Kein Starthelfer weit und breit? Die richtige Self-Launch-Technik ist in dem Fall ein echter Session-Saver. Kitelehrerin Sonni Bunte und KITE-Autor Axel Reese zeigen, wie man den Kite allein oder zu zweit mit Buddy in die Luft bekommt.

Vorweg:
Ein Freifahrtschein, um im Winter mutterseelenallein aufs Wasser zu gehen, ist der Self Launch nicht. Wie immer gilt: Safety first! Man sollte Rescue-Optionen immer im Hinterkopf haben, die Self Rescue beherrschen und möglichst nicht allein kiten. Zudem sind die im Folgenden erklär­ten Techniken nicht für Einsteiger geeignet. Sicheres Starten und Landen mit Starthelfer und die korrekte Orientierung zum Wind (den Halbwindkurs sicher bestimmen können) sind unbedingte Voraussetzungen, um sich am Self Launch zu versuchen. Darüber hinaus sollte man jederzeit zum Auslösen des Quick Release bereit sein, falls doch mal etwas schiefgeht. Die Hand, die beim Starten nicht für die Kite-Steuerung benötigt wird, greift ans Quick Release.

Voraussetzungen:
Diese Startvarianten sind nur bei leichten bis maximal mittleren Windstärken und entsprechend angepasster Kitegröße empfehlenswert. Der Untergrund sollte eben und frei von spitzen Gegenständen wie Steinen oder Muscheln sein. Der Kite liegt in Parkposition auf der Fronttube, die Leinen sind gewissenhaft gekämmt und korrekt angeknüpft. In Lee befindet sich kein Hindernis.

Variante 1: Der Slide-Launch

Sonni sucht sich zunächst den Halbwindkurs wie beim normalen Start mit Helfer auch. Den Chickenloop und die Safety Leash hat sie bereits eingehakt.

Sie checkt, ob alle Leinen frei und in Lee hinterm Kite liegen. Dann entfernt sie sich auf Halbwindkurs vom Kite, bis die Steuerleine des ihr abgewandten Tips ganz leicht unter Spannung steht. Sie positioniert sich wenige Schritte nach Luv, sodass der Kite ein paar Grad auf Raumwindkurs liegt.

Nun zieht Sonni ganz vorsichtig die Steuerleine des ihr abgewandten Tips an.

Das Tip fängt dadurch Wind und der Kite beginnt, noch in der Parkposition langsam nach Lee zu krabbeln.

Dabei dreht er sich von der Parkposition nach und nach in die Relaunch-Position auf leichtem Raumwindkurs.

Jetzt folgt der Knackpunkt: Sobald der Kite angeströmt wird, rollt er über die Leading Edge und richtet das luvseitige Tip auf. Alle Leinen stehen jetzt unter Spannung und der Kite liegt immer noch auf leichtem Raumwindkurs. Sonni möchte den Kite auf Halbwindkurs in die Luft bringen, genau wie beim Relaunch aus dem Wasser. Dafür geht sie ein paar Schritte nach Lee, um sich auf dem richtigen Kurs zum Kite neu zu positionieren.

Ab hier läuft alles wie beim Water Relaunch. Sie führt die Bar an den Zugpunkt und lenkt den Kite vorsichtig nach oben, bis er in der Luft ist. Je stärker der Wind, desto vorsichtiger sollte man bei diesem Start agieren. Es gilt, darauf zu achten, die Steuerleine des abgewandten Tips nicht zu stark zu ziehen und den Kite nicht zu weit auf Raumwindkurs in Richtung Powerzone wandern zu lassen, damit er nicht zu viel Zug aufbaut.

Umgekehrt gilt: Bei sehr wenig Wind muss der Kite etwas weiter wandern und sich drehen, damit sich das Tip aufstellen kann – oder der Kiter geht ein paar Schritte nach Luv. Klug ist, sich zunächst eher mit zu wenig Power als zu viel an die richtige Position heranzutasten.

Variante 2: Launch mit Sand auf dem Tip

Wer den Kite nicht über den Strand krabbeln lassen möchte, kann ihn in der Belly-up-Position (beide Tips zeigen nach oben, der Kite liegt „auf dem Rücken“) mit Sand oder einem Sandsack beschweren. Die Bar wird vorher sorgfältig auf Halbwindkurs ausgelegt.

Sonni beschwert ihren Kite nicht mittig, sondern so weit wie möglich außen am Tip, sodass ein Tip flach auf den Boden gedrückt wird und das andere leicht in die Luft aufragt. Die Mittel-Strut zeigt dabei genau nach Luv. Die Sandmenge beziehungsweise das Gewicht sollte so gewählt sein, dass der Kite sicher liegen bleibt

Da­bei muss die Windgeschwindigkeit mit ein­kal­kuliert werden; stärkerer Wind erfordert mehr Gewicht. Nachdem Sonni sich vergewissert hat, dass der Kite sicher liegen bleibt, läuft sie zügig zu ihrer Bar.

Zuerst wird die Safety-Leash eingehakt, da­nach hakt sie den Chickenloop in den Trapez­haken ein. Die Leinen dürfen hierbei noch nicht auf Spannung sein. Sobald sie eingehakt ist, entfernt sie sich auf Halbwindkurs ein paar Schritte rückwärts vom Kite, die Leinen bauen nun Spannung auf.

Anschließend gibt sie einen kräftigeren, aber dosierten Lenkimpuls an der oberen Steuerleine, als es für einen normalen Relaunch am Windfensterrand nötig wäre.

Dadurch kann der Sand langsam in Richtung Abrisskante und anschließend aus dem Kite herausrieseln, bis der Kite sich schließlich vom Boden löst.

Achtung: Für den richtigen Lenkimpuls ist etwas Gefühl nötig, damit die Kraft, die der Kite benötigt, um sich vom Sand zu befreien, richtig dosiert wird. Sobald der Sand beginnt, aus dem Tip herauszurieseln, muss der Lenkimpuls verringert werden, damit der Kite kontrolliert in den Zenit aufsteigt.

Variante 3: Anker-Launch

Bei Methode drei wird der Chickenloop an einem Erdanker befestigt. Der Sand sollte hart genug sein, dass sich der eingeschraub­te Anker nicht lösen kann. Alternativ tut es auch ein Pfahl, der stabil genug ist, um dem Kite ausreichend Widerstand zu bieten.

Praktisch fürs Befestigen ist ein kurzer Tampen mit zwei Haken an den Enden. Damit wird der Tampen am Erdanker befestigt und der Chickenloop in die Schlaufe ein­ge­hängt.

Wieder sind die Leinen bereits auf Halbwindkurs ausgelegt. Ist der Chickenloop sicher befestigt, geht Sonni zu ihrem Kite.

Über die Fronttube richtet sie den Kite in die Startposition auf, bis die Leinen auf Spannung sind. Sonni hält den Kite fest und sucht die korrekte Position am Windfensterrand, sodass der Kite auf Halbwindkurs ausgerichtet stehen bleibt und angeströmt wird. Wenn das Tuch zu sehr flattert, steht sie zu weit in Luv. Drückt der Kite zu stark gegen ihre Hand, steht sie zu weit in Lee.

In der korrekten Position bleibt der Kite nach dem Loslassen auf einem Tip in der Relaunch-Position stehen. Normaler­weise sollte der Kite artig auf dem Tip verharren, doch bei böigem Wind kann es passieren, dass er nach hinten umklappt und in die Powerzone purzelt. Also geht Sonni zügig und in Luv der Leinen zu ihrer Bar. Ohne den Bar-Holm zu berühren, greift Sonni den Depowertampen oberhalb des Quick Release und hakt die Safety-Leash ein. Dann löst sie den Tampen, mit dem die Bar am Erdanker befestigt ist und hakt das Quick Release in ihr Trapez ein.

Die Center-­Leinen stehen dabei die gesamte Zeit unter Spannung, sodass Sonni mit der Hand am Depowertampen kräftig zupacken muss, um den Kite zu halten. Das Einhaken sollte zügig geschehen. Sobald sie eingehakt ist, kann sie den Kite am Windfensterrand in die Luft dirigieren.

Hier geht’s zur Fahrtechnik: Teil 2 – Self Launch