nett, wir verstehen uns sehr gut und haben Spaß zusammen. Insofern habe ich keinen Lieblingsfahrer mehr.

Natürlich ist gutes Aussehen ein Vorteil. Aber das ist bei den Männern nicht anders. Die sehen auch alle heiß aus - genau wie wir Mädels. Weil wir eben alle Athleten sind.

Wo siehst Du die Gründe für Deinen Erfolg?

Das ist eine schwierige Frage, weil man als Profi-Sportler in so vielen unterschiedlichen Dingen gut sein muss. Das Wichtigste ist natürlich der Erfolg im Wettkampf. Aber auch mein Marketing muss stimmen, Social Media wird immer wichtiger für das Image. Und ich muss mental fit sein. Jeder hat sein eigenes Erfolgsrezept und das ist eben meins (lacht). Auch die Einstellung und Motivation ist wichtig, dann kommt der Rest automatisch. Wenn du faul bist, dann wirst du nichts erreichen. Man muss sich immer fragen, wo man in der Zukunft stehen will, um dann alles für sein Ziel in die Waagschale zu werfen.

Wo Du gerade schon Social Media angesprochen hast: Du bist sehr aktiv auf Instagram und den anderen sozialen Medien, fällt Dir das leicht?

Definitiv! Ich habe einige Sponsoren und für die sind sie das wichtigste Marketinginstrument. Gerade in der heutigen Zeit, in der jeder sein Handy in der Hand hat und auf Facebook, Instagram und Co unterwegs ist. Das generiert sehr viel Aufmerksamkeit, deswegen ist es natürlich wichtig, dass ich die Accounts täglich update. Und mir macht es auch Spaß, Fotos zu produzieren und neue Sachen auszuprobieren.

Was ist denn wichtiger für weibliche Kite-Pros: Tausende Follower auf Instagram oder ein Weltmeister-Titel?

Naja, viele Follower zu haben ist schon ein Vorteil, da es für die Sponsoren wichtig ist. Ich habe mittlerweile echt viele Follower auf Facebook und Instagram. Aber ich weiß auch, dass mich meine Sponsoren unterstützen, weil sie wissen, wer ich bin und was ich kann und nicht aufgrund der Anzahl meiner Fans. Klar, für einige, die richtig gut kiten, aber keine große Fan-Base haben, ist es schwieriger, einen guten Sponsoring-Vertrag zu bekommen. Aber die großen Kite-Marken schauen da ehrlich gesagt gar nicht so genau drauf. Es geht mehr ums Gleichgewicht. Das Optimum ist natürlich, wenn man beides vorweisen kann. Dann ist man schon ein sehr guter Kandidat, um von einer größeren Marke unterstützt und aufgebaut zu werden. Und mein Ziel ist da ganz klar: Ich will irgendwann Weltmeisterin werden! Das war schon immer mein großer Traum. Ich habe nie davon geträumt, eine Million Follower zu haben (lacht).

In der Surf-Szene werden seit einiger Zeit Sexismus-Diskussionen laut. Große Marken wie Roxy oder Quiksilver sahen sich mit Vorwürfen konfrontiert, weibliche Surferinnen vor allem wegen ihres Aussehens und weniger aufgrund ihrer sportlichen Fähigkeiten zu unterstützen. Im Internet gibt es unzählige Surf-Videos und Fotos mit Nahaufnahmen von hübschen Hintern in knappen Bikinis und nur relativ wenig Surf-Action. Denkst Du, dass wir in der Kite-Szene dasselbe Problem haben?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Das wird tatsächlich häufig diskutiert und auch kritisiert, aber ich denke nicht, dass es im Kiten so krass ist wie in der Surf-Szene. Natürlich setzt ein Leben als Kite-Pro voraus, dass man entsprechende Fähigkeiten auf dem Wasser vorweisen kann. Aber es gibt eben auch einige Mädels, die vor allem ihren Körper und ihr hübsches Image einsetzen, um berühmt zu werden. Aber die sollte man nicht so ernst nehmen. Das Level der weiblichen Kite-Pros steigt jedes Jahr. Diese Mädels, die nicht viel mehr als einen Raley und hübsch lächeln konnten und dafür gesponsort worden, die gibt es nicht mehr. Und sie werden auch nicht mehr von den Marken unterstützt. Das ist alles nicht mehr so einfach. Wenn man als Profi in der Weltspitze mitfahren will, muss man schon auf einem abartig hohen Level kiten. Natürlich ist gutes Aussehen ein Vorteil. Aber das ist bei den Männern nicht anders, die sehen auch alle heiß aus. Und natürlich sehen die Frauen genauso heiß aus. Weil wir alle richtige Athleten sind. Aber es geht eben nicht nur darum, wie krass man fährt oder wie umwerfend man aussieht. Als Profi musst du eine sehr lange Liste an Qualifikationen abdecken, um damit Erfolg zu haben. Und ja, Attraktivität ist ein Vorteil. Wir stehen jeden Tag vor irgendwelchen Kameras. Schlechtes Aussehen würde eben schlecht aussehen.

Denkst Du, dass Frauen-Contests die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen, oder steht Ihr immer noch etwas im Schatten der Männer? Wäre sinnvoll, eine reine Damen-Tour durchzuführen?

Nein, wir sind zusammen unterwegs, Frauen und Männer gemeinsam. Ich denke nicht, dass es eine kluge Idee wäre, das zu trennen, bevor wir Kitesurfen nicht viel größer und berühmter würde. In den letzten Jahren hat sich das eh schon geändert. Wir haben die Messlatte bereits sehr hoch gelegt und mittlerweile ist es spannend, sich sowohl das Damen- als auch das Herren-Finale anzusehen. Mit dem neuen Scoring-System und dem Live-Streaming wird das eh alles nochmal deutlich spannender für die Zuschauer.

Gibt es noch andere Dinge, die Du im Kiten erreichen möchtest?

Ja, ich möchte dazu beitragen, dass Kitesurfen größer wird, und ich möchte den Leuten zeigen, was Kitesurfen ist. Das ist auch ein Grund, warum ich diese Video-Episoden mache, um nicht nur die Kite-Szene zu erreichen, sondern auch die anderen Leute. In Cabarete zum Beispiel arbeite ich jetzt mit einem Hotel zusammen, das mein Image nutzt, um ihre Location bekannter zu machen und um mehr Gäste dahin zu bringen, die dann vielleicht auch mit dem Kiten anfangen wollen. So etwas würde ich gerne mehr machen, um meinen Teil dazu beizutragen, dass Kitesurfen weiter wächst. Das ist eine so coole Sportart, und ich finde ehrlich, jeder sollte einen Kurs machen, um dieses Gefühl zumindest einmal kennenzulernen.