„Du brauchst Arme aus Stahl, Nerven wie Drahtseile und außerdem musst du einstecken ­können wie ein Rummelboxer. Immer noch Lust auf Kitesurfen? Cool, hier ist dein Zeug! Wie es funktioniert, findest du schon irgendwie heraus.“ So oder so ähnlich dürften sich einige der ­ersten Kiter Deutschlands gefühlt haben.

Wipika-Tubekite

Ende der 90er schwappte die Kite-Welle allmäh­lich über den Atlantik auch an die heimischen Strände. Nur stand die Faszination für den neuen Sport zunächst eine ganze Weile allein am Strand. Brauchbares Material? Fehlanzeige. Schu­lungen? Lachhaft, denn den Ritt auf der Rasierklinge beherrschten gerade einmal ein paar ­Dutzend Freaks. Keine Depower, kein Quick Release – nur ein bockiger Kite, eine Lenkstange und ein paar Pioniere mit dem unbedingten Willen, es Ikonen wie Robby Naish gleichzutun. Heute, gut 20 Jahre später, sind Norman Falkenberg und Axel Reese immer noch fasziniert vom Kiten – obwohl (oder weil) sich seitdem viel gewandelt hat. Für KITE kramen die beiden in ihren Erinnerungen an damals.

Norman Falkenberg erinnert sich

Mit Surfen hatte ich nie etwas zu tun, (Lenk-)Drachenfliegen war meine Pas­sion. In den 90ern zogen die großen Drachenfeste in Cuxhaven, Damp oder Brasilien bei Kiel Zehn­tau­sende Besucher an – eine Riesen­show. Seit ich zwölf Jahre alt war, fliege ich Lenkdrachen, mit 14 begann ich, Drachen selbst zu nähen, circa 1995 auch die ersten Vierleiner-Lenkmatten zum Buggyfahren und Powerkiten.

Ende 1997 sah ich in Drachen- und Surf­heften als Randnotiz Bilder von Laird Hamilton mit Drachen und ste­hend (!) auf einem Board. Inspiriert und motiviert besuchten wir im darauffolgenden Sommer Oli, den Betreiber der örtlichen Surfschule „Wassersport Brasilien“, und liehen uns ein Directional Wakeboard. Mit 4,5 Quadratmetern Segeltuch an vier Leinen kiteten wir an diesem Tag im Sommer 1998 unsere ersten Meter. Weder live noch als Video hatten wir es bis dato gesehen. Sehr wahrschein­lich entjungferten wir an diesem Tag den Spot Brasilien. Nach diesem ersten Erfolg schraubten wir zwei Stücke Autogurt als Schlaufen auf ein ausgemustertes Skateboard-Deck. Der Versuch, damit zu „kite-surfen“, scheiterte jedoch kläglich. Rückblickend brauchten wir eine Ewigkeit, um zu realisieren, dass der erforder­li­che Zug auf dem Wasser um ein Viel­faches höher sein muss als bei jeglicher Kite-Aktivität an Land. Es gab wirklich niemanden, von dem wir hätten lernen können.

Norman Falkenberg kitet in den 90er Jahren

Die Kraft des Windes nutzen

Meinen ersten Speedwing-Lenkdrachen nutzte ich schon 1990, um mit dem Skateboard über den Deich zu segeln. Versuche mit Fahrrad, Skiern, Schlauchboot und Inline-­Skates folgten. Mit dem ­Kitebuggy, erfunden von Peter Lynn circa 1990, wurde es üblich und erstmals auch etwas „cooler“, die Kraft der Lenkdra­chen sportlich zu nutzen. In der Drachenszene gab es schon früh Versuche, den Sport auch aufs Wasser zu bekommen. Die erste „Kitesail-Regatta“ fand 1994 beim Drachenfest Brasilien/Kiel statt – mit von Peter Lynn konstruierten Trimaranen. Die ersten Erfahrungen im Wasser machte ich zusammen mit meinem Freund und Bruder im Geiste André, den ich passenderweise beim Drachenfliegen kennenlernte. Mit unseren Vierleiner-Matten ließen wir uns schon 1996 bei Ostwind regelmäßig per Bodydrag drei Kilometer vom Schönberger Strand nach Kalifornien ziehen.

Norman Falkenberg kitet in den 90er Jahren

Lehrjahre

Schnell lernten wir Jürgen Thomsen kennen. „Der Bäcker“ hatte immer das neueste Equipment und war täglich der Erste am Strand. Zu zweit kauften wir Jürgen Ende 1998 sein rotes F-One Kiteboard ab, zu diesem Zeitpunkt eines der beiden einzigen Serienbretter (in Rot 2,15 Meter lang, in Gelb 2,30 Meter). Zwei weitere Begegnungen fallen mir heute noch sofort ein. Im April 1998 fuhren wir in Heidkate vom Parkplatz, als uns ein anderes Auto mit Kiteboard entgegenkam. Völlig überrascht stoppten wir beide. So lernten wir Andy Wirtz kennen (Norden Surfboards), der irgendwo ein fliegendes Matten-­Ungetüm namens OWL aufgetrieben hatte. An einem anderen Tag im Mai ’99 – wir hatten gerade eingepackt und es dämmerte schon – fuhr ein Hamburger Porsche 944 Cabrio vor, ein Wakeboard auf den Rücksitzen. Ein blonder Lockenkopf stieg aus, der sich vor lauter Begeisterung übers Kitesurfen förmlich überschlug. Der Wind hatte nachgelassen, wir liehen ihm unser Board und er pumpte seinen 8,5-qm-Zweileiner-Wipika auf. Dann fuhr er souverän inklusive Halsen hin und her. Wir standen mit offenen Mündern auf dem Deich. Er verlor viel Höhe, aber es war die erste Performance, die wir live zu sehen bekamen. Die Begegnung mit Christian Rogge, Computerspezialist, Hardcore-Windsurfer, Halbjahres-Hawaiianer und allgemein ein positiver Freak, gab ­einen Vorgeschmack auf die Szene, die sich in den nächsten Monaten und Jahren entwickelte.

Kite-Equipmentin den 90er Jahren

Equipment aus der Steinzeit

1999 bekam ich vom Kieler Drachen­laden „Höhenflug“ einen 5-qm-Zweileiner-Wipika-Tube­kite als Leih­­gabe. Die Leistung war im Vergleich zu unseren Selbstbau-­Matten gering und der Aufbau ziemlich umständ­lich. Mit unserem Back­ground lan­de­te der Drachen eh nie im Wasser und so nutzten wir bis zum Sommer 2000 unsere Matten zum Kiten. Die anfängliche Steuerung per Vierleiner-Griffen mit Rückengurt demontierten wir bald, besorgten ein Trapez und knüpften die Leinen an die Wipika-Bar, die Backlines außen, die Frontlines etwas weiter in die Mitte. Beim Springen und beim Start hakte man sich übrigens bis Anfang 2000 in der Regel aus dem Trapez aus. In den frühen 2000er-Jahren gab es auch den merkwürdigen Trend, mit langer Hose über dem Neo zu ­kiten. Flash Austin, der erste Weltmeister, hatte uns mit seinem Style dazu ­animiert.

Zeitungsartikel über Norman Falkenberg
Artikel in der NRZ am Sonntag vom November 1999

Es entwickelte sich etwas

In den ersten Jahren grenzte das In­­teresse der sonstigen Strandbesu­cher an Belästigung und auch die Medien wurden aufmerksam. Im Herbst 2000 landeten sogar Bilder von mir im „Playboy“. Jeder wollte erklärt bekommen, was wir auf dem Wasser veranstalten. Einen einheitlichen Namen für unseren Sport gab es anfangs ebenso wenig wie Kiteschulen, Kiteshops, Internetforen, Safety, One-Pump, Vierleiner-Tubekites, Twintips, Print-Magazine und so weiter – heute unvorstellbar.

Anfang 1998 gab es in Kiel circa fünf Pio­niere, im Laufe 1999 in Nord­deutsch­land etwa zwei Dutzend Leute, die mit dem Kiten anfingen. Bis zum Frühsommer 2000 hatte sich in Kiel und Wilhelmshaven schon eine kleine Szene gebildet, die im Laufe des Jahres schnell wuchs. Unter anderem Henning Nockel, bis dato Windsurf-Profi, und Bastian Langer, später mehrmaliger deutscher Kite-­Meister, waren früh dabei. Wenn wir zu fünft zeitgleich auf dem Wasser waren, war das danach ein Gesprächsthema für uns.

Damals vs. heute

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!“ Dieses Zitat bringt es ziemlich genau auf den Punkt. Konkret er­innere ich mich, dass die frühe Szene den Kite-Lifestyle 24/7 lebte. Bedingt auch durch fehlende präzise Windvorhersagen (damals Videotext) traf man sich immer am Strand und hoffte auf Wind. Nach der Ses­sion blieb man noch, quatschte lange und häufig übernachteten wir am Strand oder feierten zusammen Partys. Heute gleicht eine Kite-Ses­sion häufig schon eher einem Besuch im Fit­ness­studio oder Sportverein: Man fährt nur raus, wenn der Wind passt, geht dann aufs Wasser und düst danach direkt wieder nach Hau­se. Spannender wa­ren anfangs auch die neuen Produkte, es gab in kurzen Abständen Quantensprünge bei der Perfor­mance und echte Neuentwicklungen; dage­gen ist es heute fast langweilig. Allerdings sollte sich jeder über den heutigen Stand der Safety-Einrichtungen freuen. Rückblickend waren wir so etwas wie das „Kanonenfutter“ des Kitesports. Zum Glück gingen die meisten – aus heutiger Sicht vermeidbaren – Unfälle glimpflich aus! Ein Riesenthema war bis in die frühen 2000er übrigens das Verhältnis zwischen Windsurfern und Kitern. Während uns heute niemand mehr infrage stellt, belächelt oder gar beschimpft, haben frühere Magazine ganze Artikel dieser damaligen Hassliebe gewidmet.

Norman Falkenberg kitet in den 90er Jahren

Das Ende der Pionier-Zeit

Anfang 2000 machte die Runde, dass Uwe Schröder (gleiten.tv) aus Berlin eine Kitesurf-Meisterschaft durchführen wird mit einer Profiwertung für geladene Fahrer, auch aus Übersee, und einer Amateurwertung. Erst­mals trafen sich im Juni 2000 in Neuhaus am Darß deutsche Kite­sur­fer aus un­terschiedlichen Städten. Der Event platzte nahezu vor Eupho­rie der Teilnehmer. Die Stimmung auf diesem „Ur-Event“ kann man kaum beschreiben, Gleiches gilt für die Partys.

Persönlich endet für mich hier die Pionierphase. Ich gewann mit einem ausgehakten Sprung von 2,7 Sekunden die Hang­time-Session auf dem Bodden und somit die Amateurwertung. Der erste Preis war ein Sponsoring-Vertrag von Windtools. Damals produzierte Windtools einen Softkite, dessen Luft­eintrittsöffnungen serienmäßig mit abgeschnittenen Kondomen als Rückschlagventil ­ausgestattet waren. André bekam kurze Zeit später einen Vertrag bei Gun Sails, die kurzzeitig auch Kites produzierten.

Axel Reese kitet in den 90er Jahren

Axel Reese erinnert sich

Die Geschichte des Kitesurfens ist für mich zugleich die Geschichte der französischen Brüder Bruno und Dominique Legaignoux. Mit sehr viel Leidenschaft und Herzblut haben sie das Kitesurfen mit ihren Entwicklungen um den „Tubekite“ vorangetrieben und die ersten Kites unter dem Markennamen Wipika verkauft. Aber wie sahen die Anfänge bei uns in Norddeutschland aus?

Vom Windsurfen zum Kiten

Ich bin noch Ende der 90er-Jahre leidenschaftlicher Windsurfer gewesen, hatte bei der damaligen Boardmarke HiFly als Product- und Marketingmanager gearbeitet und an den nationalen Regatten des Deutschen Windsurf Cup und auch mal am World Cup auf Sylt teilgenommen. Mit Wolle Ricke und Bernie Hiss ging es im November 1998 zum Windsurfen nach Maui. Nachmittags haben wir regelmäßig Robby Naish und Don Montague [dama­li­ger Windsurf-Segeldesigner bei Naish; Anm. d. Red.] am North Shore getroffen, die eifrig am Kiten waren. Ich erinnere mich, dass Robby am Strand immer wieder Höhe laufen musste! Häufig kamen wir mit den bei­den ins Gespräch, so spannend und faszinierend wirkte das Kite­surfen mit den schon damals ho­hen Sprüngen auf uns. Das war beim Windsurfen – insbesondere mit nur mittleren Windstärken und ohne hohe Wellen –, doch gar nicht möglich. Wir löcherten Don und Rob­by übers Material und fragten, wie man es bloß lernen könnte, denn wir konnten sonst nichts darüber in Erfahrung bringen. Kite­surf-Fach­magazine oder Youtube und so weiter gab es noch gar nicht. Und obwohl ich noch so tief im Wind­surfen verwurzelt war, wollte ich unbedingt Kiten lernen!

Axel Reese kitet in den 90er Jahren

Skepsis der Windsurf-Marken

Robby hatte das Patent von Bruno Legaignoux bereits beantragt, war aber noch längst nicht so weit, um Naish Kites liefern zu können. Wieder zurück in Deutschland hatte ich vergeblich versucht, in Surfshops und Drachenläden einen Kite zu kaufen. Was nun? Ich rief Bruno Legaignoux in Frankreich an, der mir einen Neuner-Wipika mit Bar zur boot Messe im Januar 1999 mitbrachte. Er freute sich wohl selber – zum damaligen Zeitpunkt mit kaum 50 Kitesurfern in Deutschland – über jemanden, der ihm so einen Tubekite abkaufte. Es war ein Neuner, der mit Bar 1.100 DM kostete. In der Windsurfhalle der boot unterhielten wir uns und er erklärte mir freudestrahlend, wie man den Kite an Land oder aus dem Wasser starten könne.

Ich saugte wirklich jedes Wort auf. Kitesurfen war auf der Messe boot im Januar 1999 noch gar nicht exis­tent und auch die großen Windsurf-Marken hatten sich bislang in keiner Weise für die neue Wassersportart interessiert. Keine Marke glaubte daran, dass Kiten einmal gute Absatzzahlen mit sich bringen würde. Das machte es Bruno auch so schwer, in Deutschland überhaupt einen Importeur für seine Wipika Kites zu bekommen. Zum Abschluss des Gesprächs fragte er nach einem Vertrieb in Deutschland, der seine Wipika ­Kites verkaufen könnte. Endlich hatte ich also einen Kite in den Händen, aber wie sollte ich an ein Board kommen? Kiteboards waren damals auf dem Markt kaum zu bekommen. Wochen später schaute ich mir bei Jürgen Thomsen in Preetz bei Kiel so ein Kiteboard an. Wir kannten uns schon einige Jahre vom Windsurfen und er hatte bereits ein Jahr zuvor an unserem Home-Spot Heidkate mit dem Kite­surfen angefangen. Jürgen gab mir Tipps mit auf den Weg und Tage später baute ein Custom-Shaper in München nach den zusammengesuchten Angaben ein Kiteboard, das man heute als ­Wave­board bezeichnen würde, also ein 6’0er-Directional mit drei Fußschlaufen und Thrus­ter-Finnen.

Ein Kiter in den 90er Jahren

Harte Schule

Bei meinen ersten Versuchen in Heid­kate ging fast gar nichts vorwärts. Jürgen Thomsen und Norman Falkenberg stellten sich weitaus geschickter an. Beide hatten sich vollends dem Kiten verschrieben und Norman kam zusätzlich zugute, dass er bereits Erfahrungen mit Lenkdra­chen gesammelt hatte. Für mich waren die Kite-Sessions in den ersten Jahren sehr schwierig und Erfolgserlebnisse rar. Umso mehr brenzlige, wenn nicht gar äußerst kritische Situationen musste ich durchstehen. Der Wind passte irgendwie nie und wenn, dann war ich mit dem Zweileiner-Kite völlig überfordert. Böen knallten voll in den Kite und Depower-Systeme gab es nicht. Die Bar bestand damals aus einer einfachen Rohrstange, an der die beiden Leinen befestigt wurden. An dieser Stange baumelte ein Trapeztampen, wie wir ihn auch beim Windsurfen benutzten. Depowern: unmöglich!

Ich erinnere mich, dass in Heidkate eine Schauerfront durchzog und ich bei dem auffrischenden Westwind mit Vollgas auf eine Mole zuraste! ­Irgendwie griff im letzten Moment die Kante vom Board, wodurch ich eine Kollision mit der Mole gerade noch abwenden konnte. An einem anderen Tag zog mich vor Fehmarn eine Bö – mit dem Kite auf 12 Uhr – zwei Meter aus dem Wasser. Nach solchen Schockmomenten packte ich nur noch mein Zeug zusammen und verschwand kleinlaut vom Spot.

Aus einer Handvoll werden Zehntausende

Den Kitern der ersten Stunden ist wohl gemein, dass sie vom Windsurfen oder vom Buggyfahren kamen und sich mit viel Herzblut ins Kiten hineinknieten – diesen damals so schwierigen Sport. Heutzutage werden im Pauschalurlaub Kitesurf-Einsteigerkurse angeboten und man macht seine ersten Meter mal so nebenbei. Durch bahnbrechende Innovationen ist das Kitesurfen so groß geworden. 1999 gab es vielleicht zwei Dutzend Kitesurfer an Norddeutschlands Küsten – heute sind es allein in St. Peter-Ording an einem windigen Sommertag mehrere Hundert Kiter. Noch krasser sieht man die Entwicklung an internationalen Hotspots wie Brasilien. Im November 2002 haben wir während unseres ersten Kitesurf-Trips über zwei Wochen zwischen Cumbuco bis hoch nach Paracuru nur eine Handvoll Kite­surfer angetroffen. Heute zieht es jedes Jahr mehrere Zehn­tausend Kitesurfer an die brasilianische Küste. Eine so rasante Entwicklung ­haben wohl kaum andere Sportarten durchlebt.