Kari Schibevaag, Spitzname „die Wikingerin“, liebt ihre norwegische Heimat. Wenn andere im Winter vor klirrender Kälte und endlosen Nächten flüchten, genießt sie die Dunkelheit und Einsamkeit in der Natur. Bei 15 Grad unter Null pumpt sie ihren Kite auf, schlüpft in den Neo und tanzt bei acht Windstärken über die tobende Nordsee, bis das Eis sie zurück ans Ufer zwingt. Klingt nach Tortur, für Kari ist es die grenzenlose Freiheit

Kari Schibevaag beim Snowkiten

Liebeserklärung an die frostige Nacht

Nach einem langen Sommer steht nun der Winter vor der Tür. Ich freue mich bereits auf die ersten Schneeflocken. Wenn ich mir die Fotos von letztem Winter ansehe, kommt in mir die Erinnerung an die kalten Tage und Nächte hoch. Winter bedeutet für mich atemberaubendes Licht, frischer Pulverschnee, First Tracks und eine Menge warmer Klamotten. Und Winter bedeutet auch: Es gibt eine Menge wunderbarer Dinge draußen zu erleben. Die Jahreszeiten ändern sich, die Welt hier oben wird langsam weiß. Der Schnee überdeckt die Spuren des Sommers und das Leben beginnt irgendwie von neuem. Für diesen ständigen Wandel lebe ich.

Kari Schibevaag beim Kiten

Polarlichter und brennender Himmel

15 Grad unter Null, draußen pfeift ein eisiger Wind mit knapp 40 Knoten. Ich bin in Tromsø und es ist die perfekte Zeit, um aufs Wasser zu gehen. Jetzt, im Januar, ist die Sonne noch nicht einmal richtig aufgegangen, aber sie kratzt von unten am Horizont, sodass man sie beinahe sehen kann. Der Himmel leuchtet rot, orange und gelb wie Feuer. Ich gehe aufs Wasser, weil der Schnee zu hart gefroren ist, um darauf zu kiten. Die Sonne fehlt mir, sie ist seit einer Weile verschwunden und ich sehne mich nach ein paar wärmenden Strahlen auf meiner Haut. Selbst wenn sie Dich hier oben nie richtig aufwärmt, so ist es trotzdem ein atemberaubendes Gefühl. Nach zwei Monaten Polarnacht ist es schwer zu beschreiben, was die ersten Sonnenstrahlen in mir auslösen. Im Winter haben wir in Nord-Norwegen nur wenige Stunden Tageslicht, die es gut zu nutzen gilt. Während der Polarnacht ist es zwei Monate mehr oder weniger dunkel. Die Sonne kommt nie über den Horizont, sagt binnen weniger Stunden nur mal kurz von weitem „Hallo“ und verschwindet genauso schnell wieder. Aber dafür ist die Lichtshow um diese Zeit wirklich etwas Besonderes.

Kari Schibevaag beim Snowkiten

Eine glitzernde Eisschicht über allem

Es ist arschkalt und ich spüre den eisigen Wind auf meinem Gesicht. Anfangs schmerzt die Haut vor Kälte, doch nach einer Weile gewöhnt man sich daran. Auf dem Wasser geht es abartig rund: Der Wind knallt so stark herein, dass ich mit einem Dreier Kite richtig fett angepowert bin. Leider muss ich nach einer Weile abbrechen, denn mein Equipment friert ein. Meine Leinen, mein Adjuster und sogar mein Neoprenanzug – alles ist mit einer glitzernden Eisschicht überzogen. In solchen Bedingungen riskiert man besser nichts, aber das Feeling während so einer Session ist wirklich besonders.

Die Atmosphäre, die klirrende Kälte, das Licht, die von Schnee und Eis bedeckten Berge – alles ist so wunderschön hier draußen. Ich kann leider nur eine einzige Session kiten, denn sobald man einmal aufhört, bemächtigt sich die Kälte deines Körpers. Es geht nur darum, immer in Bewegung zu bleiben. Solange du dich bewegst, ist alles fein. Aber sobald du damit aufhörst, beginnen die Schmerzen.

Tee kocht auf einem Feuer im Schnee

Das erste Mal ist immer am härtesten

Die zweite Herausforderung ist es, überhaupt in den Neo zu kommen. Man muss sehr schnell beim Anziehen sein. Etwas heißes Wasser aus einer Thermoskanne hilft, wenn man es über die Hände und Füße schüttet, um das Gefühl nicht zu verlieren. Umherlaufen oder Springen bringt den Körper zumindest ein wenig auf Temperatur. Mit der Zeit passt sich der Körper der Kälte an. Das erste Mal ist immer am härtesten, aber danach wird es langsam besser und man kann von Mal zu Mal länger auf dem Wasser bleiben.

Das Leben im Winter mag härter sein, aber meiner Meinung nach ist es so viel besser, verglichen mit heißem Sand, Sonnencreme und Palmen. Der Winter bringt uns nicht nur guten Wind, sondern auch tollen Powder. Ich genieße das Snowkiten im Winter sehr. Der Wind befördert mich mit spielender Leichtigkeit auf die Gipfel der höchsten Berge. Oder ich cruise einfach so umher, genieße das Licht, springe herum und fühle mich frei wie ein Vogel. Genauso mag ich es, den Kite als Transportmittel für längere Strecken einzusetzen. Manchmal nehme ich mein Zelt mit und verbringe ein paar einsame Tage draußen in der Wildnis. Das Leben wird einfacher mit Wind – und deutlich spaßiger.

Polarlichter

Der limitierende Faktor ist nur man selbst

An Tagen ohne Wind gehe ich SUPen, koche draußen über dem Feuer, gehe Eisangeln oder Skifahren. Es gibt so viele wunderbare Dinge, die man nur im Winter machen kann. Der limitierende Faktor ist nur man selbst. Viele Menschen sagen, hier im Norden wäre es im Winter viel zu dunkel. Stimmt, es ist dunkel. Aber im Dunkeln sieht man die faszinierenden Polarlichter besonders gut. Am besten, wenn man sich dazu an sehr dunklen Plätzen aufhält, weit weg von jeder künstlichen Lichtquelle – auf einem Berggipfel, irgendwo auf dem Meer oder in der Wildnis in einem Zelt.

Kari Schibevaag mit Hund

Hundertmal besser als im Sommer

Ich liebe den Winter, das dürfte vermutlich mittlerweile jeder gemerkt haben. Ich liebe die kalten Tage draußen auf dem Meer oder irgendwo im Schnee. Ich liebe es, meine körperlichen Grenzen zu erkunden. Wieviel kann ich aushalten? So war ich schon immer – schon als kleines Kind.

Wer niemals diese Art von Winter erlebt hat, sollte es unbedingt ausprobieren. Wenn man Kiten im Sommer mag, behaupte ich, im Winter ist es noch hundertmal besser. Du fährst auf einer riesigen Spielwiese, mit perfekten Wellen oder Kickern genau vor Dir. Und du musst nicht um Deinen Platz auf dem Wasser kämpfen, denn es ist genug für alle da.

Du brauchst nur richtig warme Klamotten und ein großes Lächeln auf dem Gesicht.