Heinz Kummerfeld lässt sich von seiner MS-Erkrankung nicht von seiner ­Leidenschaft abhalten. Kitesurfen ist für den Hamburger mehr als nur ein Hobby. Es hilft ihm, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Wir haben ihn gebeten, für uns auf­zuschreiben, wie Kiten als Therapie funktionieren kann.Text & Fotos: Axel Reese

Portrait von Heinz Kummerfeld

Heinz Kummerfeld strahlt mich an: „Kitesurfen macht mir doch so viel Spaß! Ach, besser noch, das hat bei mir oberste Priorität.“ An unserem Home-Spot St. Peter-Ording ist er so häufig anzutreffen wie sonst nur wenige. Seit vier Jahren ist der mittlerweile 64-Jährige in Rente und man spürt sofort seine enorme Leidenschaft fürs Kiten und wie viel es ihm bedeutet, auf dem Wasser sein zu können. „Multiple Sklerose“, sagt Heinz, „diese Scheiß-Diagno­se, schränkt mich zwar ein, aber es zählt nicht die Könnensstufe, das Alter oder die Krankheit, sondern nur der Spaß auf dem Wasser.“

Die Autoimmunerkrankung ist tückisch, sie greift das zentrale Nervensystem an. Multiple Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark zerstören die Nervenfasern. Die Folge: Be­we­­gungs­impulse kommen nur verzögert oder gar nicht mehr bei den Muskeln an. Umgekehrt können sensorische Reize nicht mehr richtig im Gehirn verarbeitet werden. Beides führt langfristig zu Bewegungs- und Empfindungsstörungen. Dazu kommen weitere Beschwerden, die bei jedem Patienten unterschiedlich ver­lau­fen können. „Die Krankheit der tausend Gesichter“ wird MS deshalb auch oft genannt. Keine gute Voraussetzung also, um eine komplexe Sportart wie Kitesurfen auszuüben. Doch davon lässt sich Heinz nicht unterkriegen. Mit unerschöpfli­cher Mo­ti­va­tion und ein wenig Er­fin­dungs­reich­tum will er seinen Traum auf dem Wasser, so lange es geht, wei­ter­leben. Genau das macht seine Geschichte so inspirierend und bewundernswert. Die positive Energie von Sonne, Wasser, Wind und Bewegung ist das, was Heinz so sehr auflädt. „Schau dir diese Weite des Strands an und die Wolkenformationen mit der tief stehenden Sonne, das ist doch herrlich!“ Sein Motto: „Geht raus aufs Wasser und macht etwas!“ Wir haben Heinz gebeten, für uns aufzuschreiben, wie er mit seiner Krankheit umgeht und welche Lösungen er sich fürs Kitesurfen überlegt hat.

Heinz Kummerfeld kitet mit einem Board von Carved
Heinz Kummerfeld ­kitet trotz seiner MS-­Erkrankung regelmäßig. Der Sport hilft dabei, den Muskelabbau zu verlangsamen

Wichtigste Faktoren: Gezieltes Training und das richtige Material

2011 bekam ich die Diagnose „primär progrediente Multiple Sklerose“. Meine Hoffnungen, den Wassersport noch lange ausüben zu können, schienen zunächst mal begraben zu sein. Glücklicherweise kam es anders. Mittlerweile bin ich 65 Jahre alt – und kitesurfe immer noch. Bei meiner Erkrankung ist haupt­sächlich die rechte Körperhälfte betroffen. Das bedeutet, mein rechtes Bein, mein rechter Arm sowie rechter Fuß und rechte Hand können kaum Kraft aufbringen. Dazu entwickelte sich eine Fußheberschwäche im rechten Fuß. Das alles machte Kitesurfen fast unmöglich. Aber eben nur fast.

Um trotzdem Kiten zu können, sind zwei Faktoren ausschlaggebend: mein Körper und mein Ma­te­rial. Bei­des muss bestmöglich auf meine besondere Situation an­ge­passt funktionieren. Für meine physische Konstitution habe ich während einer sechswöchigen Reha-­Behandlung professionellen Rat bei Ärzten und Krankengymnasten eingeholt. Dabei habe ich mir ei­nen Trainingsplan erstellt, der im We­­sent­lichen aus Kraft­training und Deh­nungs­übungen besteht. Das Ziel dahinter ist es, den Muskelabbau in den betroffenen Bereichen zu ver­lang­samen. Ohne tägliches Training geht da gar nichts.

Detail des custom made Board von Heinz Kummerfeld
Den selbst gebauten Fersen-Strap benö­- tigt Heinz, um in Kab­bel­was­ser nicht aus den Fuß­schlaufen zu rutschen

Custom-Board und Self-Made-Strap

Außerdem habe mit unterschiedlichem Kite-Stuff experimentiert. Bei der Auswahl des für mich richtigen Kite-Materials habe ich mich intensiv mit Boardlängen und -breiten beschäftigt. Dabei hat mir natürlich die Expertise meines Sohns Tim geholfen. Tim ist Kite-Profi und verfügt dementsprechend über viel Know-how in Bezug auf Shapes und Kons­truk­tionen. Um meine Schwäche im rechten Bein auszugleichen, benötige ich ein Kiteboard, das ich ohne viel Kantendruck fahren kann. In Zusammenarbeit mit Marc Schütze von Core Kiteboarding (Produktion Boards) habe ich mir ein Carved Imperator 128×39 bauen lassen, bei dem der Laminataufbau so gewählt wurde, dass das Board noch leichter und weicher wurde, also mehr Flex und mehr Rocker hat. Dadurch muss ich beim Fahren deutlich weniger Kraft und Kantendruck aufbringen. So kann ich meine Fußheberschwäche ein Stück weit ausgleichen, da ich ja nicht so gut wie andere Kiter die Zehenspitzen ­anziehen kann, um das Board ­aufzukanten.

Die Fußheberschwäche führte noch zu einem weiteren Problem. Beim Fahren, insbesondere in Kabbelwasser oder wenn eine Welle von hinten schiebt, ist mir ständig der rechte Fuß aus der Bindung gerutscht. Um das zu lösen, musste ich ein wenig tüfteln. Da ich aufgrund meiner Einschränkungen nicht mit Boots fahren kann, habe ich mir an der rechten Fußschlaufe einen flachen Gummispanngurt aus dem Baumarkt montiert, den ich über die Ferse ziehen kann. Dieser „Fersen-Strap“ hält den Fuß in der Schlaufe und gibt ihm den nötigen Halt. Bei Stürzen rutscht er von der Ferse, also verursacht das auch kein Problem in Bezug auf ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Als Kites habe ich mir Schirme ausgesucht, die sehr einfach zu fahren sind und trotzdem viel Spaß machen. Für mich sind geringe Bar-Kräfte wichtig, um möglichst ermüdungsfrei lange auf dem Wasser bleiben zu können. Dennoch brauche ich ei­ne gute Rückmeldung vom Kite an der Bar, um ihn präzise steuern zu kön­nen. Dafür nutze ich aktuell den ­Nexus von Core.

Heinz Kummerfeld geht am Strand von St. Peter Ording

„Die positiven Effekte von Sport bei MS-Erkrankungen sind wissenschaftlich erwiesen. Meine Ärzte befürworten, dass ich regelmäßig kite.“ 

Kitesurfen als Therapie

Natürlich hilft es, so regelmäßig wie möglich zu kiten, um die Körperkraft und Sensorik so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Man muss nicht nur an der eigenen Fitness ar­bei­­ten und seine Belastbarkeit rich­tig einschätzen können, sondern auch koordinative Fähigkeiten trai­nieren. Das verbessert die Kon­trolle beim Kiten. Seitdem ich an MS erkrankt bin, versuche ich immer noch, acht- bis zehnmal pro Monat aufs Wasser zu gehen. Wie lange eine Session dauert, ist von der Ta­ges­form abhän­gig. Mal ist es eine Stunde, an guten Tagen gehen auch mal zwei Stunden. Die positiven Effekte von Sport bei MS-Erkrankungen sind wissenschaftlich bewiesen. Entsprechend befürworten meine behandelnden Ärzte, dass ich regelmäßig kite.  

Ich habe gelernt: Egal welche Könnensstufe man hat und egal wie alt man ist und welche körperlichen Einschränkungen man mitbringt – Kitesurfen ist immer irgendwie mög­lich. Das ist mein Motto. Leuten, die daran zweifeln, sage ich immer: Sucht euch Material, das zu euch passt, erstellt euch einen persönlichen Trainingsplan, geht so oft wie möglich aufs Wasser und habt einfach nur Spaß dabei. Dann ist mehr möglich, als man oft denkt.