Kiten auf Rügen am Spot Dranske

Hier begann alles für mich. Jedes Mal, wenn ich über die Hochbrücke von Stralsund auf die Insel Rügen fahre, beschleicht mich so ein hei­me­li­ges Gefühl. Streng genommen ist das Blödsinn, denn ich bin hier we­der geboren noch aufgewachsen. Doch in Bezug aufs Kiten fühlt sich Rügen für mich nach Heimat an – auch wenn ich nur selten dort bin. Vor vielen Jahren habe ich meine ersten richtigen Stehversuche auf dem Wieker Bod­den am Ende der Wit­to­wer Halbinsel gemacht. Seitdem hat es mich immer wieder dorthin gezogen.

Text: Arne Schuber / Fotos: Hans-Martin Kudlinski

Vielleicht sind wir Kiter ja wie Lachse, die an den Ort ihrer sportlichen Kinderstube zurückkehren. Mit der Einschränkung, dass wir dabei zum Glück nicht das Zeitliche segnen. Das wäre zumindest ein plausibler Grund, warum Fehmarn heute aus allen Nähten platzt, zählt man mal die dortigen Kite­schulen durch. Auch Rügen ist längst kein Geheimtipp mehr, Kiteschulen gibt es dort en masse und es wäre albern, Deutschlands größte Insel als unentdecktes Hideaway für Kiter anzupreisen. Doch durch ihre schiere Größe bietet die Ost­see­insel noch erstaunlich ruhige Flecken, die sich zu entdecken lohnen. Und in der Vor- oder Nachsaison kann man sogar das Glück haben, sich mutterseelenallein an den feinsten Spots austoben zu dürfen.

Fluch der Schönheit: Rosengarten

Kiten auf Rügen am Spot Rosengarten
Kiten auf Rügen am Spot Rosengarten
Kiten auf Rügen am Spot Rosengarten
Kiten auf Rügen am Spot Rosengarten
Kiten auf Rügen am Spot Rosengarten

So geschehen im April 2019. Nachdem Fotograf Hansi und ich bei fros­ti­gen Temperaturen für Teil 1 unseres Ostsee-Trips das Salzhaff und den Darß ab­­ge­grast hatten, bin ich nach einer Woche zugegeben froh, als mein Telefon klingelt. Clemens Meincke erzählt, er sei auf Rügen am Rosengarten, die gute Ostwind-Vorhersage halte auch für die kommenden Tage noch an und er wäre dort bisher allein – für den Rosengarten trotz Ne­bensaison unge­wöhnlich. War man eine Woche zu zweit in einem VW-Bus zusam­men­ge­pfercht, sind neue Ge­sich­ter eine nette Ab­wechslung, auch wenn man sich noch so gut versteht. Wir rollen, besser gesagt holpern in unserem mobilen Mini-Heim über den ausgefah­renen Feldweg vom Gut Rosengarten hinunter zum gleichnamigen Spot. Das Revier gehört zu den besten und gleichzeitig abgelegensten Flachwasser-Spielwie­sen für Ostwind-Tage. Früher gab es mal zwei Zufahrten. Die nördliche wurde mit einem Stein blockiert, weil offenbar zu viele Kiter der Ansicht waren, auf den Feldern rund um die lange Bucht herrsche rechtsfreier Raum. Falsch gedacht, denn Verkehrs- sowie Benimmregeln gelten auch dort. Die südliche Zufahrt ist noch offen, allerdings mache ich mir beim Anblick der zahlreichen Reifenspuren ein paar Gedanken. Offensichtlich schonen die Kiter lieber ihre Achsen anstatt das Saatgut auf den Feldern. Man fährt den Bauern die Äcker zu Brei, um den Schlaglöchern auszuweichen. Bin gespannt, wie lange die sich das wohl noch gefallen lassen. Das­selbe gilt fürs Übernachten am Spot. Es ist offiziell nicht gestattet, gerade während der Hochsai­son wird oft kontrolliert, doch der lange Uferstreifen mit seinen kleinen Gras­inseln und der Möglichkeit, sein Auto eine Boardlänge von der Wasser­kante entfernt zu parken, ist für viele Camping-Kiter anscheinend zu verlockend. Das Risiko eines Strafzettels wegen Wildcampens nehmen viele in Kauf. Dabei ist die ganze Insel übersät mit guten Camping- und Stellplätzen. Der „Ich mach, was ich will!“-Punkrock-Teil meiner Seele versteht das, doch nachhaltig zur Spot­-Erhaltung trägt das sicher nicht bei.

Und ginge der Rosengarten verloren, es wäre ein Jammer: Kilometerweit stehtiefes Wasser, auf dem sich allenfalls ein kleiner Wind-Chop kräuselt, viel Platz und meistens herrlich konstanter Wind machen den Rosengarten zum Top-Spot für Ostwind. Und wenn man dort vor sei­nem Camper sitzt und auf die um­lie­genden Hügel und die weite Boddenlandschaft schaut, kommt man nicht umhin fest­zustellen: Rügen ist eine wahre Natur­schönheit! Wir toben uns den ganzen Tag mit Clemens, Max und ihren Freunden auf dem Wasser aus. Mehr als eine Handvoll Kiter trau­en sich bei den Temperaturen offen­bar nicht hinaus, sodass wir den XXL-Tümpel fast für uns allein haben.

Weißer Sand und feine Wellen: Lobbe und Baabe

Kiten auf Rügen am Spot Garger
Kiten auf Rügen am Spot Garger
Kiten auf Rügen am Spot Garger
Kiten auf Rügen am Spot Garger
Kiten auf Rügen am Spot Garger

Nachdem die anderen am Nachmittag die Heimreise angetreten haben, entscheiden Hansi und ich, das aufklarende Wetter und den guten Wind zu nutzen, um die Ostseite der Insel zu erkunden. Auf der schmalen Land­zunge Mönchgut war ich schon vorher, doch die meisten Kite-Spots kenne ich bisher nur vom Vorbeifahren. Wir zuckeln durch uralte Alleen, die die sanfte, sattgrüne Hügellandschaft Rügens durchziehen, vorbei an alten Landgütern, vergessenen Dörfern, reetgedeckten Häuschen und mon­dänen Seebädern. Als wir auf den Parkplatz zwischen Lobbe und Thiessow kurz vor der Abzweigung nach Gager rollen, bricht wie bestellt die Sonne durch die Wolken. Trotz der Kälte bekomme ich Lust, mich wieder in meinen dicken Neo zu pellen, denn es ballert bereits mit 25 Knoten, Tendenz steigend. Der Spot liegt in einer lang ge­zo­ge­nen Bucht hinter einem kleinen Wäld­chen nur zwei Minuten Fußmarsch vom Parkplatz entfernt. Der Wind kommt fast voll auflandig und schiebt gut einen Meter hohe Wellen auf den feinsandigen Strand, was das Hinauskreuzen erschwert. Die Schaumkämme machen längsseits Jagd auf meine Boardkante, doch mit etwas Bein­arbeit gewinne ich schnell Höhe. Dafür formen die Sandbänke zwischen den auslaufenden Wellen spiegel­glatte Flachwasser-Segmente, die sich perfekt für schnelle Takeoffs eignen. Ein ums andere Mal schicke ich meinen Neuner in die oberen Stock­werke und kann den fantastischen Rundblick genießen. Erstaunlich auch hier: Ich bin mal wieder al­lein auf dem Wasser. Langsam kommt mir das gespenstisch vor.

Nach 45 Minuten spüre ich die Kälte und die anstrengenden Vortage in meinen Knochen, in meinem Magen brüllt ein Tier nach Futter. Wir packen ein und begeben uns auf Nahrungssuche. Aufgrund der Vor­saison hat kaum etwas offen. Kuli­narische Ansprüche stellen wir sowieso hintan. Primärziel: satt werden, Sekundärziel: schlafen. Nach ein paar Fehlversuchen landen wir ausgehungert in Gager. Das Res­tau­rant „Zum Anker“ versprüht Ostalgie, junge Kerle mit zotteligen Haaren kehren dort offenbar selten ein. Wir fühlen uns wie Affen im Zoo, so erstaunt, wie uns Bedienung und die paar anwesenden Gäste mustern. Egal, die Küche ist noch heiß und es gibt sogar frischen Fisch. Den spülen wir mit zwei Fischergeist hinunter. Bisher dachte ich, dass mich kein Schnaps der Erde so schnell aus den Latschen hauen könnte, doch das Zeug ist der Endgegner – und wird natürlich brennend serviert. Auch wenn es sich zunächst anders anfühlt: Es macht nicht blind, nur sehr schnell sehr besoffen. Was uns zu der Konsequenz führt, ohne Umwege den nächsten Stellplatz für die Nacht zu suchen. Ein paar Hundert Meter weiter am Hafen von Gager werden wir fündig. Dort darf man legal mit Parkschein die Nacht verbringen und genießt dazu noch einen malerischen Sonnenuntergang direkt vor der Windschutzscheibe. Besser geht es kaum. Der Fischergeist bekommt im Magen Gesellschaft von ein paar obligatorischen Gute-Nacht-Bieren, bevor wir todmüde in unsere Schlafsäcke kriechen.

Kiten, Kitsch und Cappuccino – Baabe und Sellin

Kiten auf Rügen am Spot Baabe
Kiten auf Rügen am Spot Baabe
Kiten auf Rügen am Spot Baabe
Kiten auf Rügen in Sellin
Die Seebrücke von Selling
Die Seebrücke von Selling

Für den nächsten Tag nehmen wir uns Baabe und Sellin vor. Der Kite-­Spot in Baabe liegt am Rand der Strand­straße. Das Bild ist typisch für die Rügener Seebäder: Cafés, kitschige Nippes-Lädchen und Markt­stände, die den ortstypischen Sanddorn mit viel Fantasie zu mal mehr, mal weniger genießbaren Nahrungsmitteln verarbeiten, buhlen um die zumeist betagte Kundschaft. Kiter sehen wir auch hier keine – obwohl mit der „Casa Atlantis“ sogar eine Kite-­Unterkunft mit Schule an der Hauptstraße liegt. Nur ein paar Rentner lassen sich den frischen Wind um die Nase wehen. Vom Parkplatz Fischerstrand sind es nur wenige Schritte bis zum Wasser. Die Bedingungen sind mit Lobbe am Vortag vergleichbar: auflandiger Wind und kleine bis mittlere Wellen, dazu ein weitläufiger, feinsandiger Strand, der mit Strandkörben und Spaziergängern gespickt ist. Allerdings verläuft die Küstenlinie etwas mehr nach Nordosten exponiert, Lobbe steht circa 45 Grad mehr nach Ost, sodass man je nach Windrichtung zwischen Lobbe und Baabe wählen kann, um Side- bis Side-on-Bedingungen zu bekommen. Wenn es dort etwas länger und kräftig aus östlichen Richtungen bläst, erwischt man sogar größere Wellen. Der Untergrund fällt sanft ins Meer ab, sodass die ersten 50 bis 100 Meter stehtief sind. Für Anfänger eignet sich der Spot allerdings nur bedingt, denn die Wellen erschweren den Start und das Höhelaufen. Wer lieber festen Boden unter den Füßen hat, fährt die rund elf Kilometer weiter südlich in Richtung Thiessow. Wir orientieren uns weiter nach Nor­den. Ein kurzer Touri-Stopp auf einen über­teuerten Cappuccino auf der berühmten Seebrücke in Sellin und wir kurven weiter zur nächsten Sundowner-Session an einer der wohl abgefahrensten Kite-Kulissen überhaupt.

Kolossaler Zeitzeuge: Prora

Kiten auf Rügen am Spot Prora
Kiten auf Rügen am Spot Prora
Kiten auf Rügen am Spot Prora
Kiten auf Rügen am Spot Prora

Architektonisches Zeugnis des Nazi-­Größenwahns: Zwischen 1936 und 1939 sollte auf einer Länge von vier­einhalb Kilometern in acht baugleichen Blöcken der „Koloss von Prora“ aus dem Boden gestampft werden. Im KdF-Seebad Rügen sollten Zig­tau­sende regimekonform gleichzeitig ihre Ferien verbringen. Fertig­gestellt wurde das Monstrum nie und während des Kriegs teilweise zerstört. Während des Kalten Kriegs nutzte die DDR-Regierung die fünf verbliebenen Blöcke als Kaserne. Nach der Wende wusste man bei der Bundeswehr nichts mit dem Ungetüm aus Beton und Stahl anzufangen, das Gelände wurde abgewickelt und begann zu verwittern. Erst seit 2004 werden Segmente einzeln verkauft und teilweise renoviert. Die neuen Eigentums- und Ferienwohnungen gehen trotz der ho­hen Preise weg wie Bernstein-Andenken auf dem Touri-Markt, während am anderen Ende die Gebäude vor sich hin bröckeln – ein merkwürdiger Kontrast. Wer zwi­schen den Kite-­Sessions etwas für die Allgemeinbildung tun möchte, dem sei ein Besuch im Dokumentationszentrum Prora wärmstens ans Herz gelegt. Gekitet wird in Prora vor allem in der Vor- und Nachsaison bei östlichen Windrichtungen.

Im Hochsommer tummeln sich dort zu viele Badegäste. Der Spot liegt in Blickweite zum berühmten Wave-Spot Neu Mukran, der an strammen Ostwind-Tagen sicher zu den besten Wellenrevieren in Deutschland gehört. Prora ist gemäßigter. Trotzdem kann auch hier ein netter Ostsee-Swell anrollen, der allerdings nicht ganz so sauber läuft. Dafür genießt man dort mehr Platz und muss beim Starten keine Stromleitung fürchten. Die Wellen in Prora laufen über Sandbänke aus und bieten eine schöne Abwechslung aus kleinen Rampen und Glattwasser zum Springen. Und wie soll es auch anders sein: Wir sind mal wieder allein auf dem Wasser und toben uns aus, bis die Oberschenkel glühen.

Es ist schon fast dunkel, als wir schlot­ternd und mit blauen Lippen den Rückweg zum Parkplatz antreten. Da wir beide eine Dusche und etwas Wärme dringend nötig haben, gönnen wir uns etwas Wellness. In Sa­gard gibt es eine Badewelt, die bis 22 Uhr geöffnet hat. Draußen im Garten dampft ein Whirlpool, in dem wir uns eine gute Stunde gar köcheln lassen, bis das Gefühl zurück in die Gliedmaßen kehrt. Von Sagard sind es nur wenige Kilometer bis zum Wohnmobilstellplatz in Juliusruh kurz vor meiner alten Kite-Heimat, der Wittower Halbinsel mit den Spots Wiek und Dranske. Wir pennen eine letzte Nacht im Bus, vernichten die übrigen Bier-Reserven und freuen uns trotz der üppigen Windausbeute und fantastischer Kite-Sessions langsam auf die Heimreise.

Der letzte Zipfel vor Hiddensee: Dranske

Kiten auf Rügen am Spot Dranske
Kiten auf Rügen am Spot Dranske
Kiten auf Rügen am Spot Dranske
Kiten auf Rügen am Spot Dranske
Kiten auf Rügen am Spot Dranske

Da die Ostwind-Periode ungewöhnlich lang seit über einer Woche anhält, lassen wir Wiek aus. Der Spot am weitläufigen Bodden funktioniert nur bei westlichen Richtun­gen. Dort liegt eins der größten, stehtiefen Flachwasserreviere des Landes – mei­ne Kite-Kinderstube und ein per­fek­ter Spot für Aufsteiger ebenso wie für Free­styler, die entlang der Schilf­buchten wunderbar flaches Was­ser auskosten können. Auf der ge­gen­über­liegenden Seite in Dranske geht man bei östlichen Windrichtungen aufs Wasser. Wer hier hoch genug springt, kann bis hinüber nach Hid­den­see schauen. Die Wiese zum Aufbau­en, der Einstieg und der Stehbereich dort sind etwas kleiner als in Wiek, ansonsten stellen sich die Be­dingun­gen vergleichbar dar. Dafür genießt man dank der Kite-Station der Rügen Piraten eine gute Infrastruktur am Spot. Im Café nebenan bekommt man frischen Kaffee, Kuchen und ein kühles Bier nach der Session. Dort trifft man fast immer auf Gleichgesinnte. Ich erinnere mich noch gut an die wilden Partys, die die Stationsbetreiber Christoph, Flo und ihre Leute damals wie heute aufgezogen haben. Legendär ist das Testi­val mit der noch legendäreren Party gefolgt von Stevens After-Hour am Strand vor Hiddensee. Vielleicht auch ein Grund, warum ich immer so gern an meine ersten Kite-Jahre auf Rü­gen zurückdenke, auch wenn es mich sicher ein paar Gehirnzellen gekos­tet hat.

Eine letzte Session und es wird Zeit für den Heimweg nach München. Beim Übersetzen mit der Wittower Fähre spüre ich wieder dieses heimelige Gefühl gemischt mit etwas Wehmut. Der Trip hat sich für mich wie Nachhausekommen angefühlt. Ich weiß, dass es dauern wird, bis ich das nächste Mal vorbeikommen werde. Aber gleichzeitig fühle ich die Gewissheit, ich kann gar nicht anders, als irgendwann wieder zurückzukehren. Wie einer von diesen Lachsen…

Gut zu wissen

Beste Reisezeit:
Faustregel: Ostern bis Oktober – davor und danach kann man zwar ebenfalls kiten, doch be­fin­det sich die Insel samt vielen Hotels, Campingplätzen und Res­tau­­rants während der Off-Season im Winterschlaf.

Wind:
Auf Rügen bekommt man das volle Aufgebot des deutschen Aiolos ab: Von seichter Seebrise bis Sturm ist alles möglich, also sollte man jegliche vorhandenen Kite-Größen einpacken. Dank der exponierten Lage kommt auf Rügen oft häufig mehr Wind an als weiter südlich auf dem Festland. Typisch deutsche Küste: Die Windwahrscheinlichkeit im Frühjahr und Herbst ist deutlich höher als im Hochsommer, westliche und östliche Winde bestimmen die Hauptwindrichtungen.

Unterkunft:
Rügen bietet unzählige Ho­tels, Ferienwohnungen und Campingplätze. Wir empfehlen, mit dem Camper zu reisen, um die Vielfalt der Insel und die unter­schiedlichen Kite-Spots aus­kos­ten zu können. Spotnahe Camping- und Stellplätze gibt es in Lobbe, Baabe, Prora (Wohnmobil-Oase), Wiek (Surf und Kite Camp Wiek) und Dranske (Caravancamp Ostseeblick).

Für windlose Tage:
Kreidefelsen, Nationalpark Königsstuhl, Ostseebäder Binz, Baabe und Sellin (Seebrücke), Prora, Kap Arkona, Hiddensee, Stralsund.