„Arme lang!“ Dieses Universalkommando dürfte bei vielen Kitern lebhafte Erinnerungen an ihre ersten Unterrichtsstunden wecken. Bei Kiteschulungen spielen Sprache und Kommunikation eine entscheidende Rolle. Doch wie bringt man gehörlosen Menschen Kitesurfen bei? Diese Frage haben sich zwei junge Gründerinnen auf Rügen gestellt und mit DeafVentures Deutschlands erste Kiteschulung mit Gebärdensprache entwickelt.

Kiteschule für Gehörlose

In Deutschland leben rund 80.000 schwerhörige oder taube Menschen, deren Erstsprache die Gebärdensprache ist. Erst 2002 wurde sie als eigenständige Sprache anerkannt. Seitdem haben gehörlose Menschen einen Anspruch auf einen Gebär­den­sprach­­dolmetscher, zum Beispiel bei Be­hör­­den, der Polizei und vor Gericht, aber auch am Arbeitsplatz. Ein gesetzlich verankertes Recht auf sportliche Inklusion, etwa beim Mannschaftssport oder beim Erler­nen neu­er Sportarten, gibt es bislang aller­dings nicht. Insbesondere bei kom­ple­xe­ren Sport­arten fehlt es bisher oft an Angeboten für Gehörlose. Diese Lücke haben zwei junge Kiterinnen erkannt und gründeten DeafVentures – die erste Kiteschule Deutschlands, die Kite­kur­se in Gebärdensprache anbietet. Pia Boni ist lizensierte Kite-Instruktorin mit mehre­­ren Jahren Lehr-Erfahrung und Teamfahrerin bei Liquid Force, das das Projekt mit Material unterstützt. Um die Kommunikation kümmert sich Marie Kohlen als ausgebildete Gebärdensprachdolmetscherin. Während eines gemeinsamen Urlaubs entstand die Idee für DeafVentures.

Zunächst standen die beiden vor der He­rausforderung, Gebärden für Kite-Fachbegriffe zu entwickeln. In einem Probe-Lehrgang mit gehörlosen Bekannten wurden die Begriffe zunächst buchstabiert, um im Anschluss gemeinsam Fachgebärden zu ent­wickeln. Das so entstandene Gebärden­lexikon wurde im Laufe der Zeit immer wie­der getestet, verbessert und ergänzt.

Kiteschule für Gehörlose

„Der große Unterschied zwischen hörenden und gehörlosen Schülern ist, dass wir Dinge nicht gleichzeitig zeigen und erklären können“, so Kohlen. Darum laufen diese Vorgänge nach­­einander ab: erklären, zeigen, nochmals erklären. Die Gefahr, den Kontakt zu ih­ren Schülern zu verlieren, sobald diese ein paar Me­ter gefahren sind, ist laut Kohlen gering. „Im Vergleich zu hörenden Schülern macht es im Grunde keinen Unterschied. Auch Hörende hören beim Losfahren so gut wie nichts mehr aufgrund des Windes, Wasserrauschens und der Konzentration.“ Kohlen und Boni bitten ihre Schüler, maximal zwei oder drei Achten zu fliegen und dann schnellstmöglich wieder Blickkontakt zu ihnen herzustellen. In Bezug auf die Kursdauer und den Lernerfolg mache es kaum einen Unterschied, ob sie einen Hörenden oder einen Gehörlosen unterrichte, so Kohlen.

Die Nachfrage nach Kitekursen für Gehörlose ist immens: 2018 und 2019 waren die Kurse in Ummanz auf Rügen sehr schnell ausgebucht. Daher planen DeafVen­tures bereits weitere Camps im inner- und außer­europäischen Ausland. Zudem ­denken die beiden Gründerinnen noch einen Schritt weiter: Bald möchten sie Schulungen für gehörlose Kite-Instruktoren anbieten und eigene Lehrer ausbilden. Dadurch wird die Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler direkter, denn der Dolmetscher fällt weg.