Früher wurden Boots fast nur beim Wakeboarden benutzt, doch seit Jahren werden sie auch unter Kitern immer populärer. Feste Stiefel eignen sie sich allerdings nicht für jeden und sollten mit Bedacht beim Kiten eingesetzt werden. Zwei Experten schildern die Vor- und Nachteile.

Kiten mit Boots

Neulich am Spot: Ein junger Mann schleicht unsicher über die Wiese. Er schaut skeptisch in den Himmel, misst den Wind, sieht sich nach anderen Kites um, misst wieder den Wind, zögert kurz und weiß offenkundig nicht, welchen Kite er aufbauen soll. Ein normales Verhalten für einen Einsteiger mit wenig Erfahrung. Was uns allerdings irritiert sind die Boots auf seinem Board. „Ich habe im Internet gelesen, dass man damit besser Kiten kann, weil man mehr Halt hat und so. Außerdem sehen Schlaufen irgendwie uncool aus“, erzählt er.

Boots sieht man immer häufiger – auch bei Aufsteigern. Früher waren die Stiefel ein klares Statement: Ich bin Profi. Oder mindestens kurz davor, einer zu werden. Nachvollziehbar, denn für die extremen Wakestyle-Tricks kann man mit Boots noch ein paar Prozent mehr Absprungenergie herauskitzeln. Doch stellt sich die Frage: Ab welchem Level ist das überhaupt sinnvoll? Und braucht man das überhaupt? Wir haben zwei Experten gefragt, die unterschiedliche Positionen vertreten: Kea Janssen aus Flensburg arbeitet für Liquid Force Europa, veranstaltet eigene Freestyle Camps für Frauen und ist überzeugter Boot-Fan. Die Gegenposition übernimmt Michael Vogel, Chef der Surfschule Norddeich, Kite College Fahrtechnik-Experte, selbst häufig in Boots anzutreffen, aber der Ansicht, dass Boots nur für wenige Kiter wirklich sinnvoll sind.

Kea Janssen kitet mit Boots

Kea Janssen

Beim Kiten mit Boots sehe ich einige Vorteile. Zuerst hat man einen deutlich festeren Halt. Dadurch verkrampft man weniger, wie es bei manchen schlecht passenden Schlaufen leider häufig geschieht. Zudem verliert man beim Üben neuer Tricks nicht ständig das Board. Viele Kiter haben eben keine Lust auf Upwind-Bodydrags oder beherrschen das vielleicht nicht wirklich gut. Gerade in kaltem Wasser ist das ein Vorteil. Fahrtechnisch sind Boots sinnvoll, wenn man beispielsweise die ersten einfachen Unhooked-Tricks bereits steht, aber nun mehr Höhe erzielen will, um diese Tricks zu perfektionieren oder weiter zu entwickeln. Dafür benötigt man einfach mehr Pop und der lässt sich mit Boots deutlich leichter erzeugen. Ich persönlich fühle mich in Boots auch sicherer, da ich mehr Fersenhalt habe und nicht Gefahr laufe, mit dem Fuß aus der Schlaufe zu rutschen. Meine Sprünge sind durch die Boots besser geworden, da ich weniger verkrampfe. Ich muss mich eben nicht mehr in der Schlaufe festkrallen und stehe ganz entspannt auf dem Board. Ein weiterer Vorteil: Bei kabbeligen Bedingungen verliert man nicht so schnell die Kante beim Absprung, hat also mehr Grip und kann eine höhere Leinenspannung erzeugen. Natürlich haben Boots nicht nur Vorteile: Das Verletzungsrisiko ist definitiv höher, da man bei Stürzen das Board in der Regel an den Füßen behält. Bei Stürzen mit höherem Tempo – etwa beim Verkanten – wirken schon relativ große Kräfte auf den Körper. Außerdem kommt man aus Boots nicht einfach so heraus, wenn man Schwierigkeiten hat. Das An- und Ausziehen ist natürlich auch etwas umständlicher als bei Schlaufen und dauert entsprechend länger. Etwas unpraktisch ist der Transport, da ein Board mit Boots immer sperrig ist.

Absolut ungeeignet halte ich Boots also für Anfänger und für Kiter, die zum ersten Mal einen Sprung üben. Denn die Sturzgefahr ist dabei in der Regel sehr hoch und somit steigt das Verletzungsrisiko. Für alle anderen denke ich: Wer will, soll das einfach ausprobieren. Beim Wakeboarden werden die Schüler auch von Beginn an in Boots gesteckt. Wenn man es probiert und sich darin wohl fühlt, spricht nicht viel dagegen. Man sollte es eben langsam angehen lassen und am Anfang wenig Risiko gehen, bis man die nötige Sicherheit hat.Wenn jemand ein Leben lang nur von links nach rechts kitet, das aber lieber mit Boots tun möchte, dann soll er das machen. Natürlich fahren viele Kiter Boots auch aus Style-Gründen, aber man kann deshalb nicht sagen, wie viele „unberechtigt“ Boots verwenden. Das muss jeder für sich entscheiden.

Michi Vogel

Ich nutze Boots ausschließlich, wenn ich Freestyle trainiere. Denn das ist der einzige Bereich, in dem Boots aus meiner Sicht wirklich sinnvoll sind. Durch die Verwendung von Boots lässt sich mehr Kraft auf die Boardkante übertragen, um eine höhere Leinenspannung und Absprungenergie zu erzeugen. Das hilft beim Erlernen von komplexen Wakestyle-Manövern, die eine ausreichend lange Airtime erfordern, um die Bewegung vollständig in der Luft ausführen zu können. Wir sprechen da aber schon von fortgeschrittenen Manövern wie beispielsweise Air-Passes. Auf diesem Level bewegen sich aber ehrlicherweise nur sehr wenige Kiter. Für einfachere Unhooked-Tricks wie Rotationen oder To-Blind-Manöver reichen in der Regel gut sitzende Schlaufen. Dazu kommt, dass man sogar einige der schwierigen Tricks, wie etwa einen 313, mit Schlaufen leichter lernt, da man das Board bei der Landung anders belasten kann. Wer mit Boots kitet, sollte sich darüber bewusst sein, dass das Risiko steigt. Die Gefahr für Verletzungen an Bändern und Gelenken nimmt zu, da das Board immer fest mit den Füßen verbunden bleibt und die Krafteinwirkung viel höher ist. Dazu kommt ein weiterer Sicherheitsaspekt: In Gefahrensituation ist es wichtig, sich notfalls vom Board lösen zu können. Wir hatten kürzlich erst den Falls, dass sich bei einem Kiter eine Leine um die Schlaufe des Boots gewickelt hat und der Kiter unkontrolliert durchs Wasser gezogen wurde. So etwas kann schlimme Folgen haben.