Schon mal bei Traumbedingungen im September eine Woche jeden Tag auf dem Was­ser gewesen und keine anderen Kiter gesehen? So etwas gibt es – und dafür muss man nicht um die halbe Welt fliegen. Ein Kurztrip an die dänische Ostsee genügt. Das KITE Testteam war im Herbst 2019 auf der Insel Fyn – und kehrte begeistert zurück.

Fotos: Hans-Martin Kudlinski / Text: Arne Schuber
Kiter auf der dänischen Insel Fyn

„Wahnsinn, für solche Spots sind wir früher schon um die halbe Welt geflogen!“ KITE Testchef Michi Vogel steht staunend neben mir, als wir am Morgen nach unserer nächtlichen Ankunft in Fyns Hoved aus dem Cam­per klettern und in der Morgen­sonne direkt an der Wasserkante einen dampfenden Kaffee schlürfen. Michi hat mit dem Kite im Gepäck schon die halbe Welt bereist, doch die dänische Ostsee ist auch für ihn größtenteils Neuland. Und das geht nicht nur ihm so. „Überleg mal, wie wenig in Dänemark los ist, obwohl man dort gut kiten kann. Es gibt noch so viel ungenutzte Kite-Landschaft!“, sagt mir auch Jochen Czwalina, einer der beiden neuen Ge­schäfts­führer bei Core Kiteboarding, zum Abschluss eines Interviews bei den Kitesurf Masters in St. Peter-Ording, als wir über immer voller werdende Spots auf Fehmarn sprechen. Und er hat vollkommen recht.

Kite-Test auf der dänischen InselFyn
Fyns Hoved diente als optimales Testlabor für unseren Foil- und One-Strut-­Kite-Test

Wir Kiter haben doch etwas erschreckend Lemminghaftes. Auf Fehmarn steht man sich mittlerweile schon im Winter gegenseitig auf den Leinen herum. Am Strand von SPO parken an guten Westwind-Tagen mehr Cam­per mit Kite-Aufklebern auf dem Strand als auf einer gut besuchten Wohnmobil-Messe. Und selbst an den bisher wenig frequentier­ten Küstenspots in Schleswig-Holstein muss man sukzessive enger zu­sam­menrücken. Ein ähnliches Bild hinter der dänischen Grenze: Die eingeweihten Locals biegen hinter der Grenze in Kruså rechts in Richtung Kegnæs ab. Alle anderen steuern die Hotspots wie Rømø, den Ringkøbing Fjord oder das Wave-­Mekka Klitmøller mit Hanstholm an. Alles schön und gut, aber auch alles meist arg überlaufen.

Will man den Massen entkommen, muss man lediglich mit dem Finger auf der Landkarte ein paar Zentimeter nach Osten wandern. Die dä­nische Insel Fyn (Fünen) wird erstaunlicherweise von vielen Kitern bisher ignoriert, obwohl sie diverse Kite-Juwelen zu bieten hat. Lediglich die Free­style-Badewanne Spot X hat es zu überschaubarer Bekanntheit gebracht. Als ich 2017 das erste Mal mit den Flensburger Kite-Profis Finn Behrens und Mads Wollesen auf Fyn war, erzählte mir Mads mit leuchtendem Blick von seiner ersten Session am Spot X: „Das ist so krass da: perfekter Westwind, flaches Wasser und nicht mal eine Handvoll Kiter auf dem Wasser. Normalerweise wäre jeder Local angepisst, wenn so ein Sahnetag von ein paar Touristen wie uns gestört wird. Doch die haben sich richtig gefreut, mal ein paar an­de­re Kiter zu sehen!“ Kaum zu glau­ben – aber in Dänemark keine Seltenheit. Dabei liegt Spot X gerade einmal 150 Kilometer hinter der dänischen Grenze. Hvide Sande ist weiter weg.

Kiter am Spot Hoved auf Fyn
Den einzigen Gegenverkehr entlang der Landzunge verursachen die Fischer in ihren kleinen Nussschalen

Einsame Pole-Position am Strand: Fyns Hoved

Für unseren Foil-Test im vergangenen Herbst war ich auf der Suche nach einem geeigneten Spot in Autodistanz. Der Test ist megaaufwendig. Allein die zehn Foils brauchen viel Platz, dazu ein ganzer Haufen Kites, Werkzeug, Zubehör und Foto-Equipment. Ohne Sprinter als rollendes Ma­te­riallager geht da gar nichts. Und den parkt man idealerweise direkt am Ufer, um das Material nicht so weit schleppen zu müssen. „Fyns ­Hoved!“, schoss es mir durch den Kopf, der Spot wäre perfekt. Die Land­zunge formt eine geschützte Bucht, in der das Wasser spiegel­glatt liegt. Die Bucht ist in der Mitte tief, an den Ufern bietet sie teilweise Stehbereiche. Und – einer der Hauptgründe: Dort wären wir ziemlich sicher ungestört.

Nachdem die Windvorhersage vielversprechend aussah und der Wohnmobilhersteller Pössl so nett war, uns auf die Schnelle mit einem großen Camper als mobilem Test­büro zu unterstützen, rumpeln wir spä­tabends Ende September auf der Schotterstraße über die schmale Halbinsel. Der nahe gelegene Campingplatz in dem kleinen Ort hat bereits Nacht­ruhe, also stellen wir uns an den Spot und pennen dort. Klar, legal ist das nicht, doch wenn man sich nicht häuslich einrichtet, keinen Müll hinterlässt und nett zu den Fischern ist, stört das in der Regel niemanden – zumindest nicht in der Nebensaison. Am Morgen werden wir von sanf­tem Wind geweckt. Andere Autos sehen wir nicht. Nur die Fischer basteln an ihren Netzen herum und fahren in kleinen Nussschalen auf die Ostsee hinaus. Linker Hand liegt Korshavn, ein winziger Hafen, bestehend aus nicht mehr als zwei kleinen Boots­anlegern und ohne weitere In­frastruktur. Einen Hafenmeister sucht man vergeblich. Im Sommer ankern in der Bucht einige Segelboote, doch im Frühjahr und Herbst muss man sich die Spielwiese nur mit ein paar Ang­lern teilen.

Kiter auf der dänischen Insel Fyn

Der schmale Kieselstrand schützt die Bucht vor Wind, der aus Südsüdwest frei über die Ostsee wie aus dem Föhn geblasen kommt, und lässt eine perfekte Flachwasserpiste in Lee entstehen. Hastig schrau­ben wir die ersten Foils zusammen, springen in die Neos und pumpen die Kites auf der kleinen Grünfläche hinter den Autos auf. Drei, vier Schritte ins Wasser – und schon foilt man los. Wer Flachwasser liebt, bleibt nördlich in der nach Süden hin offenen Bucht. Kleine Windwellen laufen im südlichen Teil von der offenen Ostsee herein. Gegenüber liegt eine Insel mit einer steil ab­brechenden Küste im Meer, zu der man in wenigen Schlägen kreuzen kann. Westlich des Bootsanlegers erstreckt sich über den nördlichen Teil bis hin zum östlichen Ende der Bucht ein in Ufernähe steh­tie­fer Bereich, der Havaristen Sicherheit bietet. Notfalls kommt man zu Fuß immer wieder zum Startpunkt, wenn der Wind an der Landzunge ab­landig bläst. Bei Nordwest kann man direkt am Anfang des Strands neben dem kleinen Toilettenhäuschen parken und aufbauen. Dann liegt die Freestyle-Piste nördlich des Bootsanlegers in Lee der Schotterstraße. Selbst südliche und östliche Windrich­tun­gen sind hier fahrbar. Lediglich Nord bis Nordost kommen über den Ort und werden durch den hügeligen Wald geblockt. Man sollte allerdings bei weniger perfekten Windrichtungen nicht in Versuchung geraten, in eine der flachen Buchten am nördlichen Ende der Halbinsel auszuweichen. Denn dort liegt ein Naturschutzgebiet und Kiten ist streng verboten.

Wir genießen ein paar Tage die perfekten Bedingungen, bis wir den Foil-Test im Kasten haben. Pünktlich zum Ende frischt der Wind auf, sodass wir die Produktion mit einer Freestyle-Session auf Twintips beenden können – nach wie vor mut­ter­seelenallein. Wir sind platt und nach fünf Tagen Dauerkiten gelüstet es uns nach ein wenig Wellness. In Fyns Hauptstadt Odense hoffen wir auf ­einen warmen Whirlpool und eine Dusche. Leider leiden die Einwohner Fyns offenbar an Geringschätzung der öffentlichen Badekultur gegenüber. Die meisten Schwimmbäder schließen früh, Whirlpools haben die wenigsten und am Wochenende im Herbst schließt hier sowieso alles recht früh. Also geht es mal wieder ungeduscht weiter. Nächstes Ziel:

Verbotszonen für Kiter am Spot Fyns Hoved
Grün: Innerhalb der südlichen Bucht neben dem kleinen Hafen ist das Kiten erlaubt, der nördliche Abschnitt der Halbinsel (rot) ist für Wassersport­ler Sperrzone (Naturschutz). Entlang der kleinen Insel im Süden (gelb) darf zwischen April und 15. Juli nicht gekitet werden

Spot X

Der Spot liegt an einem schmalen Damm, der die Mini-Insel Helnæs mit Fyn verbindet. Der Damm ist nicht viel breiter als die Straße, die über ihn führt, doch in Fahrtrichtung Nord gibt es immer wieder kleine Haltebuchten, in denen man das Auto abstellen kann. Bei Westwind erstreckt sich am Spot X von Nord nach Süd ein 1,3 Kilometer langes Flachwasser-, Freestyle- und Speed-Paradies. Der Uferbereich ist wenige Meter stehtief, sodass man direkt auf Halbwindkurs an der Was­ser­kante entlangfeuern kann und bei missglückten Sprüngen keine Bauchklatscher in allzu flaches Wasser fürchten muss. Wir erleben Spot X zwar nicht perfekt, denn der Wind kommt mit ein paar Grad zu viel südlichem Einschlag, sodass die Halbwindschläge schräg in die Bucht gehen, aber da wir auch hier allein auf dem Wasser sind, ist das verschmerzbar. Da das Wetter leider typisch herbstlich-dänisch recht durchwachsen ist, kann Fotograf Hansi ausnahmsweise sogar aus dem Camper-Fenster heraus fotogra­fie­ren. Vorteil der Windrichtung: Man fährt ans andere Ende der lagunenartigen Bucht und stellt fest, dass dort ein großer Stehbereich zwischen den Sandbänken liegt. Der bietet Sicherheit, denn auf der Ostseite befindet sich ein schmaler Durchbruch zur of­fe­nen Ostsee. Wer bei ablandigem Westwind genau in diesem kleinen Channel Mist baut und dazu noch Pech hat, indem er die flachen Sandbänke verpasst, könnte in der Helnæs Bugt landen. Doch für so viel Pech muss man sich vermutlich anstrengen. Im Normalfall gilt: Wer nicht mehr zur Straße zurückkreuzen kann, landet im Stehbereich an den Sandbänken und läuft notfalls am Ufer zurück.

Luftaufnahme vom Spot X auf der dänischen Insel Fyn
Der Damm trennt den Spot X von der offenen Ostsee und blockt die Wellen ab

Dennoch ist Spot X Ein­steigern nicht zu empfehlen. Das Starten und Landen der Kites auf dem schma­len Uferstreifen, der noch da­zu mit ein paar pieksigen Büschen be­wach­sen ist, erfordert Erfahrung. Viel Platz gibt es nicht und man sollte wissen, wie man sich richtig auf Halbwindkurs zum Kite positioniert, ehe man den Daumen zum Start nach oben reckt. Infrastruktur wie Toiletten oder Res­taurants in Spotnähe sucht man vergebens, ansonsten darf man eine Westwind-Kite-Session am Spot X mit einem Wort beschreiben: traumhaft. Leider erlaubt es unser gesteckt voller Redaktionskalender nicht, noch weitere Spots auf der Insel zu ent­de­cken. Dabei sollen Ker­teminde, Skåstrup, Flyvesandet und Bogense weitere Leckerbissen bereit­halten. Wir müssen wohl für den nächsten Herbst-Test wiederkommen.

Start und Landen von Kites am Spot X auf der dänischen Insel Fyn
Das Starten und Landen erfordert am Spot X Erfahrung. Viel Platz ent­lang der Straße gibt es nicht. Dafür wartet ein fantastisches Freestyle-Re­vier bei westlichen Windrichtungen

Gut zu wissen

Fyns Hoved

Revier:
Flachwasser in der Bucht, im Ufer­bereich teilweise stehtief. Am Süd­ende der Bucht kleine Windwellen oder Kabbel in der offenen Ostsee.

Windrichtungen:
Alle westlichen Richtungen kommen sehr sauber an. Süd ist böig, aber fahr­bar. Östliche Richtungen funk­ti­o­nieren ebenfalls, solange der Wind nicht zu nördlich kommt. Nordwind wird durch den Wald und den Hügel hinter dem Ort abgeschirmt.

Anreise:
Autobahn von Flensburg über Kolding bis Odense auf Fyn. Nach Fyns Hoved bei Odense auf die Landstraße 165 in Richtung Nordosten abbiegen. Den Ort Nordskov am Ende der Halbinsel kurz vor dem Spot finden die meisten Navis noch, Fyns Hoved ist hingegen nicht auf allen Karten gespeichert. Die Straße durch den Ort bis zum Ende fahren. Sobald der Schotterweg beginnt, sieht man den die Bucht und den kleinen Hafen mit den beiden Bootsstegen links­seitig liegen. Parken direkt am Spot ­möglich.

Spot X

Revier:
Flachwasser, in großen Teilen stehtief, Sandbänke im Bereich des Durch­bruchs zur Ostsee an der Ostseite der Lagune. Wenig Platz zum Starten und Landen und begrenzte Parkmöglichkeiten.

Windrichtungen:
Perfekt bei Westwind, um endlose Halbwindschläge genau in Lee des Damms zu fahren. Südwest bis Nordwest funktioniert ebenfalls, dann mit minimaler Kabbelwelle.

Anreise:
Kurz nach der Autobahnbrücke auf die Insel bei Abfahrt 57 (Nørre Aaby) in südlicher Richtung auf die Landstraße 313. Bei Assens auf die 323 nach Osten abbiegen. In Ebberup geht es rechts ab nach Süden in Richtung Brydegård, Agernæs und auf den Damm zur Insel Helnæs. Parken direkt an der Wasserkante in einer der Haltebuchten entlang der Straße.