Mauritius Local Willow River Tonkin ist quasi in der Megawelle One Eye aufgewachsen. Im Gespräch mit KITE erklärt er, wie man den Ritt auf dem Monster übersteht.

Willow River Tonkin kitet die Risenwelle One Eye

One Eye ist ein rollender Mythos, eine der schönsten und besten Wellen der Welt. Und eine der gefährlichsten. Ablandiger Wind, Strömung, ein messerscharfes Riff – alle diese Komponenten sind für One Eye Fluch und Segen zugleich. Wer sich hier an einem Bigday hinein wagt und den Ritt heil übersteht, darf sich zur Wave-Elite zählen. In den Siebziger Jahren kamen die ersten Australier auf der Suche nach neuen Wellen nach Mauritius. Eine Legende besagt, dass das Land am Spot bei Le Morne damals einem einäugigen Bauern gehörte. Als die Australier am Strand auf den Einäugigen trafen, war der Name geboren: One Eye. Seitdem verbreitet sich der Name wie ein Lauffeuer.

Nie unterschätzen: das tückische Riff

An kleineren Tagen kann One Eye tückisch sein. Die überschaubare Größe der Wellen lässt einige Leute glauben, es könne nichts passieren. Doch das ist ein gewaltiger Trugschluss. Wellen mit ein, zwei oder sogar drei Metern Höhe brechen genau über dem flachsten Teil des Riffs. Wenn dann etwas schief geht, zerfleischt dich das Riff. Außerdem wird es bei kleineren Wellen relativ voll im Wasser. Dann sind dort einige selbsternannte Superhelden unterwegs, die leider oft keine Ahnung haben, was sie da eigentlich tun. Sie unterschätzen die Gefahren von One Eye komplett. Dennoch, oder glücklicherweise: Wirklich schlimme Unfälle mit ernsthaften Verletzungen oder vermissten Personen haben wir hier relativ selten. Die Welle verspeist allerdings gerne mal Kites zum Lunch.

Willow River Tonkin kitet die Risenwelle One Eye

Nicht auf die Rescueboote verlassen

Die richtigen Bigdays sind die Bedingungen, die One Eye so besonders machen. Dann wird die Welle endlos lang und brutal steil. Es bauen sich riesige, cleane Barrels auf, in denen Du locker stehen kannst. Dann wagen sich auch nur noch wenige Kiter in die Welle. Das Problem ist, dass ab einer Wellenhöhe von vier bis fünf Metern der Channel zwischen One Eye und Manawa für Rescueboote nicht mehr passierbar ist. Die Wellen brechen dann sogar im Channel. Da ist für Boote kein Durchkommen mehr möglich. Wenn dir etwas passiert, kann dich niemand retten und gegen die starke Strömung hast du keine Chance, wieder zurück zum Strand zu schwimmen. Ich traue mich bei Wellen über sieben Metern nur noch raus, wenn ich weiß, dass mich notfalls ein Boot herausfischen kann. Wenn das nicht geht, rate ich jedem, es bleiben zu lassen und innerhalb des Riffs zu kiten. Es ist das Risiko nicht wert.

Willow River Tonkin kitet die Risenwelle One Eye

Nie ohne Notfallplan im Hinterkopf

Bisher hatte ich meistens Glück. Ernsthaft schlimme Waschgänge in der Welle hatte ich selten. Natürlich waren ein paar üble Wipeouts dabei, bei denen ich den Kite gecrasht habe. Doch ich bin immer ruhig geblieben und deshalb relativ glimpflich davongekommen. Die Probleme beginnen so richtig, wenn man Panik bekommt. Wenn du nicht die Ruhe bewahrst, wird das ein Waschgang, den du nie wieder vergisst.

Es ist ratsam, für den Fall der Fälle in One Eye immer einen Notfallplan im Kopf zu haben. Wenn ich meinen Kite in der Welle crashe, löse ich sofort aus. Dann versuche ich so schnell wie möglich weg von meinen Leinen zu schwimmen. Das ist enorm wichtig, denn das rettet im Ernstfall dich selbst und deinen Kite. Wenn möglich, befestige ich den Kite an meiner Leash. Dann versuche ich, mich von einer Welle wieder auf die Innenseite des Riffs spülen zu lassen. Dort bin ich relativ sicher, kann meinen Kite und meine Leinen checken und versuchen, ob ich ihn wieder gestartet bekomme.

Willow River Tonkin kitet die Risenwelle One Eye

Immer die Windbedingungen im Auge behalten

Die beste Swell-Richtung für One Eye ist Süd oder leicht Südsüdwest. Wenn der Swell aus Westen anrollt, wird One Eye brutal schnell und bricht ziemlich close out. One Eye ist ohnehin eine der schnellsten Wellen, die ich jemals auf diesem Planeten gesurft bin. Auf die Windbedingungen sollte man auch ein genaues Auge haben. Wenn der Wind stark aus Ost bläst, wird es schwierig, die Turns noch richtig rund zu fahren, besonders backside. Bei Südost hat man die perfekten Side-Off-Bedingungen, um Turns mit Vollgas ziehen zu können. Generell kann man in Bezug auf die Windrichtung sagen: Je mehr Ost, desto ablandiger kommt der Wind und desto größer wird auch das Risiko, dass der Wind plötzlich versagt. Das liegt an dem Berg Brabant in Le Morne. Je mehr der Wind südlich kommt, desto mehr hat man Sideshore-Bedingungen. Höllisch aufpassen muss man, sobald irgendwo Regen oder große dunkle Wolken aufziehen. Dann sollte man schleunigst zusehen, dass man ins Innere der Lagune kommt. Der Wind kann von jetzt auf gleich absterben. Und mit „absterben“ meine ich wirklich komplett weg binnen einer Minute.

Willow River Tonkin kitet die Risenwelle One Eye

Alternative für weniger erfahrene Kiter: Manawa

One Eye übt eine immense Anziehungskraft auf Wavekiter aus. Doch für unerfahrene Kiter ist die Welle definitiv nicht geeignet. Wenn man sich an große Wellen herantasten will, empfehle ich Manawa. Sie läuft links von One Eye in Sichtweite, ist viel relaxter und vor allem langsamer. Die Welle läuft super smooth und bricht relativ offen, sogar wenn sie groß ist. Manawa ist die beste Welle, um ein richtiges Gefühl dafür zu bekommen, was Kitesurfen im Wortsinn eigentlich bedeutet. Erst wenn man das draufhat, kann man langsam hinüber nach One Eye schielen.

Willow River Tonkin kitet die Risenwelle One Eye