Im österreichischen Salzkammergut gleich hinter der Grenze zu Bayern wächst seit Jahren eine vitale Kite-Szene. Der Grund liegt auf der Hand: An den Seen findet man fast immer irgendwo Wind. Der Trick ist nur zu ­wissen, wann und wo man suchen muss. Denn die lokalen Windsysteme in der Region sind eine kleine Wissenschaft für sich. Der SalzburgerHeiko Mandl lüftet die Wind-Geheimnisse seiner Kite-Heimat.

Am Südwest-Ende vom Mondsee verstärkt die „Düse“ den Wind
Text: Heiko Mandl // Fotos: Tom Ott, Heiko Mandl

Nebelwind, Brunnwind, Ober- und Niederwind, dazu Warm- und Kaltfronten – wer sich auf den Seen des Salzkammerguts zurechtfinden möchte, sollte entweder diplomierter Meteorologe sein oder einen guten Draht zur lokalen Kite-Szene haben. Hier hat jeder See seine eigenen Windgesetze. Und weil das allein noch nicht kompliziert genug ist, hängen diese wiederum mit der euro­päischen Großwetterlage zusammen. Zu kompliziert für den Kite-Urlauber? Keineswegs! Mit ein wenig Know-how und Wetterkunde lassen sich in der Region um Wolfgangsee, Mondsee, Wallersee und Traunsee herrliche Kite-Sessions, noch dazu mit atemberaubender Alpenkulisse, genießen.

Dass die Region Potenzial hat, be­wei­sen die namhaften Kiter, die sie her­vorgebracht hat. Allen voran Free­style-Profi Stefan Spießberger, der am Traunsee seine ersten Kite-­Versuche unternommen hat und auch heute noch, so oft es geht, an seinem Home-Spot auf dem Wasser anzutreffen ist. Ein anderer Kiter, der sich über die Grenzen seiner Heimat hinaus einen Namen gemacht hat, ist Heinar Brandstötter. Als heute ebenfalls erfolgreicher Snow-Kiter lernte er am Mondsee das Kiten, wo sein Bruder Hardy lange eine Kiteschule betrieb und als einer der Kite-Pioniere gilt. Heinar ist auch heute noch dem Mondsee treu geblieben. Die „Düse“ ist für ihn der Spot to be. Für Männer wie Heinar und Stefan ist Kitesurfen mehr als nur ein Sport – es ist eine Lebenseinstellung.

Die Szene wäre natürlich nichts oh­ne die vielen Locals, die ihre Seen kennen wie die eigene Westentasche. Auf gut Glück zu einem See zu fahren und auf Wind zu hoffen ist kein guter Ratschlag. Die lokalen Windsysteme sind speziell und erfordern mehr Wissen um regionale Besonderheiten als der Gardasee. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass viele der Kite-Spots für Anfänger ungeeignet sind. Denn die Start­plät­ze bieten meist nur wenig Platz und der Zugang zum Wasser erfordert ein gewisses Maß an Kön­nen. Wer das mitbringt, wird er­staun­lich oft mit Traumbedingun­gen vor einer atemberaubenden Bergkulisse belohnt. Kiten vor den majestätischen Alpen Österreichs, das ist ein besonderes Erlebnis. Dazu ist jeder See irgendwie besonders: das leuchtende, türkisblaue Wasser des Wolf­gangsees, der Mondsee, der im Herbst vom Nebel verhüllt liegt und mit seiner mystischen Stimmung verzaubert, oder der bild­schöne Traun­see in der Sommer­son­ne – Kiten im Salzkammergut ist eigentlich immer ein Erlebnis.

Die Bucht in Seekirchen ist der beste Anlaufpunkt für Ostwindtage

Windvielfalt am Wallersee

Der Wallersee ist für Hartgesottene ein Ganzjahres-Spot, der sowohl bei West- als auch bei Ostwind­ gut funktioniert. Im Frühjahr erwärmt er sich als einer der ersten Seen der Region auf erträgliche Wassertemperaturen. Schönes Wetter ist bei Ost­windlagen garantiert. Bei Westwind fällt der Wind über die Hügel von Seekirchen in das Becken ein und kann den See mit bis zu sieben Windstärken in eine brodelnde Suppenschüssel verwandeln. Kommt er zu nördlich, kann er allerdings recht böig werden. Wenn der Wind ausbleibt, kann man sich am Wallersee mit SUP-Ausflügen oder bei einer Seeumrundung mit dem Mountain­bike die Zeit vertreiben. Die beste Kite-Zeit erstreckt sich vom Frühjahr bis in den Herbst. Selbst im Sommer sind Ostwindtage mit sechs Beaufort möglich, wenn auch nicht die Regel. Sobald die Herbststürme über den See ziehen, hat der Wallersee Hochkonjunktur. Bei sehr starker Abkühlung in einer Schlechtwetterfront sollte man allerdings bei Nordwestwind an den Wolfgangsee ausweichen.

Der Spot Zell am Wallersee liegt an der Nordwestseite des Seeufers. Ob West oder Ost, hier funktionieren fast alle Windrichtungen gut. Nur wenn der Wind zu nördlich einfällt, schirmt ein Hügel die Luftmassen ab. Der Parkplatz ist gebühren­pflich­tig, dafür wartet eine große Liege­wie­se auf die Kiter. Im Hochsommer kann es jedoch durch die Badegäste sehr voll werden, dann ist Kiten nicht erlaubt. Im Uferbereich sollte man auf der Hut sein, denn hier ist der Wind meist böig. Draußen auf dem See wird er dann konstanter. Der Einstieg ist sehr flach mit einem kurzen Stehbereich.

Die Alternative bei Ostwind ist der Badestrand in Seekirchen. Auch hier haben im Hochsommer die Bade­gäste das Sagen, sodass der Spot in dieser Zeit gemieden werden sollte beziehungsweise bei Hochbetrieb das Kiten ohnehin nicht erlaubt ist. In der Nebensaison hat man dafür genug Platz und der Badestrand ist der ideale Spot bei Ostwind. Gelauncht wird bei einem großen Steg, die ersten Meter müssen aus der Bucht gegen den Wind gekreuzt werden. Danach kann man die gesamte Breite des Sees auskosten. Zum Aufwärmen oder Energietanken bietet sich das Restaurant direkt beim Bade­strand an.

Der Nebelwind verleiht dem Mondsee seine mystische Stimmung

Nebelwind am Mondsee

Der Mondsee hält für Kiter ein ganz besonderes Schauspiel bereit. Er funk­tio­niert zwar auch bei normalen Nordwest- und zum Teil auch Süd­win­den, doch finden sich für die­se Windrichtungen keine offiziel­len Einstiege. Wie und wo die Locals dann trotzdem aufs Wasser kommen, bleibt ihr gut gehütetes Ge­heim­nis. Die Zeit der guten Mond­see-­Tage be­ginnt im Herbst, wenn die Tem­pe­ra­tur­schwan­kungen zwischen Tag und Nacht hoch sind und sich da­durch zwischen Mondsee und Attersee eine Nebelbank bildet. Wehen dazu eine leichte Ostströmung und am Feuerkogel ein leichter Südwind (Infos auf der Ober­öster­reich-Wet­ter­seite von ORF.at), dann kann der Nebelwind gute sechs Beau­fort erreichen. Am besten gekitet wird über die Mittagsstunden. Wenn der Nebel verschwindet, bricht auch der Wind ein und der Spuk ist wieder vorbei. Der Nebelwind kann bis in den November funktionieren. Dank des Föhns ist es dann meistens sogar sonnig und warm. Am Mondsee gibt es nur zwei Kite-Spots am südöst­li­chen Ende des Sees: die Fischzucht und der Badestrand. Leider sind das die einzigen Möglichkeiten, hier aufs Wasser zu kommen. Beide funk­tio­nieren bei südöstlichen Winden. Die „Düse“ liegt in der Engstelle nörd­lich der Fischzucht zwischen Kreuz­stein und Oberburgau.

Steile Felswände rahmen das Bergpanorama am Wolfgang­see ein

Starkwind-Hotspot Wolfgangsee

Der Wolfgangsee ist die erste An­lauf­stelle der Salzkammergut-Locals für Starkwind. Kaltfronten schaufeln häufig kräftigen Wind über den See. Sobald sich eine Kaltfront der Re­gi­on nähert, ist der Parkplatz beim „Gamsjaga“ (nahe der Ortschaft Gschwand) brechend voll. Oft scheint die Sonne bei sommerlichen Temperaturen, bis die Front von Nor­den mit dunklen Wolken hereindrückt. Dann geht alles sehr schnell. Binnen weniger Mi­nu­ten ver­wandelt sich der See in eine kochende Suppe mit einer guten Welle. Die Luft kühlt meist über zehn Grad herunter. Doch auch bei starkem Föhn ist der Wolfgangsee beliebt. Ideal für Leichtwind-Kiter ist der Brunnwind. Er entsteht im Sommer durch leichte Nordwestströmung, die thermisch unterstützt wird, und erreicht im Schnitt drei bis vier Windstärken.

Bei Nordwest- und Westwind sowie bei Brunnwind sollte man nicht zu spät aufkreuzen, denn es gibt zwar Parkmöglichkeiten, doch die sind begrenzt. An guten Tagen stehen beim Kiteplatz „Gamsjaga“ die Surf-Busse und Wohnmobile Stoßstange an Stoßstange. Wer hier kiten will, sollte unbedingt sicher launchen und landen können, denn der Startbereich hat seine Tücken. Es gibt nur wenig Platz, um den Kite in die Luft zu befördern, und direkt nebenan verläuft die Bundesstraße. Anfänger sind hier leider fehl am Platz, denn man darf sich keine Fehler erlauben. Bei Südwind starten die Kiter auch gerne beim Surfplatz. Die Windsurfer sind dann an einem anderen Spot in Sankt Gilgen und es ist genug Platz vorhanden.

Für Frühaufsteher und Leichtwindfans: Traunsee

Der Traunsee ist der Thermik-Spot in der Region. Dabei spielen zwei Win­de eine entscheidende Rolle: der Niederwind und der Oberwind. In der zweiten Nachthälfte beginnt der stärkere Oberwind aus Süden sein Werk und hält bis circa neun Uhr mor­gens durch. Kite-Frühaufsteher kön­nen nach der Morgen-Session ge­müt­lich frühstücken gehen oder einen Ausflug unternehmen. Der Nie­der­wind beginnt erst am Nachmittag und erreicht meist zwischen drei und fünf Beaufort. Voraussetzung für beide Winde ist schönes Wetter. Wer sich frühmorgens auf dem Wasser austo­ben will, sollte noch in der Nacht ab circa drei Uhr die Windwerte am Feu­er­kogel und in der Stadt Salz­burg checken. Weht am Feuerkogel Wind aus Westnordwest und in der Stadt ein starker Südwind, dann lohnt es sich, Richtung Traunsee auf­zu­bre­chen. Je kräftiger die beiden Winde am Feuerkogel und in Salzburg bla­sen, desto stärker baut sich der Ober­wind auf. Sechs Beaufort sind dann keine Seltenheit. Meist pendelt er sich aber zwischen vier und fünf Wind­stärken ein. Der Niederwind ist ein ther­mischer Wind, der bei schönem Wet­ter und einer Nordostströmung gut funktioniert. Er erreicht selten mehr als vier bis fünf Windstärken, also sollte man auch große Kites oder Foils im Gepäck haben.

Traunkirchen am westlichen See­ufer, bevor sich der See nach Süden hin verjüngt, ist der Spot bei Oberwind. Im Ortszentrum kann geparkt werden, das Material muss man ein paar Meter bis zum Strand schleppen. Da auch hier der Startbereich klein ist, kann es besonders am Wochenende sehr voll werden. Bei Niederwind (Richtung Nordost) fährt man den Kite-Strand in Rindbach bei Ebensee an. Dort bläst der Wind auflandig mit meistens zwischen drei und vier Windstärken.

Gut zu wissen

Anreise:
Circa 180 km von München bis ins Salzkammergut. Über die A8 fährt man nach Rosenheim und weiter an die österreichische Grenze. Von hier über die A1 (Achtung: Maut) Richtung Wien. Je nach See zwischen Ausfahrt Wallersee und Ausfahrt Traunsee abfahren.

Wetter-/Windinfos:
Die beste Website für Windvorhersagen ist das Forum der Lakesurfers, die fast täglich Windinfos bereitstellen. Hier finden sich auch Links zu den bekann­ten Wetterseiten und Windvorher­sagen. Darüber hinaus sind wetteronline.­de, windfinder.com und windguru.cz zu empfehlen. Für lo­ka­le Windinfos ist www.orf.at ideal. Hier werden die aktuellen Wind­werte gezeigt.

Webcams:
Im Forum der Lakesurfers finden sich Links zu den Webcams der ­Region. Hier werden auch die Entwicklungen der letzten Stunden angezeigt, was für die Prognose hilfreich sein kann.

Shops:
Kiteshop.at in Mondsee sowie Boardshop.at in Salzburg.