Mit 28 Jahren gehört Stefan Spiessberger schon zu den Alt-Profis auf der Freestyle Tour, aber längst nicht zum alten Eisen. Wie er die Zukunftschancen für den Freestyle einschätzt, sich gegen die neuen Air Games zu behaupten, Anschluss an die neue junge Profigeneration halten will, wie man als Österreicher überhaupt Kiteprofi wird und warum Tarifa nur im Winter ein guter Ort zum Kiten ist, hat er uns letztes Jahr im Interview verraten - erschienen in KITE Ausgabe 5/2018 (am 30.10.2018).

Stefan Spiessberger kitet in New York
Foto: Philipp Schuster

Hallo Stefan, Du kommst gerade vom WKC Freestyle Event aus Akyaka (Türkei). Wie war der Event aus Deiner Sicht?
Akyaka war der erste Event der Freestyle Tour dieses Jahr. Es gibt natürlich einige Gründe, warum die Tour dieses Jahr erst so spät gestartet ist. Der Event an sich war top, denn die Location ist für einen Freestyle Event sehr gut geeignet. Dort gibt es eine große Kiteszene und die Locals sind richtige Freestyle-Fans. Dementsprechend gut ist die Stimmung am Strand und wir fahren dort vor relativ großem Publikum. Dazu kommt guter Wind, Thermik gibt es fast jeden Tag. Der Ort selbst ist auch eine Reise wert: Gutes Essen, viele Kite- stationen und eine angenehme Atmosphäre. Ich war vor sechs Jahren das erste Mal dort, um privat zu kiten und war damals schon begeistert. Thermischer Wind ist zum Freestylen generell schon mal gut und Flachwasser haben wir dort auch. Fast jeden Tag zieht zwischen elf und zwölf Uhr mittags die Thermik an, baut sich bis zu 20 Knoten auf und hält bis Sonnenuntergang.

Du hast gerade schon angedeutet, dass es viele Gründe dafür gab, warum die Tour dieses Jahr erst so spät gestartet ist. Wie siehst Du die Entwicklung der Freestyle Tour im Vergleich zu den letzten Jahren? Hat Freestyle als Contestdisziplin eine Zukunft?
Ich denke, Freestyle hat es momentan recht schwer. In den vergangenen Jahren waren zu viele verschiedene Akteure involviert. Jeder hat irgendwie versucht, etwas Großes aus der Tour zu machen. Das ist – wie glaube ich jeder weiß – leider einige Male schief gegangen. Das hat der Disziplin nicht geholfen. Ich sehe es aber nach wie vor so, dass Freestyle im Twintip-Bereich weiterhin die Hauptdisziplin bleibt. Wer sich den Event in der Türkei angeschaut hat, musste feststellen, dass dort fast alle jungen Fahrer – auch die, die vorher bei der neuen Air Games Tour mitgefahren sind – am Start waren. Die Leistungsdichte im Freestyle ist nochmal auf einem höheren Level. In Bezug auf die Schwierigkeit der Tricks, die bei den Events gezeigt werden, gibt es einfach nichts besseres. Die Air Games Tour hat natürlich auch ihre Berechtigung und ich finde es cool, dass Big Air gefördert wird. Wenn man solche Contests an Locations mit viel Wind durchführt, sodass zum Beispiel auch fette Kiteloops gesprungen werden können, dann ist das cool. Und gleichzeitig sollte Freestyle dann eben an den Spots bleiben, die dafür am besten geeignet sind. Wenn man das so aufbaut, hat beides seine Berechtigung.

Stefan Spiessberger kitet
Foto: Toby Bromwich

Ich habe nicht vor, irgendwann in der Zukunft nur noch um den zehnten oder zwölften Platz herum zu fahren.

Aber glaubst Du, dass eine kleine Sportart wie Kitesurfen wirklich genug Raum für zwei Freestyle-orientierte Contest-Disziplinen bietet? Bei den Air Games gibt es ja auch eine Freestyle-Komponente. Je nach Wind geht es da nicht ausschließlich um Big Air. Außerdem scheint die Industrie nicht besonders erpicht darauf zu sein, weiterhin noch viel Geld in den Freestyle zu pumpen. Könnt Ihr Euch als Freestyle-Fahrer dagegen behaupten oder sitzt die Industrie am Ende am längeren Hebel?
Das ist schwierig. Ich weiß, dass so ziemlich alle Fahrer der Meinung sind, dass Freestyle nach wie vor die Disziplin ist, in der sich auch die jungen Fahrer entwickeln wollen. Das fahrerische Level steigt weiterhin, das haben wir auch bei dem Event in der Türkei beobachtet. Im Finale war kein Fahrer älter als 20 Jahre. Die Jungen sind brutal auf dem Vormarsch und landen komplett neue Tricks. Wenn ich mich dann mit Aaron Hadlow unterhalte, der schon vor über zehn Jahren auf der World Tour mitgefahren ist, sagt der mir, dass er bei den Air Games nun die Tricks wieder zeigt, die er schon damals auf der Tour gemacht hat. Ich glaube schon, dass es ausreichend Platz für zwei Twintip-Touren gibt. Es muss nur richtig aufgeteilt werden. Big Air sollte eben genau Big Air sein und Freestyle sollte eine reine Freestyle Tour sein. Ob die Industrie am Ende am längeren Hebel sitzt? Schwer zu beantworten. Ich glaube schon, dass die Industrie mehr zu sagen hat, als wir Fahrer zusammen. Mei, aber ich hoffe, dass Freestyle dennoch wieder bergauf geht und wir mehr Events wie jetzt in Akyaka zu sehen bekommen.

Da Du gerade Aaron Hadlow ansprichst: Er ist bei den Air Games mitgefahren, Du nicht. Steht das Thema für Dich für die nächste Saison zur Debatte oder schließt Du das für Dich aus?
Ich werde auf der Freestyle Tour bleiben, denke ich. Ich möchte den Sport einfach so fördern, wie ich ihn mir selbst vorstelle und wie ich kiten will. Das habe ich die letzten Jahre schon so gemacht und ich glaube, ich werde auch dabei bleiben. Ich finde es cool, wenn Aaron und andere Fahrer auch Big Air fahren. Aaron hat mit seinen Erfolgen beim King of the Air im Big Air schon viel erreicht und ist darin wirklich super, also macht das für ihn auch Sinn. Aber ich bleibe dem Freestyle treu und werde mich da voll reinhängen.

Stefan Spiessberger kitet in New York
Foto: Philipp Schuster

Kurze Zwischenfrage zu Deiner Vita: Wie kommt man als junger Österreicher dazu, Kite-Profi zu werden – in einem Land, wo sich sportlich gesehen fast alles nur um den Skisport dreht?
Das ist tatsächlich in Österreich nicht so alltäglich und hat viel mit meinem Homespot zu tun. Ich wohne direkt am Traunsee – einer von zwei Hauptspots in Österreich, an denen Kiten wirklich gut funktioniert. Und seitdem es Kiten gibt, ist dort auch einiges los. Früher war ich dort Windsurfen. Irgendwann habe ich dann meinen ersten Kite gekauft und bin dann nicht mehr davon losgekommen. Ich habe relativ schnell die ersten Tricks gelernt. Nachdem ich damals für ein Praktikum den Sommer in El Gouna verbracht habe, ging es schnell voran. Die ersten Contests liefen gleich recht gut und irgendwann ging es dann auf die World Tour.

Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, bist Du gerade aus Russland zurückgekommen. Ihr habt dort für damals noch North ein Shooting irgendwo am A… der Welt produziert. Müssen Kiteprofis und Marken immer ausgefallenere Locations finden, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen, auch wenn Kiten dort eigentlich keine Rolle spielt?
Ich glaube schon, dass Foto- oder Video-Shootings an Plätzen, die man fast täglich zu sehen bekommt, wie zum Beispiel Cumbuco in Brasilen oder Kapstadt, sich gerade durch die permanente Sichtbarkeit in den Social Media irgendwann abnutzen. Man muss nach neuen Spots suchen und dabei zeigen, wie vielseitig der Sport ist. Am Baikalsee in Sibirien kann man im Sommer wirklich gut kiten, wobei ich da natürlich sonst nie hinkommen würde. Dass man so etwas realisieren kann, ist für mich eine gute Erfahrung und ein Trip, an den ich mich immer erinnern werde. Neben Russland war sicherlich auch mein New York Trip eine sehr coole Sache. Da konnte ich vor der Freiheitsstatur kiten – eines meiner Highlights bisher.

Stefan Spiessberger kitet
Foto: Toby Bromwich

Ansonsten verbringst Du viel Zeit in Tarifa – eine Kultstätte und Sehnsuchtsziel für viele Kiter. Mal Hand aufs Herz: Ist Tarifa überbewertet? Ich frage mich, warum so viele Normalo-Kiter und sogar Anfänger dorthin pilgern. Es gibt dort dutzende Kiteschulen, aber mitunter sehr schwierige Schulungsbedingungen. Und bei böigem Levante kommen viele Amateure schnell an ihre Grenzen. Was macht den Ort trotzdem so besonders?
Naja, der Grund, warum ich dort so viel Zeit verbringe ist, dass ich in Österreich einfach nicht die Trainingsbedingungen habe, die ein Liam Whaley oder Alex Pastor haben, die beide in Tarifa wohnen. Deshalb wohne ich von Oktober bis Mai oder Juni auch dort. Und das sagt es eh schon: In Tarifa kommt es sehr auf die Jahreszeit an. Im Sommer meide ich den Ort auch, dort ist einfach zu viel los. Aber im Winter ist Tarifa aus meiner Sicht wirklich gut. Es ist zwar kühl und der Wind nicht ganz so regelmäßig. Man kitet dann vielleicht vier oder fünf Mal in der Woche, aber dafür sind die Strände leer. Dann kann man überall kiten und bekommt oft noch Wellen dazu. Dass man in Tarifa im Winter fast allein am Strand ist, wissen viele gar nicht. Und das ist für mich das Coole an der Stadt. Tarifa ist in der Off-Season ganz anders als im Sommer.

Die letzte Frage betrifft Deinen Sponsor: Till Eberle (CEO von Boards and More) hat mir im Interview erzählt, dass der neue Markenname Duotone sehr kritisch diskutiert wurde. Wie hast Du diese Diskussion erlebt? War das auch bei den Profis ein heißes Thema?

Das wurde bei den Profis natürlich auch diskutiert. Da gab es ein paar Profis, die gefragt haben, ob denen bei Boards and More kein besserer Name eingefallen ist und die darauf etwas herumgeritten haben. Ich habe mir allerdings von Anfang an gedacht, dass es für mich zwar nicht ganz egal ist, was da oben auf meinem Kite steht, aber ich weiß einfach, dass hinter Duotone das Team steht, das schon damals unter North Produkte gemacht hat, die für mich immer wegweisend waren, qualitativ wie innovativ. Und die gleichen Leute machen das auch weiterhin, nur eben jetzt unter Duotone. Es fühlte sich für mich ziemlich schnell ganz normal an, dass nun Duotone auf meinem Equipment steht. North war damals mein erster Sponsor, das Team hat mich von Anfang an unterstützt und da bleibe ich natürlich an Bord. Außerdem ziehen wir dort alle an einem Strang, sind nochmal enger zusammengerückt und ich finde es cool, dass sich da gerade einiges tut. Natürlich ist in der Kiteszene derzeit einiges los, über das diskutiert wird, beispielsweise was künftig mit dem „neuen“ North passiert. Ob das jetzt gut oder schlecht für den Kitemarkt ist, traue ich mich nicht zu bewerten. Aber es ist aufregend.

Stefan Spiessberger kitet
Foto: Toby Bromwich