Ex-Windsurfprofi und Urgestein der Wavekite-Szene: Ralf Bachschuster ist mit 18 Jahren aus dem bayerischen Ingolstadt in die Welt gezogen und seitdem Wind und Wellen hinterher gereist. Seit 1998 hat er dem Profi-Windsurfen den Rücken gekehrt und eine neue Liebe gefunden: das Kiten. Seine ersten Kite-Versuche endeten zwar in einer Stromleitung, aber das hielt ihn nicht davon ab, einer der besten Wave-Kiter der Welt zu werden. In seiner Wahlheimat Kapstadt hat er seine perfekte Spielwiese gefunden, sagt aber gleichzeitig, dass das Leben dort nicht immer paradiesisch sein muss. Was Ralf vom „Höher, Schneller, Weiter“-Trend im Big-Air hält, wieso viele Kiter lieber mit Schlaufen als strapless fahren sollten und warum er sich selbst zum alten Eisen zählt, ohne dabei wirklich alt zu sein, verrät das RRD-Aushängeschild im KITE-Interview.

Ralf Bachschuster
Foto: Svetlana Romantsova

Servus Ralf, wie geht´s Dir und was...
(Telefon klingelt bei Ralf) Servus, sorry, warte mal kurz, ich mache mal eben das Telefon aus, dann ist es ruhiger. Heute hat es Wind und jeder will wissen, wo was los ist (lacht).

Bei Euch in Kapstadt hat es doch immer Wind? Oder bist Du so eine Art Trüffelschwein, das den anderen sagt, wo es die besten Bedingungen gibt?
Nein, ich sag jetzt nicht so vielen Leuten Bescheid, denn ich weiß auch nie genau, wo ich hinfahre. Ich bin mal hier und mal dort und, wenn es gut ist, dann gehe ich raus und mache da nicht lang rum. Aber ja, es fragen mich doch schon immer recht viele Leute, wo sie hinfahren sollen (lacht wieder). Dieses Jahr ist es eh extrem voll in Kapstadt… sehr viele Windsurfer.

Wie siehst Du Events wie den King of the Air? Braucht Kitesurfen diese Extrem-Events, um sich weiter zu entwickeln oder ist das nur eine nette Sponsoring-Plattform für den Brausehersteller mit den Bullen?
Ich empfinde das sogar als wichtig für den Sport. Die ganze Twintip-Szene hat sich ja dadurch wieder belebt. Die Leute fahren wieder Twintip und fühlen sich nicht schlecht dabei. Es gab ja schon eine Zeit, wo jeder nur Surfboards gefahren ist und dabei möglichst cool sein wollte. Da waren Twintips fast schon out. Der King of the Air hat meiner Meinung nach das Twintip wieder richtig „in“ werden lassen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, mir taugt das voll. Die Jungs springen an die 30 Meter hoch, das ist schon geil. Außerdem kenne ich die natürlich alle. Mit Nick Jacobsens Vater Brian bin ich zum Beispiel gut befreundet und war damals schon dabei, als Nick Kiten gelernt hat.

Ralf Bachschuster
Foto: Samuel Tome

Es ist mir doch egal, ob einer mit Schlaufen fährt oder ohne. Diese Differenzierungen kann sich ein so kleiner Sport gar nicht leisten.

Im Ernst?
Ja klar, damals war Nick dreizehn Jahre alt und kam aus Dänemark hierher. Wir haben gerade die ersten Downwinder gemacht und haben ihn dann einfach mal mitgenommen. Daher kenne ich Nick sehr gut, genau wie Kevin (Langeree; Anm. d. Red.) und seine Schwester Jalou. Die habe ich auch kennen gelernt, als sie so zwölf oder dreizehn waren. Und seitdem hängen die hier ja ständig rum, das ist schon ganz witzig. Die sind alle coole Typen und dass Kevin das Ding gewonnen hat, ist schon dufte.

Wann standst Du selbst eigentlich das letzte Mal auf einem Twintip? Juckt es Dich, bei dem ganzen Big-Air-Wahnsinn mitzumachen, oder geht Dir das am Arsch vorbei?
Also zunächst mal wäre ich tot, wenn ich da mitmache. Ich kann ja gerade mal sieben Meter hoch springen, da wird´s mir schon schwindelig. Ich habe sogar derzeit wieder mal ein Twintip, aber habe es bisher noch nicht ausprobiert. Eigentlich hätte ich schon Lust, mal wieder in Langebaan zur Gaudi auf Flachwasser zu fahren, aber so richtig bin ich ehrlich gesagt nicht drauf eingeschossen. Ich stehe eigentlich nie auf einem Twintip.

Sind Woo-Rekorde die richtige Richtung, in die sich Kiten entwickeln sollte? Und entspricht das Deinem Bild vom Kiten oder weicht Deine Vorstellung davon stark ab?
Ich drücke es mal so aus: Kiten ist ein zu kleiner Sport, als dass man ihn noch groß in verschiedene Disziplinen aufsplitten sollte. Gutes Beispiel: Strapless Surfen. Es ist mir doch egal, ob einer ohne Schlaufen fährt oder mit Straps. Diese Differenzierungen kann sich ein so kleiner Sport gar nicht leisten. Das ist Kitesurfen und aus! Das ist nicht Surfen, das ist nicht Windsurfen, das ist einfach nur Kitesurfen. Egal was man mit dem Kite macht, das ist alles ok, es ist alles die gleiche Gang und jeder fährt in die gleiche Richtung, finde ich. Klar, es gibt natürlich ein paar Unterschiede. Die älteren Jungs, so wie ich, die fahren lieber in der Welle und andere springen vielleicht lieber hoch, aber wie gesagt, Kitesurfen ist zu klein, um da so kleinteilig zu differenzieren.

Deine Sichtweise kann ich gut nachvollziehen. Aber werfen wir mal einen genaueren Blick auf die Wave-Szene. Glaubst Du, dass es in der Welle eine ähnliche Entwicklung gibt wie im Big Air? Wir haben uns mit Jesse Richman über seine Erfahrungen in Nazaré unterhalten. Wie stehst Du zu „Höher, Schneller, Weiter, Krasser“? Braucht´s das wirklich, um einen Sport weiter zu entwickeln?
Ich finde, das braucht es überhaupt nicht. Aber es sind eben doch immer wieder Highlights, wenn jemand solche Riesenwellen herunterfährt. Die Leute wollen so etwas sehen. Aber brauchen tut´s das sicher nicht. Es reicht doch schon, wenn jemand auf dem Ammersee auf ein Brett steigt, im Gleiten ist und seinen Spaß hat. Das darf man nicht vergessen, denn das sind die Leute, die den Sport füttern und in den Sport neu einsteigen. Es muss nicht immer alles extrem sein. Den Fehler haben wir beim Windsurfen schon mal gemacht. Es ist total okay, wenn einfach ganz normal gekitet wird.

Ralf Bachschuster
Foto: David Varekamp/ surfkitephoto.com

Was meinst Du genau?
Naja, ich war damals Windsurf-Profi. Ganz am Anfang war es vollkommen okay, wenn man einfach nur am Gardasee geradeaus fuhr. Aber irgendwann musste alles immer radikaler werden, und dann haben viele Leute das Interesse verloren, weil sie dann eben nicht mehr mitgekommen sind. Deshalb denke ich, dass wir beim Kiten nicht denselben Fehler machen sollten, dass alles nur noch – wie Du es gesagt hast – „Höher, Schneller, Weiter, Krasser“ gehen muss. Das Wichtigste ist, dass die Leute ihren Spaß beim Kiten nicht verlieren – ob das nun am Gardaseee, am Ammersee, in Kapstadt oder von mir aus auch in Nazaré ist.

Da Du gerade schon den „Jedermann“ angesprochen hast: In Kapstadt ist derzeit also mal wieder die Hölle los. Für die meisten Kiter ist Mother City sowieso eines der Pflicht-Reiseziele. Genießt Kapstadt zu Recht diesen legendären Ruf? Und ist das Leben dort immer noch so entspannt wie früher, oder nimmt der Kite-Rummel arg überhand?
Mir geht es hier primär um die Bedingungen. Kapstadt ist einer der wenigen Plätze auf der Welt, wo das Wasser kalt ist. Das heißt, hier schwimmt niemand im Wasser, und auch sonst gibt es wenig Surfer oder Boogie-Boarder. Hier darfst du kiten, wo du willst. In Brasilien oder anderswo auf der Welt sind teilweise schon so viele Strände abgesperrt und alles ist überreglementiert. Das ist hier anders. Für mich ist das ein unschätzbarer Vorteil. Die Leute haben hier einen riesen Spaß, weil sie, egal wo, ins Wasser gehen können. Aber natürlich ist Kapstadt dennoch nicht unbedingt für jeden das richtige Reiseziel. Schon allein wegen des kalten Wassers. Wer mal eben zehn Tage irgendwo entspannt kiten möchte, dem würde ich eher Barbados oder so etwas empfehlen. Doch wenn man etwas Zeit mitbringt, dann kann man sich hier durchaus an die Bedingungen gewöhnen. Ich sage immer: Ab drei Wochen wird Capetown erst so richtig gut. In der Zeit kann man sich die wirklich guten Tage heraussuchen, und man lernt, bei welchen Bedingungen man wo hinfahren muss, um gute Wellen zu erwischen. Und dann genießt man hier wirklich top Bedingungen.

Du hast Dich schon vor langer Zeit dazu entschieden, dort zu leben. Wird es nicht irgendwann langweilig, dauerhaft im Paradies zu leben? Ich stelle mir das so vor wie ein Kind im Süßigkeitenladen: Am Anfang schmeckt die Schoki wahnsinnig gut, nach drei Tafeln ist dir aber schlecht. Die Ökonomen nennen es das „Prinzip vom abnehmenden Grenznutzen.“ Gibt es sowas beim Kiten?
Nein, das ist überhaupt nicht so und das gibt es beim Kiten auch nicht. Das wird nie langweilig. Aber „Paradies“ trifft es ehrlich gesagt auch nicht wirklich. Man muss hier nur mal einen Blick in die Zeitung werfen, und schon denkt man etwas anders darüber. Zurzeit herrscht hier zum Beispiel extreme Wasserknappheit. Außerdem ist die politische Lage so gut wie immer ein kleines Pulverfass. Die Kriminalität lässt sich auch nicht unter den Teppich kehren. Geld zu verdienen ist hier unten ebenfalls gar nicht so einfach. Du siehst, es gibt auch andere Aspekte neben dem Kiten. Wenn man hier wirklich wohnt, kann man nicht unbedingt von „Paradies“ sprechen. Klar, ein paar Stunden am Tag auf dem Wasser stimmt das, aber den restlichen Tag über muss man schon zusehen, dass man sich hier zurechtfindet. Mei, es ist schon mega cool, aber „Paradies“ – wo gibt es das schon?

Ralf Bachschuster
Foto: Svetlana Romantsova

Wie hast Du als früherer Windsurf-Profi eigentlich die Anfänge des Kitens erlebt? Wann und warum hast Du entschieden, das „Lager“ zu wechseln?
Das war 1999. Damals habe ich die ersten Fotos von Kitern gesehen. Meine Ex-Freundin hat auf Hawaii gelebt und mir irgendwann einen Wipika-Kite geschickt. Fünf Quadratmeter war der groß, und mit dem haben wir es dann beim Nachbarn im Garten probiert. Der Kite ist recht schnell in einer Stromleitung gelandet (lacht). Danach sind wir lieber an den Strand runter und haben dort weiter geübt. Damals war ich schon sehr froh, dass mit Kitesurfen etwas Neues kam. Ich hatte gerade mit dem professionellen Windsurfen aufgehört. Wenn Du mal sehr gut in etwas warst, bist Du froh, wenn etwas Neues kommt, in dem man wieder Fortschritte machen kann. Plötzlich wird man wieder besser in etwas und das macht natürlich Spaß. Nachdem ich die Profi-Karriere beendet hatte, wäre ich im Windsurfen immer nur schlechter geworden und das ganze Leben nur Windsurfen – darauf hatte ich keine Lust. Kiten bietet einfach mehr Freiheit. Außerdem kann man das – ich sage jetzt mal – als älterer Herr immer noch genießen. Für den Körper ist Kiten viel einfacher als Windsurfen.

Und wie war die Szene damals im Vergleich zu heute? Kann man das überhaupt vergleichen? Gab es Unterschiede in der Mentalität? Und sind heutige Kiter anders als die „alten“ Jungs von früher?
Och, ich glaube, in der Mentalität gibt es keinen allzu großen Unterschied. Mit Robby Naish war ich damals viel windsurfen, und der zählte natürlich gleich am Anfang mit zu den größten Kitern. Die anderen Jungs kannte ich zunächst gar nicht so gut. Zu dem Zeitpunkt hat sich auch noch fast alles nur auf Hawaii abgespielt. Das war im Windsurfen auch schon so. Ich war da schon ewig nicht mehr, aber soviel ich gehört habe, ist Hawaii zum Kiten auch gar nicht so toll. Es ist voll und man hat dort wenig Platz. Auf Maui kannst ja fast nicht kiten gehen. Oahu ist da schon besser.

Naja, Kitebeach und die ganze Ecke um Kanaha sind schon recht voll, aber es gibt durchaus schlechtere Orte auf der Welt. Aber stimmt schon, auf Maui muss man sich schon etwas auskennen, um die wirklich guten Spots zu finden.
Naja, wie auch immer. Zumindest hat sich die Szene über die Jahre von Hawaii ziemlich wegbewegt. Nach und nach kamen andere Hotspots auf – zum Beispiel Mauritius und irgendwann auch Kapstadt. Und dann wurde Kiten auch in Europa immer populärer. Hawaii ist etwas aus dem Fokus geraten, und das finde ich auch ganz gut so, denn das mochte ich damals beim Windsurfen schon nicht. Außerdem freut es mich, dass sich die Europäer irgendwann ihre eigene Szene aufgebaut haben. Und heute sind die Europäer ja auch saugut im Kiten. Die Dominanz der Hawaiianer gibt es heute nicht mehr und der Sport ist dadurch viel breiter gefächert und internationaler geworden.

Ralf Bachschuster
Foto: Svetlana Romantsova

Ich glaube,dass man so bis 65 noch ziemlich gut pushen kann, so dass man echt noch a bissl waszu sagen hat auf dem Wasser.

Apropos „alte Jungs“: Marc von RRD hat mir erzählt, dass Du ihn irritiert gefragt hättest, warum wir mit Dir „altem Knochen“ denn ein Interview führen wollen, da gäbe es doch jüngere Fahrer. Da musste ich lachen. Fühlst Du Dich wirklich alt, oder was hat Dich daran irritiert?
Nein, das war eher ein Spaß. Aber natürlich zähle ich zur älteren Garde, ich werde im August 55. Jung ist das nicht mehr, aber das ist ja auch ok. Aber ich fühle mich ja geehrt, wenn ich bei Euch ein paar Fotos und ein Interview bekomme, das ist doch cool (lacht).

Aber jetzt im Ernst: Hast Du den Eindruck, dass Kiten als Sportart überaltert? Wir kennen das ja schon aus dem Windsurfen. Steuern wir in dieselbe Richtung, oder haben wir keine Nachwuchsprobleme? Und gibt es da Unterschiede zwischen Deutschland und Südafrika?
In Südafrika ist das sicher anders. Hier ist das total gemischt. An den Spots laufen Jungs von gerade mal 14 Jahren herum, genauso wie meine Spezln mit 50 oder 60 Jahren. Aber man muss den Sport auf jeden Fall immer für die Jugend interessant halten. Hier gehen sehr viele Kids skaten, das ist mega angesagt. Ins Kiten muss man ein Stückweit die Coolness vom Skaten reinbringen, dann kann man vielleicht auch wieder mehr Leute gewinnen. Ich glaube nicht, dass Kiten international ein Nachwuchsproblem hat. Aber auf der anderen Seite haben wir auch das Problem, dass Kiten nicht mehr so billig ist. Das ist mit der Zeit echt ein teurer Spaß geworden.

Mit der Meinung stehst Du vermutlich nicht allein da. In Deutschland sieht man schon recht viele dicke Autos an den Spots und wenig klapprige Studentenkisten.
Ja genau, das ist halt schade. Ich glaube, dass vielleicht einigen der Jungen der Zugang zu gebrauchtem Material fehlt, obwohl viele gebrauchte Kites oder Boards ja noch saugut sein können. Einen Kite kannst Du heute locker 100 Tage fliegen und einen Kite mit 50 Tagen auf dem Buckel bekommst Du bereits für die Hälfte des ursprünglichen Preises. Der Gebrauchtmarkt eröffnet also schon viele Möglichkeiten, auch günstig an gutes Material zu kommen. Unabhängig von den Preisen: Man muss dennoch wieder mehr tun für die Jungen. Vielleicht müssen die Hersteller da wieder aktiver werden und sich stärker um die Kids kümmern.

Ein Vorteil Deines halbwegs fortgeschrittenen Alters: Du hast tonnenweise Erfahrung im Kiten. Die bringst Du mittlerweile für RRD ein. Erzähl mal, was machst Du genau für Roberto? Und reicht das als Job, um sich in Südafrika ein entspanntes Leben leisten zu können oder musst Du nebenbei noch andere Jobs machen?
Ich mache schon noch etwas anderes, das ist eher nebenbei. Ich designe ein paar Boards für Roberto, zum Beispiel vor vier Jahren das Barracuda. Wir stecken gerade in der Entwicklung eines neuen Barracudas, weil es sich recht gut verkauft hat. Derzeit testen wir die Boards hier unten. Außerdem arbeite ich beim Wave-Kite Religion mit und gebe Abel Lago (RRD Kite-Entwickler; Anm. d. Red.) und Roberto dazu mein Feedback. Roberto kenne ich schon seit 35 Jahren und bin lange so etwas wie ein Brand-Representative – ich repräsentiere seine Marke eben ein bisschen. Außerdem mache ich viele Fotos und lasse mich auch gern fotografieren. Das macht schon Spaß, wenn Du gute Fotos in den Kasten bekommst. Und ich glaube, deswegen kite ich auch noch so gern, denn es ist eine große Motivation, wenn man so ins Ganze involviert ist. Aber zum Geldverdienen mache ich andere Dinge. Da habe ich einige Investments laufen und vermiete in Südafrika Appartements. Außerdem baue ich nebenbei meine eigenen Boards unter dem Namen RB63. Seitdem ich bei Roberto unter Vertrag bin, habe ich das aber ziemlich heruntergeschraubt, da ich doch eher für seine Marke und insbesondere für den Barracuda stehe.

Ralf Bachschuster
Foto: Samuel Tome

Entwickelst Du Bretter speziell nach Deinem Geschmack, die insbesondere in Südafrika gut funktionieren? Oder habt ihr auch die kabbelige Nordsee-Welle im Kopf, wenn ihr einen neuen Shape entwickelt?
Wenn hier unten Riesen-Swell ist, hocke ich mich zum Beispiel in den Flieger und bin in drei Stunden in Donkey Bay. Das ist mit Abstand die beste Welle, die es gibt. Das kannst Du Dir nicht vorstellen! Dort hast Du auf knapp zwei Kilometern eine perfekt laufende Welle und den besten Wind. Und kein Mensch auf dem Wasser. Da war ich jetzt schon ein paar Mal und immer, wenn ich dort bin, funktioniert irgendein Brett nicht zu einhundert Prozent. Das macht mich wahnsinnig. Dann mache ich zwei oder drei neue Bretter – solange, bis es funktioniert. Jetzt habe ich gerade ein Brett gebaut, das dort endlich saugut funktioniert, aber auch überraschend gut in Kapstadt läuft. Das geht immer so weiter und hört auch nie auf. Genau das motiviert mich, dass ich immer wieder Boards entwickle, bei denen ich denke: Wow, jetzt funktioniert es endlich. Aber das sind die Boards, die ich für mich persönlich mache und die wirklich sehr speziell sind. Wenn ich Boards für Roberto entwickle, dann arbeiten wir an Brettern, die ein Stück weit einen Kompromiss abbilden müssen. Wenn ich ein Board nur für Donkey Bay mache, dann kannst Du damit in Italien nicht fahren. Damit kämst Du dort gar nicht ins Gleiten, oder es rutscht nur so herum. Also muss man bei der Entwicklung darauf Acht geben, dass das Board in allen Bedingungen relativ gut funktioniert. Und daran arbeiten wir permanent.

Und wie lange dauert es von der ersten Idee eines Shapes bis zum fertigen Serienboard?
Das ist ganz unterschiedlich. Es kann sogar manchmal nur eine halbe Stunde dauern, wenn das Board sofort funktioniert und wir uns einig sind. Es kann aber auch deutlich länger dauern. Jeder aus dem Team hat seine eigenen Ideen, die er einbringt und dann haben wir auch mal fünf oder sechs unterschiedliche Boards. Dennoch merkt man aufgrund der Erfahrung nach zwei Minuten, ob ein Board so oder so funktioniert. Dann kommt es nur darauf an, ob die Mehrheit des Teams derselben Meinung ist.

Andersherum gefragt: Wie viele Prototypen hast Du in der Garage, die nie in Serie gegangen sind? Wie entscheidet ihr, was schlussendlich gebaut wird und was nicht?
(Lacht) So ziemlich alle! Ich fahre in der Regel so fünf bis sechs verschiedene Boards, die alle anders funktionieren und ich nehme jeweils das, welches für den Tag am besten passt. Du kannst aber nicht pauschal sagen, wie viele der Boards in Serie gehen und wie viele als Prototyp „enden“. Wenn wir ein Serienboard entwickeln, dann ist das ein ganz spezielles Board, das auch nur für die Serie konzipiert wird. Ich nenne es jetzt mal „Kompromiss-Board“, auch wenn das etwas blöd klingt, weil es eigentlich kein Kompromiss ist. Ein gutes Waveboard muss sehr gut drehen, gut höhelaufen und auch bei wenig Wind einigermaßen gut funktionieren. Diese drei Dinge muss man kombinieren, um ein kommerziell erfolgreiches Board zu bauen.

Ralf Bachschuster
Foto: Svetlana Romantsova

Wie sieht im Vergleich zu einem „Kompromiss-Board“ das perfekte Board für Dich aus und was muss es können?
Extrem schnell sein: Extrem schnell drehen und extrem schnell fahren. Wir fahren hier unten Sechser- oder Siebener-Kites, das ist schon alles ziemlich schnell. Wenn Du volle Kanne in einen Bottom-Turn reinfährst, darf es nicht herausspringen und die Finnen müssen passen. In die steilen Wellen hier musst Du so schnell wie möglich hinein und genauso schnell wieder herausfahren, aber den Turn natürlich fertig fahren. Robby Naish hat das mal ganz nett gesagt. Er meinte: „Wir machen im Grunde das Langweiligste, was es gibt: Man fährt einen Bottom-Turn und einen Top-Turn. Das machen wir seit 40 Jahren und das ist immer das gleiche. Aber jeder Turn ist eben immer anders.“

Gibt es im Surfboard-Markt Trends bei Shapes und Konstruktionen? Wenn ja, was war vor fünf Jahren angesagt, was ist heute Stand der Dinge und was für Boards fahren wir in ein paar Jahren?
Ich würde sagen, der Trend geht zurzeit wieder zu runderen Nasen. Die extrem Spitzennasen sieht man heute kaum noch. Außerdem werden durch den Strapless-Trend die Outlines paralleler. Das Tail ist auch nicht mehr so schmal. Ich selbst fahre ein relativ schmales Tail und stehe ganz weit hinten mit meiner Fußschlaufe. Da bin ich aber nur drin, wenn ich auf der Welle bin. Nur kann man das nicht jedem zumuten, da diese Position relativ schwierig zu fahren ist. In Summe sollen die Bretter einfacher zu fahren sein, damit auch Kiter mit weniger hohem Fahrkönnen mit einem Directional Spaß haben können. Man sieht das zum Beispiel bei Leuten, die ohne Straps fahren: Die stehen teilweise wahnsinnig weit vorne – bis zu zehn Zentimeter weiter als jemand, der mit Straps fahren würde. Die müssen eben das Brett vorne hineinhauen. Dadurch hat sich das alles ein wenig verändert. Wie auch immer, auf ein gutes Waveboard stellst Du Dich drauf und bist sofort glücklich.

Zum Abschluss noch mal die Alters-Keule: Ab wann ist man als Kiter alt – oder vielleicht auch zu alt? Oder anders gefragt: Ab wann sollte man aufhören, bei über dreißig Knoten Fünf-Meter-Klopfer zu surfen? Und was ist Dein Plan für die Kite-Rente?
Ich glaube, dass man so bis 65 noch ziemlich gut pushen kann, so dass man echt noch bissl was zu sagen hat auf dem Wasser. Und danach lässt man es halt etwas ruhiger angehen. Ich kenne Leute, die sind 75 oder 80 und gehen noch kiten. Das funktioniert. Und das ist ja auch das Schöne am Kiten: Man hat ständig diese Entlastung des Rückens. Körperlich ist Kiten wirklich ein cooler Sport auch für ältere Menschen. Dazu ist man draußen an der frischen Luft, und es macht mega Spaß. Also ich bin dabei solange es geht.

Ralf Bachschuster

Das ist doch ein sehr schönes Schlusswort. Hast Du noch etwas, was Du gern loswerden möchtest?
Ich habe es am Anfang schon kurz erwähnt, aber das liegt mir echt am Herzen: Diese Differenzierung beim Kiten innerhalb der einzelnen Disziplinen mag ich nicht so gern. Ob das jetzt Strapless-Kiten oder sonst etwas ist. Es gibt doch sowieso schon Surfen oder Wellenreiten beim Kiten und jetzt kommt dann noch Strapless dazu. Ich bin kein großer Fan davon. Oder beim King of the Air: Ob da jetzt einer mit Boots oder mit Straps antritt, das ist mir doch vollkommen egal. Hauptsache der springt hoch und lässt´s raus. Wie er das macht, ist doch seine Sache. Man kann doch nicht mehr Punkte dafür geben, weil einer eine kleine Fußschlaufe auf dem Brett hat anstatt Boots. Dasselbe auf Directionals: Meiner Meinung nach wäre es für manche Leute echt ok, wenn sie ab und an Surfboards mit Schlaufen fahren würden. Das ist so schwer, ohne Schlaufen zu fahren, gerade hier in Kapstadt, wo es kabbelig ist, manchmal böig, mit steilen, kurzen Wellen – mein Gott, da fahren Leute strapless raus, verlieren ihre Bretter und schwimmen nur den Brettern hinterher. Und mit Schlaufen einfach mal ein paar hohe Sprünge rauszulassen, das macht auch Spaß. Da scheinen mir viele irgendwie unter falscher Eitelkeit zu leiden. Ich sage dann: „Jungs, tut´s mal wieder Schlaufen drauf, dann werdet´s auch Euren Spaß haben.“ Es ist eben extrem modern geworden, strapless zu fahren. Ich will Straps auch gar nicht verteidigen, auch wenn ich hauptsächlich mit Schlaufen fahre. Aber dieser Strapless-Trend ist eben nicht für alle das Richtige.