Kiten in Griechenland - das assoziierten wir bisher mit Insel-Hotspots wie Rhodos, Naxos oder Kos. In der Ägäis wütet in den Sommermonaten verlässlich der Hammerwind Meltemi. Für Starkwind-Fans ein Eldorado, Leichtwind-Foiler sind dort allerdings so falsch aufgehoben wie Vegetarier in einer Gyros-Taverne. Die kleine Insel Korfu im Ionischen Meer an der Grenze zu Albanien war für uns bisher terra incognita, die es zu erkunden galt.

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski

Wohin fährt man, wenn man jeden Tag Wind möchte, aber bitteschön nicht zu viel davon? „Checkt mal Korfu!“ empfahl KITE Chef-Tester Michael Vogel. Vor zehn Jahren war er einmal dort und erinnerte sich an die zuverlässig einsetzende, sanfte Thermik am Nachmittag. Gesagt, getan – also auf nach Griechenland!
Nach nur zwei Flugstunden von München setzt die Maschine zum Landeanflug in Kerkyra (Korfu Stadt) an, dreht eine große Schleife über den südwestlichen Teil der Insel und aus dem Fenster blicken wir auf den Korission See mit der schmalen Landzunge, die den Binnensee vom Meer trennt. Dort unten befindet sich die einzige Kite-Station der Insel. Joannis Kavadias, genannt Jannis, gründete dort vor gut zehn Jahren den Kite Club Corfu. Der gebürtige Bayer mit griechischen Wurzeln entschied sich in den Neunzigern, auf die Heimatinsel seines Vaters zu ziehen. „Der Umzug war die beste Entscheidung meines Lebens“, schwärmt Jannis in breitem bayerischem Dialekt. Mit seiner Frau Anita hat sich Jannis in dem kleinen Touristenörtchen Agios Giorgios eine Existenz aufgebaut. Anita betreibt das Harley Café an der Strandpromenade, Jannis kümmert sich um die Surfschule am Chalikunas Beach. Zusammen mit ihrem Sohn vermieten sie einige Ferienhäuser und Wohnungen. Ein deutsch-griechischer Familienbetrieb.

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski

Malerische Kulisse vs. Müllproblem

Vom Flughafen fahren wir eine knappe Stunde über die kurvige Küstenstraße bis zur Station. Zeit genug, um sich einen ersten Eindruck von der Insel zu verschaffen. Und der ist kontrastreich. Die Straße schlängelt sich zwischen kleinen Buchten und den steil aufragenden Bergen der Insel entlang und gibt immer wieder Blicke auf verträumte, tiefblau schimmernde Buchten frei. Doch das Insel-Idyll wird leider von etlichen Müllhaufen, die sich entlang der Hauptstraße stapeln, jäh unterbrochen. „Das Müllproblem hat eigentlich nicht so viel mit der Griechenland-Krise zu tun“, erklärt uns Jannis. Der Staat habe zwar beim Personal der Müllabfuhr drastisch gekürzt, doch das eigentliche Problem auf Korfu läge in der Lokalpolitik. Der Stadtrat habe sich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, als beschlossen wurde, im Süden der Insel eine neue Mülldeponie zu eröffnen. Das schmeckt dem dortigen Bürgermeister und den Einwohnern überhaupt nicht. Denn die wollen nicht auf den Müllbergen sitzen bleiben, wenn die Deponie irgendwann voll ist. Volle Mülltonnen, leere Versprechungen, harscher Protest, keine Lösung in Sicht – schlechte Lokalpolitik, die der Schönheit der Insel ein paar ordentliche Kratzer verpasst hat. Doch ist das Problem in den Außenbezirken der Hauptstadt Kerkyra deutlich akuter als in der dünn besiedelten Region um den Korission See.

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski

Die Sache mit den Oliven

Wir kurven durch endlos wirkende Olivenhaine in Richtung Strand. Oliven und Olivenöl bilden neben dem Tourismus eine wichtige Einkommensquelle. Einige Bäume sind über 1000 Jahre alt und wirken mit ihren mächtigen, verwurzelten Stämmen anmutig und geheimnisvoll zugleich. „Die Wirtschaftskrise sieht man am ehesten den Olivenbäumen an“, erzählt Jannis beiläufig. Wir blicken ihn fragend an, denn die Insel scheint damit üppig bewachsen. „Viele junge Korfioten haben von ihren Eltern und Großeltern ein paar Olivenbäume geerbt. Ihnen fehlt entweder die Wertschätzung oder es ist ihnen zu anstrengend, die Bäume zu bewirtschaften. Die Olivenernte ist aufwendig, für einen Liter Öl benötigt man fünf bis zehn Kilogramm Oliven. Während der Wirtschaftskrise kamen italienische Firmen auf die Insel und boten den Eigentümern ein paar tausend Euro, um die Bäume abholzen zu dürfen. Wenn man dringend Geld braucht, ein verlockendes Angebot, aber nicht besonders weitsichtig.“ Viele Bäume wurden stark beschnitten oder ganz gefällt, das harte Olivenholz nach Italien exportiert. Der Rohstoff ist dort begehrt – italienische Pizzabäcker befeuern damit gerne ihre Öfen.

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski

Ab 14:00 Uhr geht's los

Die schmale Teerstraße wird schließlich von einem Schotterweg abgelöst, der sich entlang einiger kleiner Strandbars und Sonnenschirmkolonien am Strand entlang schlängelt, bis wir schließlich vor Jannis Kite Club halten. Es ist gerade elf Uhr, die Sonne brennt heiß auf den Strand herunter. Jannis bemerkt unsere leicht enttäuschten Minen, als wir das Meer sehen. Nicht die geringste Kräuselung auf der Wasseroberfläche. „Geht erst mal Frühstücken, ab 14:00 Uhr geht´s hier los,“ beruhigt er uns. Der Spot lebt im Sommer von der Thermik – ideal für Langschläfer. Morgens bläst der Wind meist schräg ablandig aus östlichen Richtungen, dreht dann langsam auf West und sobald am frühen Nachmittag Nordwest anliegt, zieht die Thermik langsam an. Die dunklen Hügel im Hinterland sind normalerweise ein zuverlässiger Windmotor – wenn die Grundströmung passt. Dann kann man zu den vorhergesagten acht bis zehn Knoten aus Nordwest  am Nachmittag immer ein paar Knoten dazu rechnen. Das funktioniert umso besser, je klarer die Luft ist. An guten Tagen seien dann auch über 20 Knoten drin. 

Wir verstauen unser Testmaterial und fahren einmal außen um den See herum nach Agios Georgios. In dem kleinen Touristenörtchen befinden sich die Hotels und Ferienwohnungen in der Region, außerdem etliche Restaurants, Bars und Cafés. Der Ort wirkt verschlafen, Mitte September ist bereits Nachsaison. In Agios Georgios wurden in den Siebzigern und Achtzigern viele Gebäude ohne Genehmigung gebaut. Sobald ein Haus ein Dach hatte, durfte es stehen bleiben. Je nachdem, ob Wahlen anstanden, gab es alle paar Jahre für die Schwarzbauten eine Generalamnestie – Wahlgeschenke für bauwütige Griechen. Dadurch entwickelte sich die Infrastruktur nur langsam, dennoch wirkt der Ort viel aufgeräumter und sauberer als die Hauptstadt. Nur die Touristenmeile mit ihren Bars und Restaurants versprüht einen Hauch Neunzigerjahre-Charme. Viel modernisiert wurde hier in letzter Zeit nicht.

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski

Auf der Packliste: Leichtwindkites oder Foil

Im Harley Café werden wir von Anita herzlich begrüßt. Wer eine Übernachtung ohne Verpflegung bucht, kann auf ihrer Terrasse gut und zu moderaten Preisen essen. Wir genießen ein spätes Frühstück mit Blick aufs Meer und besprechen die Testplanung und Fotoliste. Als wir bemerken, dass der Wind sanft in den Bäumen raschelt, sehen wir draußen auf dem Meer schon die ersten Schaumkronen. Zurück ins Auto und rund 20 Minuten später stehen wir wieder an der Station. Schneller geht es mit dem stationseigenen Boot, mit dem Jannis seine Gäste vom Harley Café zur Station chauffiert. Niko, einer der Kitelehrer, hat bereits einen Siebzehner aufgebaut. Leichtwindmaterial mit vierzehn Quadratmetern und mehr sollte man bei einem Korfu-Trip definitiv im Gepäck haben. Oder wie wir: Zwölfer Kites und ein Foil, denn der Spot eignet sich für Foiler und Freerider gleichermaßen gut.

Den langen Sandstrand teilt man sich mit nur wenigen Badegästen. Direkt vor der Station wird im Sand aufgebaut und gestartet. Der durch Bojenketten markierte, gut 100 Meter breite Channel vor der Station dient eher der Befriedung der Küstenwache, die in Griechenland offenbar gerne Auflagen macht, an die sich sowieso niemand hält. Interpretiert man diese schwimmende Grenze mehr griechisch als deutsch, genießt man ein mehrere Kilometer großes Kiterevier, in dem sich kaum andere Kiter tummeln. Die meisten Gäste sind Kiteschüler, die im etwa 50 Meter breiten stehtiefen Bereich ihre Flugübungen und Wasserstarts absolvieren. Am frühen Nachmittag kommt der Wind leicht side-onshore, später genau sideshore, bis er abends auf side-off dreht. Weil der ablandige Wind am Morgen die Piste glattbügelt, tummeln sich kleine Kabbelwellen erst am späten Nachmittag oder weiter draußen auf dem Meer. Der sandige Meeresboden fällt sanft ab, bis das glasklare Wasser in einen tiefblauen Ton wechselt. Trotz des tiefen Wassers ist die Oberfläche auffallend glatt – für Foiler, Freerider und Freestyler eine wunderbare Spielwiese. Richtige Wellen bekommt man hier nur hin und wieder in den Wintermonaten geboten. Bei starkem Südwind könne sich der Windswell hier bis zu masthohen Wogen aufschaukeln, erklärt uns Jannis.

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski

Lefkimi: Geheimspot bei Ostwind

Nach zwei guten Testtagen mit konstantem Foil-Wind zwischen acht und zwölf Knoten, wird der Himmel diesig und die Thermik gerät ins Stottern. „Das ist ungewöhnlich für diese Zeit, normalerweise geht hier fast jeden Tag etwas,“ versichert uns Jannis. Wir nutzen die Windpause für einen Erkundungstrip über die Insel. Jannis zeigt uns seinen Geheimspot für Ostwindtage in Lefkimmi – kein offizieller Spot, aber kitebar. Der urige Ort liegt vor einer Landzunge am südöstlichen Ende der Insel und wirkt ursprünglicher als Agios Georgios. Schmale verwinkelte Gassen, winzige alte Häuser, kaum Touristen. Neben dem kleinen Fischereihafen findet man ein paar alte Salinen, in denen weiße Flamingos herumstarksen. Die künstlich angelegten Becken zur Salzgewinnung werden von einem schmalen Strand vom Meer getrennt. „Bei Ost ist die Bucht sensationell. Dann kommt der schräg ablandige Wind frei über Land, sodass das Wasser spiegelglatt bleibt.“ Nur regt sich heute kein Lüftchen, also müssen wir uns mit einem kurzen Besichtigungsstopp zufrieden geben.

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski

Sightseeing-Tipps für no-wind-days

Da die Windvorhersage für den nächsten Tag ebenfalls nicht überwältigend aussieht, brechen wir vor der Mittagshitze auf, um die kurvige Bergstraße nach Chlomos hinaufzufahren. Oben wird man mit einem beeindruckenden Rundumblick über die halbe Insel belohnt. Außer einigen Tavernen, kleinen Geschäften und einer Kirche, die ein paar Touristen anlocken, bekommt man in dem Bergdorf einen authentischen Eindruck vom „echten“, nicht-touristischen Korfu. Wer sich sportlich austoben möchte, leiht sich ein Mountainbike und pedaliert den Berg hinauf. Auf der Rückseite rollt man die steile Straße hinunter bis zum Meer, um dann in einem weiten rechtsbogen über sanfte Hügel und durch Olivenhaine wieder zurück nach Agios Georgios zu gelangen.

Wer abends Abwechslung sucht, fährt in die Altstadt von Kerkyra. Die alte Festung und der Yachthafen bilden eine hübsche Kulisse für den Sonnenuntergang. Hier dümpeln kleine, große und monströse Yachten im Wasser. Die Pole-Position hat sich die 143 Meter lange „Sailing Yacht A“ gesichert. Hinter dem puristischen Namen verbirgt sich das wohl protzigste Segelschiff der Welt – übrigens made in Kiel. Der Dreimaster sieht aus, wie aus einem Science-Fiction-Film entsprungen, gehört einem russischen Milliardär und wirkt vor der antiken Kulisse merkwürdig deplatziert. Wir schlendern nach Sonnenuntergang noch ein wenig durch die Altstadt, genehmigen uns in einem der typischen Touristenrestaurants ein viel zu teures, aber leckeres Gyros und treten spät abends den Heimweg durch die belebten, kleinen Straßen an.

Danke, Aiolos!

Am letzten Tag zeigt sich Aiolos, der griechische Gott des Windes, wieder gut gelaunt. Das lokale Wettersystem hat sich normalisiert, der Dunst ist verzogen. Pünktlich um 14:00 Uhr dreht der Wind auf Norwest und die Thermik springt an. Wir spulen fünf Stunden nonstop unser restliches Foto- und Testprogramm ab, packen abends in Rekordzeit unsere Bags und hetzen zum Flughafen. Nicht besonders entspannend, aber dafür erfolgreich. Dass die Abflughalle des kleinen Flughafens völlig überfüllt ist und wir eineinhalb Stunden lang in drei verschiedenen Schlangen anstehen, ertragen wir mit stoischer Ruhe. Der Trip war zu gelungen, um sich über so etwas aufzuregen. Für den nächsten Leichtwindtest haben wir Korfu definitiv wieder auf dem Zettel.

Gut zu wissen

Anreise: Von vielen deutschen Flughäfen geht es in zwei bis zweieinhalb Stunden nach Korfu Stadt. Von dort entweder mit dem Taxi (ca. 50 Euro pro Strecke) oder Mietwagen (rund 200 EUR pro Woche) gut 45 Minuten bis nach Agios Georgios.

Unterkunft: Die deutschen Kite-Reiseanbieter haben Korfu nicht auf dem Zettel, komplette Kite-Packages inklusive Kurs, Flug und Unterkunft gibt es nicht. Jannis und Anita vermieten eigene Ferienwohnungen und Bungalows in Agios Georgios, alternativ gibt es einige Hotels im Ort.

Windbedingungen: Thermischer Wind, der am frühen Nachmittag zwischen 13:00 und 14:00 Uhr einsetzt und bis in die frühen Abendstunden kitebar ist. Leichtwindkites zwischen 14 und 17 Quadradmetern gehören unbedingt ins Gepäck, an guten Tagen kann der Wind mal an der 20-Knoten-Marke kratzen (s.a. Windstatistik für Korfu bei Windguru).

Revier & Station: Großzügiges Freeride- und Foilrevier mit langem Sandstrand. Die ersten 50 Meter sind stehtief. Havaristen werden vom stationseigenen Boot eingesammelt. Doch auch ohne Boot kommt man in der langgezogenen Bucht bei sideshore Wind immer zurück ans Ufer. Kite-Grundkurs ab 276 Euro, Rental und Storage gibt es beim Kite Club Corfu. Die Station ist einfach und zweckmäßig eingerichtet: Storage, Dusche, Umkleide, schattige Sitzecke, aber keine Gastro. Das Dixie-Klo mit Wasseranschluss in den Dünen ist nicht jedermanns Sache, erfüllt aber seinen Zweck. Guten Kaffee, kalte Getränke und Snacks gibt es bei der Strandbar nebenan (ca. 100 Meter).

Tipp: Dinner mit ausgezeichneter, lokaler Küche und spektakulärer Aussicht im Restaurant Archontiko. Nicht leicht zu finden, daher bei Google Maps „Archontiko Korfu“ suchen (Ort: Chlomatiana, ca. 15 Minuten außerhalb von Agios Georgio).

Kiten auf Korfu
Foto: Hans-Martin Kudlinski